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Ermittlungen gegen den "Kaiser"
Beckenbauer hat seinen Glanz verloren

WM 2006: Franz Beckenbauer hat seinen Glanz verloren
Franz Beckenbauer hat an Ansehen eingebüßt. FOTO: dpa, mr nic
Salzburg/Zürich. Wo Franz Beckenbauer war, da war nur Licht und Leichtigkeit. Auf dem Fußballplatz, da umdribbelte der Kaiser die Gegner mit Eleganz. Als Teamchef führte er das im Einheitsstolz schwebende Deutschland 1990 zum WM-Triumph. Das Sommermärchen 2006 war sein Meisterwerk in der dritten Karriere als Geschäftsmann und Sport-Strippenzieher.

Sogar den Sonnenschein konnte er beim Herrgott für vier Wochen teutonische Fußball-Glückseligkeit bestellen. Zehn Jahre später ist der Mythos Beckenbauer beschädigt, sein Lebenswerk wird überschattet von den Anschuldigungen um die WM-Vergabe 2006.

Die dubiosen Überweisungen von umgerechnet 6,7 Millionen Euro zuerst nach Katar an Skandalfunktionär Mohamed bin Hammam und dann über das WM-Ok und die Fifa zurück zu Kreditgeber Robert Louis-Dreyfus bringen Beckenbauer nun doch auch juristisch in Bedrängnis. Noch im März schien es, als die vom Deutschen Fußball-Bund beauftragten Ermittler der Kanzlei Freshfields ihren Bericht präsentierten, dass Beckenbauer zwar moralische Last, aber nicht strafrechtliche Konsequenzen zu (er)tragen hätte. Nun droht Beckenbauer mit den Ermittlungen der Berner Bundesanwaltschaft zumindest in der Schweiz großes Ungemach.

Beckenbauer schweigt zu Vorwürfen

Beckenbauer schwieg am Donnerstag zunächst. So hatte er es in unliebsamen Lagen stets gehalten. Auch als nach und nach seine Verwicklungen in zweifelhafte Praktiken der von ihm geführten deutschen WM-Organisatoren publik wurden. Und wie er es auch meist getan hatte, als seine Rolle als Fifa-Wahlmann der WM-Turniere 2018 und 2022 ins Zwielicht geriet. Erst nach einer Schonfrist meldete sich der 70-Jährige zu Wort und wies alle Vorwürfe in seiner bayerisch-nonchalanten Art zurück.

Krumme Deals, Hinterzimmer-Geschäfte – nein, nicht mit ihm, so lautete die Standardphrase. Und: All das Gerede über Korruption und Bestechung habe ihn vor Jahren nicht interessiert, und heute sowieso nicht, wie er es in seinem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" im November 2015 formulierte. Blanko-Unterschriften im Dutzend habe er ausgestellt. Wenn er alle Papiere gelesen hätte, wäre er heute noch beschäftigt, meinte der Kaiser.

Als der Freshfields-Bericht im März die Zahlungsflüsse, aber eben nicht deren Motivation offenlegte, gerierte sich Beckenbauer weiter als unkundiger Erfüllungsgehilfe im Interesse des deutschen Fußballs. Die simple Logik: Ohne Überweisungen, kein Sommermärchen. Der Preis für die WM-Gastgeberrolle 2006 war eben hoch. Beckenbauer zahlte ihn offenbar zumindest ohne Skrupel.

Auch als Fifa-Funktionär spielte der Kaiser mit im Ensemble rund um den mittlerweile wegen Ethikvergehen gesperrten Ex-Präsidenten Joseph Blatter. Mit den Ermittlern, die die immer noch skandalumwitterte WM-Vergaben an Russland und Katar untersuchten, kooperierte er erst, als es nicht mehr zu verhindern war. Mit 7000 Schweizer Franken fiel die Strafe dafür eher symbolisch aus. Haften bleiben Fragen um Geschäftsbeziehungen in Katar und eine nach dem WM-Zuschlag schnell aufgenommenen Partnerschaft mit Russlands Energie-Riesen Gazprom.

Beckenbauers Entschuldigung mitten im WM-Sommer 2014 klang kurios genug. Er habe die Fragen nicht verstanden, da sie auf Englisch formuliert waren. Der polyglotte Supermann, der einst bei Cosmos New York ein Leben als bajuwarischer Boheme führte, versteht kein Englisch? Kaum glaubhaft urteilte die Weltpresse, kaum möglich urteilten die Fifa-Ethikhüter, die weiterhin auch Beckenbauers Rolle im Sommermärchen-Skandal untersuchen – parallel zur Schweizer Justiz. Weiterhin gilt in dieser Causa die Unschuldsvermutung. Juristisch relevante Vergehen hat Beckenbauer stets zurückgewiesen.

Beckenbauer hat sich im Vorjahr aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen, nach Salzburg zu seiner Familie mit den beiden jüngeren seiner fünf Kinder. Sich endlich um seinen Nachwuchs kümmern zu können, hatte er schon vor einigen Jahren als spätes Lebensziel ausgegeben. Die Experten-Tätigkeit beim Sender Sky wurde beendet. Bei seinem FC Bayern spielt der Ehrenpräsident praktisch keine Rolle mehr. Kurz vor dem 70. Geburtstag war der frühe Tod von Sohn Stefan (46) vor einem Jahr ein privater Schicksalsschlag. Licht und Leichtigkeit sind längst keine Konstanten mehr im Leben des Kaisers.

(dpa)
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