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Ehemaliger DFB-Präsident
Niersbach zieht im Schatten die Fäden

Porträt: Niersbach: Vom Journalisten zum Macher im Fußball
Porträt: Niersbach: Vom Journalisten zum Macher im Fußball FOTO: dpa, Arne Dedert
Düsseldorf. Wolfgang Niersbach betritt in Zürich wieder eine große Bühne, und das ist inzwischen ungewohnt. Seit ihn die WM-Affäre 2006 zum Rücktritt vom Präsidentenamt beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) zwang, hat sich der 65-Jährige äußert rar gemacht. Dabei zieht der einst als Retter der Fifa beworbene "Weltmeister" weiterhin mit die Strippen im Exekutivkomitee des Weltverbandes – die Wirren um das Sommermärchen interessieren nur wenige.

"Bei den vielen Sitzungen der vergangenen Monate waren die Fragen zur WM 2006 nur ein Randthema", sagte Niersbach dem SID vor dem großen Fifa-Kongress am kommenden Freitag (26. Februar): "Das internationale Ansehen des DFB ist nach meiner Wahrnehmung unverändert gut." Für ihn sei es "eine Selbstverständlichkeit, die Interessen des deutschen Fußballs wahrzunehmen, mich dabei mit dem DFB-Präsidium abzustimmen und regelmäßig zu informieren".

"Ein Scheitern wäre ein Albtraum"

Und wie die deutsche Delegation, die inzwischen von Reinhard Rauball (69) und nicht mehr von Niersbach angeführt wird, drängt der ehemalige Journalist vehement auf die Verabschiedung des Reformpakets. "Ein Scheitern wäre ein Albtraum", sagte Niersbach, der seinen eigenen in den vergangen Monaten erlebt hat: "Der Aufbruch zu neuen Ufern, der schon so oft proklamiert wurde, muss nun definitiv gelingen." Niersbachs Rolle dabei hat sich verändert.

Im Juni 2015, damals noch vollkommen unbelastet, schrieb er einen offenen Brief an die 26.000 DFB-Vereine, er skizzierte darin einen Zehn-Punkte-Plan für Reformen bei der Fifa. Nicht wenige hielten den Brief für ein Manifest, ja, ein Wahlprogramm. "Fußball ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Fußball ist Lebensfreude, Freundschaft, Gemeinschaft und Gesellschaft. All das dürfen und werden wir uns nicht kaputt machen lassen", schrieb Niersbach damals. Dann kam der WM-Skandal.

Niersbachs Funktionärskarriere vom Reißbrett ist seitdem zerstört, und niemand beschreibt mehr den märchenhaften Aufstieg eines zielstrebigen, anpassungsfähigen Mannes vom Sportjournalisten zum mächtigsten Mann im deutschen Fußball. Vielmehr wird nachgefragt: Kann so einer noch in den höchsten Gremien bei der Fifa und der Europäischen Fußball-Union (Uefa) sitzen?

"Wolfgang Niersbach ist nicht vom DFB entsandt worden, er kann laut Statuten also auch nicht vom DFB abberufen werden", sagte Rauball der FAZ. Im Übrigen solle es keine "Vorverurteilung" geben: "Es gilt, die Ermittlungen der Kanzlei Freshfields abzuwarten, bevor man sich eine Meinung bildet." Niersbach betont, das Verhältnis zum DFB sei "intakt". Rauball sagt: "Ich bin nicht im Clinch mit ihm."

DFB und Niersbach eint, dass sie wohl etwas bang auf den 4. März schauen. Dann wird der Bericht der Wirtschaftskanzlei Freshfields zur WM-Affäre 2006 auf einer Pressekonferenz vorgestellt, zeitgleich wird er ins Internet gestellt - und: Es sollen Konsequenzen aus dem Abschlussbericht präsentiert und erläutert werden. Wie diese aussehen werden, ist Spekulation.

Niersbachs Rolle jedenfalls wird nicht nur DFB-intern von Freshfields beleuchtet, was in der Folge strafrechtliche Konsequenzen haben könnte - auch die Ethikkommission der Fifa wird Medienberichten zufolge wohl Ermittlungen gegen ihn aufnehmen. Demnach soll nach dem Ende der Freshfields-Ermittlungen die Ethikkommission aktiv werden.

Gegen Niersbach ermittelt zudem weiterhin die Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem schweren Fall. Ergebnis: offen.

(sid)
 
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