WM-Ticket gelöst: Nationalteam schwelgt in Euphorie: Kahn: Wir können jeden schlagen
zuletzt aktualisiert: 15.11.2001 - 13:56Dortmund (rpo). Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schwelgt nach dem 4:1-Sieg gegen die Ukraine in Euphorie. Während Teamchef Rudi Völler erst mal nur erleichtert ist, wagt Torwart Oliver Kahn schon einen Ausblick auf die WM 2002: "An einem guten Tag kann diese Mannschaft jeden Gegner schlagen."
Bundeskanzler Gerhard Schröder gratulierte per Handy, Teamchef Rudi Völler schickte einen Handkuss Richtung Ehefrau Sabrina und die millionenschweren Profis der deutschen Nationalmannschaft feierten nach dem Sieg ausgelassen mit Champagner. "Wenn man bedenkt, wie die letzten acht bis neun Wochen gelaufen sind, kann man sich vorstellen, dass ich sehr erleichtert bin", meinte ein emotional aufgewühlter Völler, der nun auf jeden Fall ebenso wie seine Assistent Michael Skibbe mindestens bis zum kommenden Sommer dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) erhalten bleibt. "Völler muss unbedingt bis zur WM 2006 weitermachen", forderte sogar kurz nach dem Abpfiff Bundesinnenminister Otto Schily, der während des Spiels permanent in Kontakt mit dem gestressten Kanzler gestanden hatte.
"Die deutsche Mannschaft hat die Vertrauensfrage bestanden", meinte er in Anspielung auf die anstehende Abstimmung im deutschen Bundestag am Freitag. Völler selbst hielt sich trotz der politischen Rückendeckung von höchster Stelle bei der Frage nach seiner Zukunft bedeckt: "Ich muss jetzt erst mal zur Ruhe kommen und werde dann in den nächsten Wochen ein Gespräch mit Gerhard Mayer-Vorfelder suchen."
DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder ließ dieses Thema nach der rauschenden Ballnacht im Dortmunder Westfalenstadion ebenfalls außen vor. "Nach der Anspannung der letzten Tage freue ich mich wahnsinnig. Es gibt wieder Hoffnung für die Zukunft", sagte "MV". Für den ungewöhnlich kurz angebundenen Verbandsboss sprangen andere in die Bresche und stimmten nach der harschen Kritik der letzten beiden Monate ausnahmsweise mal ein Loblied auf die deutschen Elitekicker an.
"Das war eine Mannschaftsleistung, die eigentlich besser nicht sein kann", meinte Kaiser Franz Beckenbauer. Und "Krisenmanager" Karl-Heinz Rummenigge sagte: "Die Mannschaft hat sich fantastisch verkauft." Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund sprach sogar von einem "doppelten Salto" und einem "Sprung ins Weltall".
Derweil blieben die Protagonisten des historischen Abends wohltuend zurückhaltend. "Es ist eine enorme Last von uns gefallen. Jetzt können wir ein bisschen feiern. Wir wollen eine gute WM spielen, das muss unser Ziel sein. Aber wir müssen noch konstanter spielen und weiter hart arbeiten", erklärte der zweifache Torschütze Michael Ballack (4./51.) mit blutverschmiertem Knie nach seiner überragenden Leistung. Der Leverkusener hatte bereits am Samstag zuvor beim 1:1 im Hinspiel in Kiew den wichtigen deutschen Ausgleich erzielt und war mit insgesamt sechs Treffern der herausragende Akteur in der WM-Qualifikation.
Sein Klubkollege Oliver Neuville (11.) und der Berliner Marko Rehmer (15.) trafen außerdem für die Gastgeber, die in der Anfangsphase förmlich ein Fußball-"Feuerwerk" abbrannten. Der dreimalige Welt- und Europameister ließ den harmlosen Ukrainern nicht den Hauch einer Chance. Der Ehrentreffer durch den in beiden Spielen nahezu abgemeldeten Superstar Andrej Schewtschenko in der 90. Minute konnte der "sensationellen Stimmung" (Ballack) in der mit 52.000 Zuschauern ausverkauften Arena nichts mehr anhaben.
"Die Mannschaft ist heute regelrecht explodiert. Das war eine Initialzündung. Dieser Sieg war ungemein wichtig für das ganze Niveau und auch für das Selbstvertrauen der Mannschaft. Das Gute ist, wir können jetzt in Ruhe arbeiten und uns weiter entwickeln", resümierte Torwart Oliver Kahn, der nach eigenen Angaben in seiner langen und erfolgreichen Karriere noch nie einen "solch brutalen Druck" verspürt hatte.
Deutschlands "Fußballer des Jahres" wagte auch schon einen Ausblick auf das WM-Turnier: "An einem guten Tag kann diese Mannschaft jeden Gegner schlagen. In Argentinien und Frankreich gibt es derzeit nur zwei Ausnahmemannschaft. Aber mit einer konzentrierten Leistung und ein wenig Glück hat man bei einem solchen Turnier immer die Möglichkeit, sehr weit zu kommen."
Kahn hatte einen bemerkenswerten Grund ausgemacht, warum das DFB-Team den dritten Matchball endlich verwandeln und darüber hinaus noch kämpferisch und spielerisch überzeugen konnte. "Es macht enorm viel aus, wenn sich eine Mannschaft erstmals für die Zwischenrunde in der Champions League qualifiziert. Das setzt ungeheure Kräfte im Kopf frei", sagte er mit Blick auf den stark auftrumpfenden Block von Bundesligist Bayer Leverkusen, der in Jens Nowotny, Bernd Schneider, Carsten Ramelow sowie Ballack und Neuville fünf Spieler der Stammformation stellte.
"Sicherlich ist es ein Vorteil, wenn man sich aus dem Verein kennt. Aber wir sind insgesamt als Mannschaft in den letzten Tagen noch enger zusammengerückt. Da ist es letztendlich egal, woher die Spieler kommen und wer die Tore macht", sinnierte der Leverkusener Bernd Schneider. Der 27-Jährige war nach zweijähriger Unterbrechung in die Nationalmannschaft zurückgekehrt und ist nach zwei tollen Vorstellungen in Kiew und Dortmund der große Gewinner der Playoff-Krimis.
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