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Kolumne "Eckball": Keine Zeit für Zampanos

VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 01.07.2010 - 10:30

Düsseldorf (RPO). Es war 1996, und Deutschland gerade Europameister geworden, als Bundestrainer Berti Vogts sagte: „Der Star ist die Mannschaft.“ Ein Satz der Philosophie und Taktik zugleich ist, eine Lebensweisheit, ein Dogma. Und ein Satz, der im Besonderen zur Weltmeisterschaft in Südafrika passt. Denn nicht die Stars machen hier die Musik, sondern das Kollektiv: Die Zeit der Zampanos ist vorbei.

„Der Star ist die Mannschaft“: Der Satz ist prall gefüllt mit Wahrheit und Romantik, er definiert den Fußall in seinem Wesen, ist eine Seelenschau des Spiels, ja des Lebens. Der Satz wurde auf viele verschiedene Arten gesagt, und ist im Grundsatz nichts als das Musketier-Prinzip: Einer für alle, alle für einen. Im Fußball hat sich dieses Prinzip schon immer bewährt, und es wurde in viele schöne Worte gekleidet.

„Elf Freunde“, sagte Sepp Herberger dazu, was im Kontext zu jener Zeit, 1954, als wir zum ersten Mal Weltmeister wurden, zu verstehen ist. Im modernen Fußball ist es der Begriff „Teamgeist“, der alles impliziert, was das Musketier-Prinzip ausmacht. Auch das bei der afrikanischen WM hoch strapazierte „kompakt“ passt: denn kompakt ist nur, wer als Team arbeitet.

Die Weltmeisterschaft in Südafrika zeigt: Stars sind ohne die Mannschaft nichts wert. So ist es bei Cristiano Ronaldo, dem selbstverliebten Portugiesen, der die Niederlage seiner Mannschaft wenigstens mit einem hübschen „Hinter-dem-Fuß-Schuss“ schmückte. Dem Spiel indes, dem konnte er keine Impulse geben, und außer einiger wirklich hübscher Abheber in Zweikämpfen gab es nicht viel zu sehen.

So war es auch bei Wayne Rooney, dem Engländer. Er sollte der Held des Empire werden, doch er kehrte zurück mit einer Schande: 1:4 gegen Deutschland, das war so heftig, dass nicht einmal die englischen Boulevardzeitungen ihre Tiraden los ließen gegen Deutschland. Rooney schoss nicht ein Tor. Und der Rest der Mannschaft war zu bieder, um das Unheil abzuwenden.

Die Teams, die erfolgreich sind, haben ihre Stars, natürlich: Die Holländer Robben, die Brasilianer Kaka, die Urus Forlan, und wir Deutschen Özil. Doch auf keinen von ihnen lässt sich das ganze Spiel reduzieren. Sie alle dürfen Stars sein, weil das Team dahinter steht – nur das funktionierende Kollektiv macht es möglich.

Das gilt sogar für Brasilien. Carlos Dunga, der Trainer, ist ein rigoroser Pragmatiker, und er weiß, dass die Selbstverliebtheit der vermeintlichen Helden 2006 Auslöser war für das peinliche WM-Debakel. Jetzt ist eine Gruppe, die in sich geschlossen ist, die viele Stars hat, jedoch alle in Effektivität vereint. Es gibt keine zwecklosen Kunststücke, alles ist zielorientiert.

Die Niederländer, die nicht selten an internen Streitigkeiten gescheitert sind, hat Bert van Marwijk geeint, auch wenn der eitle Robin van Persie die Regeln nun etwas verletzte. Auch Oranje hat den Wert der Mannschaft erkannt – und mit Robben einen Star, der all seine Könnerschaft ganz in den Dienst der Mannschaft stellt.

In Argentiniens „Diego-hat-uns-alle-Lieb“-Ensemble ist nicht Messi der Mann, der alles kann, auch der wundervolle Ballkünstler ist eingebunden ins Konzept, indes ohne, dass seine Freiheit beschnitten wird. Lionel Messi darf zaubern – und irgendwie hat man das Gefühl, dass alle Teamkameraden ein wenig daran arbeiten, dass er ein Tor schießt (bleibt zu hoffen, dass es nicht gegen Deutschland gelingt).

Auch die Spanier und die Deutschen haben Helden, doch leben sie vom Ganzen: Das spanische Tor gegen Portugal war das herrliche Zusammentreffen der Spielkunst vieler Hochbegabter, ein Treffer als Gesamtkunstwerk, dessen Vollender schließlich David Villa war. Die Deutschen zauberten gegen England zum Augenreiben, dass Thomas Müller als bester Torschütze ebenso viele Treffer wie Assists hat, spricht für sich.

Das Musketier-Prinzip spiegelt sich auch systemisch in Südafrika. Fast alle Teams spielen ein mehr oder weniger leicht modifiziertes 4-4-2 mit zwei Männern im defensiven Mittelfeld und Außenspielern, ein System also, das keinen Platz hat für einen „Zehner“, der von Amtswegen der Star des Teams ist.

Und doch: Wenn so viele Kollektive um den Sieg rangeln, wird am Ende die individuelle Klasse entscheiden. Das ist das Paradox des Fußballs: Mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung kann man jeden schlagen, doch gewinnen wird nur der, der entsprechende Einzelkönner hat. Die Größe einer Mannschaft ist, mit diesem Wissen zu leben und im richtigen Moment den Raum für einen Helden zu schaffen. Wer das am besten hinkriegt, wird Weltmeister.


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