HSV stürmt Richtung Champions League: Mannschaft stapelt weiter tief
zuletzt aktualisiert: 14.02.2000Hamburg (dpa). Mit heißen Herzen und kühlem Verstand eilt der Hamburger SV in Richtung Champions League. Auch nach dem 3:1-Spektakel gegen Schalke 04 durch Elfmeter-König Hans-Jörg Butt und den neuen Kunstschützen Niko Kovac demonstrierten die hanseatischen Höhenflieger sogar beim Tiefstapeln eine beeindruckende mannschaftliche Geschlossenheit.
«Bayern und Bayer? Damit haben wir nichts zu tun! Champions League? Dummes Zeug!» Trainer Frank Pagelsdorf bewahrt trotz begeisternder Spiele und wilder Verfolgungsjagd weiterhin stocknüchterne Einsilbigkeit, die er auch seinem ganzen Stab erfolgreich verordnet hat. Trotz neun Punkte Vorsprung auf Platz sieben und bereits sechs auf Rang vier schaut er immer noch nach unten: «Das ist noch keine Vorentscheidung, aber für die Mannschaft ist das ein ganz gutes Gefühl.»
Ganz in diesem Sinne füllte Nico Jan Hoogma auch beim Nachspiel die Rolle des Abwehrchefs aus: «Wir wollen möglichst schnell 55 Punkte schaffen. Wenn dann noch ein paar Spiele übrig sind, können wir sehen, ob noch mehr drin ist.» Ausnahme-Torwart Hans-Jörg Butt, der mit seinem vierten gehaltenen und 15. verwandelten Strafstoß ein weiteres Mal auf einzigartige Weise an seiner eigenen Legende strickte, lässt jede Situation ganz cool. «Wir wollen unter die ersten Sechs», blockte er ab. Team-Manager Bernd Wehmeyer erklärte diese Passivhaltung mittlerweile als einen wesentlichen Beitrag des Erfolgskonzepts: «Wir schielen nicht nach oben, sondern immer nur nach dem nächsten Gegner. Wir brauchen nur so weiter zu machen, dann. ...»
«Bärenstarke» SchalkerDie klare Antwort auf viele Fragen gibt das Team eigentlich schon lange auf dem Platz. Gegen die «bärenstarken» (Pagelsdorf) Schalker demonstrierte der HSV die Fähigkeit, auch unmögliche Siege zu erringen und immer ein paar Fehler weniger zu machen als der Gegner. So etwas zeichnet gewöhnlich Spitzenmannschaften aus. Folgerichtig schwärmt der alte Haudegen und frühere Nationalspieler Ditmar Jakobs in den höchsten Tönen: «Diese Mannschaft hat Charakter. Sie spielt Powerfußball und lässt sich auch von einem Rückstand nicht aus dem Konzept bringen.» Jakobs schätzt das aktuelle Team inzwischen sogar höher ein als jenes von 1987, das am Ende der großen Happel-Ära Vizemeister und Pokalsieger wurde: «Damals hatten wir ein sehr, sehr gutes Jahr, aber dieser HSV ist besser. Frank Pagelsdorf hat die Spielertypen zusammen, um auf jeden Fall unter die besten Vier zu kommen, wenn sie diesen Stil beibehalten können.»
Der bei Bayer Leverkusen verkannte Niko Kovac verkörpert wie kaum ein anderer die Moderne, sprich Vielseitigkeit, der Hanseaten. Die Mittelfeld-Dampframme trat am Sonntagabend plötzlich in bester Seeler/Hrubesch-Manier als Torjäger auf. Der Coach bescheinigte ihm eine Weltklasse-Leistung. «Ich bin ein richtiges Ungeheuer», scherzte Kovac nach seinen spektakulären Treffern per Fallrückzieher und Hechtkopfball.
Nach zwei Siegen zu Beginn der Rückrunde zog bei den Schalkern Ernüchterung ein. In Hamburg wurde die große Chance zum Sprung auf Platz sechs ausgelassen. Trainer Huub Stevens bemühte grantelnd eine alte Weisheit: «Wenn man selbst die Chancen nicht nutzt, dann macht der Gegner die Tore.» Manager Rudi Assauer ärgerte sich: «Immer die alte Leier. Der Gegner liegt kaputt am Boden und wir verteilen Geschenke. Wenn Marc den Elfmeter versenkt, gehen wir als Sieger vom Platz.» Doch so blieben nur wertlose Komplimente. Unglücksschütze Wilmots legte die Hand in die Wunde: «Wir haben sehr schönen Fußball gespielt, aber nicht effektiv. Wir sind auch eine Top-Mannschaft, aber es fehlen noch ein paar Details.»
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