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Rücktritt und Abrechnung mit Verbänden
Top-Schiedsrichterin Kurtes kapituliert

Marija Kurtes macht Schluss
FOTO: Olaf Staschik
Düsseldorf. Marija Kurtes, eine von vier deutschen Fifa-Schiedsrichterinnen, ist zurückgetreten. In einem Schreiben wirft sie dem DFB "Repressionen und gezielte Willkür" vor. Die Düsseldorferin wurde durch eine Fehlentscheidung bekannt. Von Gianni Costa und Patrick Scherer

Marija Kurtes galt als eine der großen Hoffnungsträgerinnen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Die 28-Jährige, deren Heimatklub die SG Benrath-Hassels im Düsseldorfer Süden ist, trägt den Titel "Deutschlands Schiedsrichterin des Jahres 2014". Sie hat in der ersten und zweiten Liga der Frauen und in der vierthöchsten Klasse der Männer gepfiffen. Jetzt hat Marija Kurtes genug von der Aufgabe an der Pfeife. Sie reichte beim DFB ihr Rücktrittsgesuch ein. Als Anlage fügte sie ein zweiseitiges DIN A4-Schreiben bei.

Dieses veröffentlichte sie nun bei Facebook. Daraus wird klar, Kurtes sieht das Schiedsrichterwesen im DFB, in der Uefa und auch in der Fifa als verkrustetes System, das Widersprüche nicht duldet. "Insgesamt fehlt es zu sehr an Transparenz in den Entscheidungsstrukturen, klaren Verantwortlichen und Ansprechpartnern", moniert Kurtes, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Rhein-Ahr Campus Remagen arbeitet. Auch von "Repression und gezielter Willkür" ist die Rede.

Liebe Leute, vor 2,5 Wochen habe ich für den Schiedsrichterbereich, in dem ich mich jetzt befinde, meinen Rücktritt...

Posted by Marija Kurtes on  Donnerstag, 10. März 2016

Der DFB nahm den Rücktritt mit Bedauern hin. Verständnis für die geäußerte Kritik wurde nicht deutlich. "Es ist äußerst schade, dass eine junge und talentierte Schiedsrichterin wie Marija Kurtes diesen Schritt geht. Die DFB-Schiedsrichterführung ist seit einem Jahr dabei, auch den Bereich der Schiedsrichterinnen weiterzuentwickeln, verbesserte Strukturen zu schaffen und neue Wege zu gehen", sagte Vizepräsident Ronny Zimmermann. "Die Vertrauensschiedsrichterinnen sind in diesen Prozess übrigens eng eingebunden. Darüber habe ich auch intensiv mit Marija Kurtes gesprochen. Umso bedauerlicher, dass sie nunmehr ihren Rücktritt vollzogen hat."

Beim damaligen BV Hassels hat Marija Kurtes als Zehnjährige mit dem Fußball begonnen. Dann nahm sie zufällig - wie sie selbst sagt "eine Schnapsidee" - an einem Schiedsrichterlehrgang teil. Mit 15 Jahren leitete sie erstmals ein C-Jugendspiel. Es folgte ein steiler Aufstieg. Vor zwei Jahren leitete Kurtes dann erstmals ein Länderspiel: Israel gegen Serbien. Die Düsseldorferin war damit eine von nur vier deutschen Schiedsrichterinnen, die auf der Einsatzliste des Internationalen Fußballverbands (Fifa) aufgeführt wurden. Doch dann kam diese verhängnisvolle Entscheidung im April des vergangenen Jahres beim Spiel der U 19-Juniorinnen aus England und Norwegen. In der vierten Minute der Nachspielzeit hatte Kurtes beim Stand von 2:1 für die Norwegerinnen auf Foulelfmeter für England entschieden. Den Strafstoß verwandelte Leah Williamson, doch eine englische Spielerin lief zu früh in den Strafraum. Statt den Elfmeter wiederholen zu lassen, wie es in Punkt 14 der Regeln vorgesehen ist, entschied Kurtes auf Freistoß für Norwegen. Die Partie endete also 2:1 für die Nordeuropäerinnen. England legte erfolgreich Protest ein. Die letzten 18 Sekunden wurden fünf Tage später wiederholt, beginnend mit dem Elfmeter. Williamson traf zum 2:2. So etwas hatte es in der Geschichte der Uefa noch nie zuvor gegeben.

Bei Kurtes' Entscheidung handelte es sich sportjuristisch nicht um eine Tatsachenentscheidung, die unumstößlich ist, sondern um einen Regelverstoß. Um den handelt es sich, wenn der Schiedsrichter die Sportregeln fehlerhaft anwendet. Dann kann die Sportgerichtsbarkeit die Entscheidung revidieren.

Auch zu ihrer schwärzesten Stunde nimmt Kurtes im Schreiben Stellung: "Der ,wahre' Fehler war nicht der Regelverstoß." Sie macht sich Vorwürfe, dass sie danach nicht direkt nach Hause gefahren ist.

An anderer Stelle wirft sie dem DFB vor: "Es fehlt an einer gelebten Fehlerkultur." Die interne Behandlung der Schiedsrichter sei ein großes Problem, an dem sich seit längerer Zeit nichts ändern würde. "Hier werden noch zu oft ,sehr professionelle' Unfähigkeit, emotionales Verhalten und Reaktionen in eigenem Interesse deutlich", schreibt Kurtes und kommt deshalb zu ihrem Entschluss, "aus dem ,System' auszuscheiden".

Quelle: RP
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