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Fußball-Gipfel zur EM in Frankreich
"Die Spieler von heute sind überzüchtet"

Mario Basler: "Ich würde Bastian Schweinsteiger nicht mit zur EM nehmen"
"Ich würde Schweinsteiger nicht mitnehmen" – Mario Basler, 47, 30 Länderspiele, im EM-Kader 1996 FOTO: Bretz
Düsseldorf. Heute in einem Monat beginnt in Frankreich die Europameisterschaft. Im Düsseldorfer Stadion blicken drei Experten bei unserem großen EM-Gespräch voraus: Mario Basler (im Europameister-Kader 1996), Inka Grings (EM-Kolumnistin unserer Zeitung) und DFB-Vizepräsident Peter Frymuth.

Herr Frymuth, ist der DFB froh, dass die EM beginnt und nicht mehr über die WM-Affäre 2006 gesprochen wird?

Frymuth Dass wir Kritik haben einstecken müssen, ist doch verständlich. Nun aber geht der Blick nach vorn, nachdem wir die Ungereimtheiten rund um die WM 2006 sorgfältig und in völliger Transparenz auf den Tisch gelegt haben. Im Einvernehmen mit der Deutschen Fußball Liga haben wir neue personelle Strukturen geschaffen, wir sind wieder voll handlungsfähig.

Herr Basler, Sie waren beim Titelgewinn 1996 dabei, mussten aber verletzt vor Turnierstart abreisen. Wie fühlt sich so eine intensive Turniervorbereitung an?

Basler Zunächst einmal ist klar, dass man sich freut, im Kader zu sein. Eine EM oder WM ist für jeden Fußballer ein tolles Erlebnis. Bei mir weiß man ja, dass ich die Vorbereitung nicht unbedingt geliebt habe, da sie mit sehr viel Laufarbeit verbunden war.

Was für eine Rolle kann Deutschland?

Basler Wir wissen ja, wie wir Deutschen bei Turnieren ticken. Das kann alles sensationell laufen. Die Vorrunde sollte kein Problem sein, aber am Ende braucht man auch Glück.

Würden Sie Schweinsteiger mitnehmen?

Basler Nein, ich würde ihn nicht mitnehmen. Bastian ist keine 25 oder 28 Jahre mehr. Er hatte während der Saison schon mehrere Verletzungen, und die Gefahr, dass er sich wieder verletzt, besteht.

Teilen Sie diese Meinung?

Grings Die Frage lautet: Wie weit ist Schweinsteiger, wenn die EM-Vorbereitung tatsächlich beginnt? Hält er den Belastungen stand? Falls ja, würde ich ihn mitnehmen. Er hat ein ganz besonderes Standing in der zum Teil jungen und unerfahrenen Mannschaft.

Die WM 2014 hat gezeigt, dass Löw mittlerweile mehr Wert auf die Defensive und Ergebnisse legt. Und er hat gesagt, die EM sei eine Durchgangsstation auf dem Weg zur WM 2018.

Grings Es ist ja bereits ein Umbruch vollzogen worden. Man muss den jungen Spielern auch Zeit geben. Deswegen würde ich die EM auch als Zwischenstation bezeichnen. Es ist nicht verwerflich, sich auch mal am Gegner und dessen Stärken zu orientieren und dann aus einer stabilen Defensive heraus zu agieren.

Herr Basler, kann man die Teams von '96 und heute vergleichen?

Basler Das ist schwierig. Wir haben immer eine tolle Nationalmannschaft gehabt, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Mich ärgert nur, dass einige sagen, heute sei alles besser und schöner, und dass wir Fußballer von damals heute gar nicht mehr mitspielen könnten. Mittlerweile haben die Teams ganz andere Möglichkeiten. 1954 haben sie mit einem Stahlball gespielt, wir dann mit einem Betonball, und heute fliegt der Ball von alleine.

Woran lag es 1996, dass das Team das Turnier gewonnen hat?

Basler Der Zusammenhalt und Wille innerhalb des Teams waren entscheidend. Der Trainer war nur ein Teil.

Spieler mit Erfahrung scheinen gefragt zu sein. Lukas Podolski ist so ein Spieler. Wie stehen seine Chancen?

Basler Ich denke, dass wir auf den offensiven Positionen bessere und jüngere Spieler haben. Wenn zum Beispiel Julian Draxler grünes Licht von den Ärzten bekommt, wird es schwierig für Lukas, mit nach Frankreich zu fahren.

Welcher junge Spieler gefällt Ihnen besonders gut im Offensivbereich? Wer wird mal ein ganz Großer?

Basler Wir warten ja im Prinzip schon seit Jahren auf Draxler. Alle wissen, was er kann. Aber sein Problem sind die vielen Verletzungen, Leistungsdiagnostik hin oder her. Ich finde auch, dass wir den Spielern zu viele Freiheiten nehmen.

Inwiefern?

Basler Die Spieler von heute sind überzüchtet. Wird einer mal dabei erwischt, wie er ein Bierchen trinkt, bricht in Deutschland gleich die Welt zusammen. Man sollte den Spielern schon mal ein Bierchen, ein Gläschen Wein und auch mal ein Schnitzel mit Pommes gönnen. Nach einem Trainingslager bin ich damals auch oft zur Pommesbude gefahren und habe mir 'ne doppelte Currywurst-Pommes reingepfiffen. Ich glaube, dass man die Spieler heute zu sehr einschränkt. Man nimmt ihnen den Spaß.

Kann man daraus eine gewisse Sympathie für Max Kruse interpretieren?

Basler Der übertreibt es natürlich. Das ist ein schlechtes Beispiel. Dieses Video, in dem er sich selbst gefilmt hat - so dumm kann ja kein Mensch sein, so etwas zu machen.

Frau Grings, wie stehen Sie zu Mario Baslers Thesen?

Grings Ich unterschreibe sie. Da sieht man die Erfahrung als Spieler. Mario hat so viel Mist gebaut, aber auch so viel richtig gemacht.

Basler Wie viel muss ich dir dafür zahlen?

Grings Das regeln wir später. Man muss auch mal Fünfe gerade seinlassen. Beim Fußballlehrer-Lehrgang haben wir uns darüber unterhalten, wie oft Blut bei den Spielern abgezapft wird. Da bin ich beinahe umgefallen, was da bei manchen Vereinen praktiziert wird. In den Nachwuchszentren ist es ja häufig so, wenn du einmal die Schule schwänzt oder einmal mit einer Pizza erwischt wirst, dass du fliegst. Aber das sind Jungs, das sind Kinder. Wenn die nicht mal mehr auf die Nase fliegen dürfen, dann haben wir was falsch gemacht. Und das wirkt sich auf den Fußball aus. Die Kreativität, die gefordert wird, untergräbst du, indem du alles verbietest.

Herr Frymuth, was kann der Verband tun?

Frymuth Unser Sportdirektor Hansi Flick beschäftigt sich sehr intensiv mit dieser Thematik. Ich habe zuletzt mit einem Verantwortlichen aus einem Nachwuchsleistungszentrum über den Wechsel eines Jugendlichen, der 100 Kilometer von seinem Wohnort entfernt trainiert und spielt, diskutiert. Ich habe die Antwort bekommen: Wenn wir den nicht holen und er landet beim Konkurrenzverein, kann mir das später zum Vorwurf gemacht werden.

Klingt nach einem grundlegenden Problem.

Frymuth Nein, falls es da Fehlbewertungen gibt, gilt das nicht für alle. In der Mehrzahl der Fälle läuft es gut. Das Thema der gesunden Ernährung beispielsweise ist aktuell ja sehr wichtig. Aber allein durch einen ausgewogenen Menüplan wird man nicht Europameister.

Herr Basler, muss Jogi Löw nicht auch Robert Huth mitnehmen, der mit Leicester in England Meister wurde?

Basler Heute macht einer zwei gute Spiele, dann lese ich in Zeitungen und im Internet: Muss Löw ihn mitnehmen? Es war eine große Kunst mit Leicester Meister zu werden, aber ihn jetzt in die Nationalelf zu berufen? Davon bin ich ganz weit entfernt. Auf dieser Position haben wir die kleinsten Probleme. Insgesamt wird zu viel Druck über die Öffentlichkeit auf Trainer aufgebaut.

Was meinen Sie genau?

Basler Nehmen wir Pep Guardiola. Ich glaube, er hat sich etwas dabei gedacht, warum Thomas Müller bei Atlético Madrid nicht gespielt hat. Und ich glaube, er hätte auch im Rückspiel nicht auf Müller gesetzt, hätte es nicht eine Woche lang überall geheißen: Müller muss, Müller muss, Müller muss. Dennoch hat Pep eine erfolgreiche Zeit hinter sich. Er hat die Spieler weiterentwickelt. Auch wenn Ballbesitz-Fußball nicht meine Welt ist.

Sondern?

Basler Ich hoffe, dass irgendwann wieder die großen Brecher-Stümer, die Janckers, Gomez', Kießlings gebraucht werden. Dann sehen wir einen, der auf Außen hinterläuft und eine richtig geile Flanke reinschlägt und ein richtig geiles Kopfballtor.

Wo hat die Nationalelf die größten Probleme?

Grings In der Offensive. Mit den ganzen falschen Neunern, Zehnern, Elfern, wird es schwierig. Auch im Spitzenfußball brauchst du den Instinktfußballer. Da fehlt uns etwas.

Basler Auf den Außenverteidigerpositionen könnten wir Probleme kriegen.

Wer wird Europameister?

Basler Mein Favorit ist Frankreich.

Grings Deutschland natürlich.

Frymuth Als Weltmeister gehört man dem Favoritenkreis an, diesen Anspruch haben wir auch selbst.

Das Gespräch führten Martin Beils und Robert Peters

Quelle: RP
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