Fußball-Wettskandal: Mehr als 60 Spiele in Deutschland manipuliert
zuletzt aktualisiert: 30.11.2009 - 14:55Frankfurt/Main (RPO). Der größte Wettskandal in der europäischen Fußball-Geschichte soll Deutschland stärker betreffen als bislang angenommen. Nach einem Bericht des ARD-Magazins FAKT sollen seit dem Hoyzer-Skandal im Jahr 2005 von der 2. Bundesliga abwärts mehr als 60 Fußballspiele manipuliert worden sein. Die Staatsanwaltschaft Bochum hatte vor zehn Tagen erklärt, dass "nur" 32 Spiele von der 2. Bundesliga abwärts verschoben worden sein sollen.
"Das waren fünf Zweitligaspiele und dann ging es abwärts bis zur Oberliga. Zu circa 80 Prozent waren die Manipulationen erfolgreich, es ist so eingetroffen wie wir es auch haben wollten", sagte ein Insider aus dem illegalen Wettgeschäft. Der Hamburger serbischer Herkunft war nach eigener Aussage jahrelang ein Gehilfe des vor einer Woche verhafteten Drahtziehers Ante S.. Auch er selbst habe Spieler zu Manipulationen überredet.
Schuon räumt Abrede zur Manipulation ein
Unterdessen sagte am Sonntag der ehemalige Osnbabrücker Marcel Schuon (SV Sandhausen) bei der Bochumer Staatsanwaltschaft aus. Dort räumte Schuon ein, dass in der vergangenen Saison beim Spiel Osnabrück gegen Augsburg "die Abrede zur Spielmanipulation erfolgt ist, eine Manipulation aber nicht stattgefunden hat", wie Schuons Rechtsanwalt Siegfried Kauder dem "kicker" bestätigte. Nach Angaben des Anwalts wurden Schuon dafür frühere Wettschulden erlassen. Zu einer Hauptverhandlung gegen den Spieler soll es aber offenbar nicht kommen.
Besonders geschadet haben die Machenschaften der Wettmafia angeblich einem namentlich nicht genannten Absteiger aus der 2. Bundesliga im Jahre 2007. Die vier Absteiger hießen vor rund zwei Jahren Rot-Weiss Essen, SpVgg Unterhaching, Wacker Burghausen und Eintracht Braunschweig. "Ein Verein ist dadurch abgestiegen, weil zwei Spiele hintereinander manipuliert worden sind, das sind minus sechs Punkte und das war kurz vor Schluss, also kurz vor Ende der Saison und dadurch ist der Verein abgestiegen", sagte der Serbe der ARD.
Fakten bleiben im Zuge des Manipulationsskandals allerdings weiter Mangelware. So tappen insbesondere die Sport-Dachverbände in Deutschland wegen der fehlenden Akteinsicht weiter im Dunkeln. Erst kurz vor Weihnachten will die ermittelnde Behörde dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) erstmals Einsicht in die brisanten Unterlagen gewähren. Akteneinsicht beantragt hatte zuletzt auch die Basketball-Bundesliga (BBL), die Handball-Bosse erwägen den gleichen Schritt.
So lange will zumindest Dagmar Freitag nicht warten. Die neue Vorsitzende des Sportausschusses hofft darauf, dass in den kommenden Tagen weitere betroffene Spieler oder Referees bei der Polizei eine Aussage zu dem Betrugsskandal tätigen. "Ich würde mir wünschen, dass weitere am Skandal beteiligte Personen aussagen, um den Sumpf trockenzulegen. Der Wettskandal ist eine Katastrophe und ein Angriff auf die Werte des Sports", sagte SPD-Politikerin Freitag am Montag.
Allerdings verdichten sich derzeit die Anzeichen, dass der Skandal nicht alleine ein Problem des Fußballs ist. Auch im Tennis, Basketball und Handball sollen Spiele im Sinne der weltweit aktiven Wettmafia verschoben worden sein. "Es handelt sich nicht um ein Problem des Fußballs, sondern um ein Problem der organisierten Kriminalität. Wir haben Akteneinsicht beantragt, denn der gesunde Menschenverstand hat uns gesagt, dass neben dem Fußball auch andere Sportarten betroffen sein könnten", sagte BBL-Geschäftsführer Jan Pommer, nachdem auch die Basketball-Play-offs der vergangenen Saison im Juni 2009 unter Manipulationsverdacht geraten waren.
Derweil wollen die Fußballer des vom Wettskandal direkt betroffenen Regionalligisten SSV Ulm wegen entgangener Prämien offenbar eine Zivilklage gegen die gekündigten Davor Kraljevic, Marijo Marinovic und Dinko Radojevic anstrengen. "Die sind kriminell", sagte Ulm-Keeper Holger Betz, der am Wochenende persönlich die Spinde der drei Ex-Mitspieler ausgeräumt und die Sachen an den Zeugwart übergeben hatte.
Die drei offenbar in den Wettskandal verwickelten Ex-Ulmer Kraljevic, Marinovic und Radojevic sollen einen direkten Draht zu dem inhaftierten Berliner Ante S., einem der Hauptdrahtzieher des Skandals, gehabt haben. Auf fünf bislang bekannten Konten von S. sollen Ermittler 3,5 Millionen Euro gefunden haben.
"S. hat bei Live-Wetten auf Auswärtsspiele des SSV Ulm 1846 sehr hohe Summen gesetzt - und getroffen", sagte Ulms Präsident Rene Mick der Südwest Presse. Betroffen sollen auch drei Spiele der aktuellen Saison sein. Demnach soll es beim 1:3 am 14. August beim SSV Reutlingen, beim 1:3 am 2. Oktober beim SV Darmstadt 98 und beim 1:3 am 18. Oktober beim SC Freiburg II zu wettbewerbswidrigem Verhalten gekommen sein. Verdächtig sind zudem die letzten vier Spiele der vergangenen Saison, insbesondere das 0:3 vom 13. Mai bei Hessen Kassel.
Gravierende Konsequenzen müssen die Ulmer offenbar aber nicht befürchten. Eine Aberkennung von Punkten oder eine Versetzung in eine tiefere Spielklasse käme laut DFB-Statuten wohl nur infrage, wenn der Verein aktiv durch das Präsidium oder andere führende Vereinsmitglieder in die Manipulationen verstrickt wäre.
Schiedsrichter suspendiert
Die Europäische Fußball-Union (Uefa) hat nunmahr nach Informationen von "Spiegel online" den ukrainischen Schiedsrichter Oleg Orichejow bis auf weiteres von der Leitung aller Spiele ihrer Wettbewerbe suspendiert. Der 42-Jährige habe bei einer Anhörung in der Uefa-Zentrale gestanden, persönlichen Kontakt zu einem Mitglied der "Führungsebene" des Wettbetrüger-Ringes zu haben, der bei einer bundesweiten Razzia ausgehoben worden war. Den Vorwurf, ein Spiel in der Europa League manipuliert zu haben, bestreitet Orichejow.
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