DFB fordert Stellungnahme: Ballack-Berater sorgt für Wirbel
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 06.09.2010 - 08:17Düsseldorf (RP). Der DFB fordert Michael Becker zum zweiten Mal auf, zu Vorwürfen gegen die Nationalmannschaft Stellung zu beziehen. Laut "Spiegel" hatte er die Auswahl nach der WM als "Schwulen-Combo" bezeichnet.
Jörg Englisch wartet immer noch auf eine Antwort aus einem Anwaltsbüro in Luxemburg. Der Justiziar des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) forderte den im Großherzogtum ansässigen Michael Becker deshalb jetzt erneut auf, zu einem Essay im Magazin "Der Spiegel" aus dem Juli Stellung zu beziehen.
Alexander Osang, ein mit Egon-Erwin-Kisch- und Theodor-Wolff-Preis ausgezeichneter Autor, der sich sonst weniger im Sport als viel mehr im politischen und gesellschaftlichen Bereich bewegt, hatte den Berater von Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack damals mit Sprüchen zitiert. Die Nationalmannschaft sei eine "Schwulen-Combo", die ein ehemaliger Nationalspieler demnächst hochgehen lassen werde. Und über einen ebenfalls nicht namentlich genannten Profi sagte er: "Der ist halbschwul."
Beckers Klienten
Logan Bailly (Borussia Mönchengladbach)
Manuel Friedrich (Bayer Leverkusen)
Tamas Hajnal (Borussia Dortmund)
Oliver Neuville (Arminia Bielefeld)
Roman Weidenfeller (Borussia Dortmund)
Auswahl, Quelle: Transfermarkt.de
Osang berichtete über zwei Treffen mit Becker: "Er erzählte unglaubliche Geschichten, die ich in meinen Notizblock schrieb, und Becker schien nichts dagegen zu haben, vielleicht, weil er annahm, dass sie sowieso nie veröffentlicht würden oder auch, dass sie bekannt seien."
Unmittelbar nach der "Spiegel"-Veröffentlichung hatte es unter Sportjournalisten viele Diskussionen um den Beitrag gegeben. "Ohne Belege, ohne Sinn, ohne Anstand" sei die Geschichte, wetterte Philipp Köster, der Chef des angesehenen Magazins "11 Freunde". Beckers Aussagen bezeichnete er als "dahingeredete Kolportage, substanzlosen Tratsch". Die liberale Leserschaft kommentierte fleißig. Der Tenor der Zuschriften: Und wenn sie denn schwul sind, was soll's? Und: Wen geht das überhaupt etwas an?
Der DFB nimmt das Thema nach anfänglicher Zurückhaltung nun sehr ernst und verfolgt es hartnäckig. "Wir möchten wissen, wie Herr Becker das gemeint hat", sagte Generalsekretär Wolfgang Niersbach der "Bild", "aber bis jetzt hat er auf unsere Bitte um Stellungnahme nicht reagiert." Keine Erklärung, keine Entschuldigung, keine Einordnung, keine Richtigstellung.
Michael Becker, promovierter Jurist mit Fachgebiet EU-Recht, steht in dieser Debatte unter Druck. Vielleicht äußert sich der ansonsten mitteilsame Anwalt deshalb in den aktuellen Diskussionen um die Zukunft seines Klienten Michael Ballack nicht. Der Leverkusener ist der einzige aktive Topstar in seiner Kundenkartei, nachdem sich Miroslav Klose vor einiger Zeit einem anderen Berater angeschlossen und Bernd Schneider seine Karriere beendet hat.
Homosexualität ist im Fußball auch in Zeiten, in denen sich Spitzenpolitiker aller Parteien outen, ein Tabu. Als Homosexueller gab sich bislang in Deutschland nur ein Spieler mit Profipotenzial zu erkennen: der ehemalige DDR-Jugendauswahlspieler Marcus Urban. Zu groß ist wohl der Druck in der Machogesellschaft des Fußballs, zu groß die Angst, von Mitspielern, Gegnern, Fans und Medien zermürbt zu werden.
DFB-Präsident Theo Zwanziger will gegen die Diskriminierung vorgehen. Er kommt jedoch offenbar kaum voran. In seinem Jahresresümee 2009 sagte er: "Ich habe in letzter Zeit mit einigen Leuten geredet, die in dieser Situation sind, und sie haben mir vermittelt, weshalb sie sich nicht outen wollen. Es hängt damit zusammen, dass für einen Homosexuellen im Fußball die persönlichen Bindungen, die Freude am Sport und auch das Geldverdienen verloren gehen können, wenn er sich outet."
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