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Schweinsteiger tritt zurück
Ein Großer verabschiedet sich

Schweinsteigers Meilensteine im DFB-Team
Schweinsteigers Meilensteine im DFB-Team FOTO: afp, vel
Düsseldorf. Am Ende hat der alte Mann die modernen Kommunikationsmedien bemüht. Bastian Schweinsteiger (31) lässt seinen Abschied aus der Nationalmannschaft über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreiten. Von Robert Peters

"Ich habe soeben den Bundestrainer gebeten, mich in Zukunft bei der Nominierung für die Nationalmannschaft nicht mehr zu berücksichtigen, da ich gerne zurücktreten möchte. Mein Dank gilt den Fans, der Mannschaft, dem DFB, den Trainern und dem Team um die deutsche Nationalmannschaft. In 120 Länderspielen durfte ich für mein Land auflaufen und Momente erleben, die unbeschreiblich schön und erfolgreich waren. Es war mir eine Ehre, für euch spielen zu dürfen", schreibt er an "die lieben Fans der deutschen Nationalmannschaft".

Nach zwölf Jahren endet eine ganz große Karriere im Nationaltrikot. Sie beginnt 2004 am Kaiserslauterer Betzenberg. Bundestrainer Rudi Völler verhilft zwei Bundesliga-Talenten im Freundschaftsspiel gegen Ungarn zum Debüt. Im Rückblick ist der Auftritt von Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski aus deutscher Sicht das Beste an diesem Spiel. Ungarns Trainer Lothar Matthäus feiert es nach dem 2:0-Sieg seiner Elf als das "Wunder vom Betzenberg", das ist aber nur komisch, historische Bedeutung erlangt die Begegnung trotzdem nicht.

Twitter: Schweinsteiger tritt zurück, das Netz verabschiedet ihn

Auftakt zur internationalen Karriere

Für die Kumpels "Schweini" und "Poldi" ist sie der Auftakt zur internationalen Karriere. Podolski führt sie immerhin zu 129 Länderspielen und dem Ruf, einer der freundlichsten Nationalspieler aller Zeiten zu sein. Schweinsteiger, der anfangs auch mal Schlagzeilen macht, weil er nachts über den Zaun zum Bayern-Trainingsgelände steigt und im Whirlpool mit der "Kusine" planscht, wechselt bald ins Charakterfach der Spielgestalter und Strategen. Er wird ein richtiger Weltstar.

Mit Bayern München gewinnt er die Champions League und mit der Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft. "Mit dem Gewinn des Weltmeistertitels 2014 ist uns historisch und auch emotional etwas gelungen, was sich in meiner Karriere nicht mehr wiederholen lässt", schreibt er in seiner Abschieds-Botschaft. Sein großer Kampf im Finale von Rio, als er sich mit allem Behauptungswillen, mit blutenden Wunden und fast am Ende der Kräfte den Argentiniern entgegenstemmt, wird zum Bild des Endspiels, zur Krönung seiner Laufbahn.

Reaktionen: "Danke für viele großartige Stunden"

Natürlich hätte er den Europameistertitel in Frankreich gern mitgenommen, es ist der einzige große Pokal, den er in seiner Karriere nicht gewonnen hat. Doch seine Abschiedsvorstellung im Nationaltrikot im Halbfinale gegen den Ausrichter hat etwas von einem klassischen Drama. Noch einmal scheint sich Schweinsteiger in die Rolle des Helden hineinzufinden, die gerade unter deutschen Fans so wichtig ist. Er bremst französische Angriffe, er gewinnt Zweikämpfe, er sortiert das deutsche Spiel von hinten. Und auf der Tribüne reibt sich so mancher verwundert die Augen.

Dann kommt die Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Im Kopfballduell mit Patrice Evra springt Schweinsteiger nach hinten ab, seine Arme schwingen nach oben, seine Hand trifft den Ball. Es gibt einen Elfmeter, Deutschland geht mit 0:1 in die Kabine, es ist der Anfang vom Ausscheiden, und in ihm wohnt bereits die Ahnung von Schweinsteigers Abschied. Müde steht er nachher in der Begegnungszone des Stadions von Marseille. Er ist bald 32 Jahre alt, aber er sieht älter aus in dieser Nacht der 0:2-Niederlage, mit seinen grauen Schläfen und dem ausgezehrten Gesicht. Mit leiser Stimme sagt er auf die Frage nach dem Karriere-Ende: "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich habe versucht, alle meine Energie in dieses Turnier reinzupacken. Das war nicht leicht."

Körper streikte zuletzt häufiger

Für den Traum vom letzten großen Titel für die persönliche Trophäensammlung hat Schweinsteiger den Körper noch einmal besiegt, der nach 14 Jahren im Hochleistungslaufrad zuletzt häufig in den Streik getreten war. Wenige haben ihm zugetraut, dass er bei der EM überhaupt eine Rolle spielen würde. Die Zweifler hat er widerlegt. Schon im ersten Spiel dieser Europameisterschaft. Gegen die Ukraine erzielt er sogar ein Kontertor. Die Statistiker errechnen, dass er auf dem Weg zum Tor und beim anschließenden Jubelsturm 192 Meter im Sprint zurücklegt. Gegen die Italiener steht er nach seiner Einwechslung im Viertelfinale über 100 Minuten durch. Aber auf Dauer kann er seinen Körper nicht bezwingen. Aus dieser Einsicht hat er die Konsequenzen gezogen. Rechtzeitig, bevor sie ihm nahegelegt werden.

Schweinsteiger geht als einer der ganz Großen des deutschen Fußballs, als leiser Kapitän, der sich öffentlich nie aufgedrängt und aufgespielt hat. Er hat seine Leistungen auf dem Platz sprechen lassen. "Er genießt ein hohes Ansehen", sagte Bundestrainer Joachim Löw, als er ihn zum Spielführer ernannte. Das wird so bleiben.

Und vielleicht war der Abschied aus der Nationalelf nur der erste Akt eines größeren Rückzugs. Bei Manchester United mehren sich die Anzeichen, dass Schweinsteigers Tage auch dort gezählt sind. Den roten Teppich werden sie ihm in England allerdings nicht ausrollen. Das machen sie jetzt in der Heimat. Mit Recht.

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