4:0-Kantersieg gegen England: Deutsche U21 stürmt zum EM-Titel
VON ROLAND LEROI - zuletzt aktualisiert: 29.06.2009 - 22:33Halmstad (RPO). Mit einer furiosen Leistung hat sich die deutsche U21 erstmals den EM-Titel geholt. Im Finale von Malmö siegte die Mannschaft von Trainer Horst Hrubesch 4:0 (1:0) gegen England. Gonzalo Castro (23.), Mesut Özil (48.) und Sandro Wagner (79./84.) erzielten die Treffer für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
Als es um alles ging, brachte Horst Hrubesch den Mann, den er sich für die wirklich wichtigen Momente aufgespart hatte. Sechs Monate musste Mats Hummels nach mehreren Bänder-Verletzungen für sein Comeback schuften, ohne jede Spielpraxis reiste der Fußballer zur U21-Europameisterschaft nach Schweden und wurde im Halbfinale gegen Italien erstmals in der Schlussminute eingewechselt.
Im Endspiel gegen die robusten Engländer musste der Dortmunder aber ran, um mit seiner Kopfball- und Zweikampfstärke die deutsche Abwehr zu entlasten. Die Maßnahme von Trainer Hrubesch hatte Erfolg. In Malmö gewannen Deutschlands Nachwuchsfußballer das Finale gegen den Erzrivalen deutlich und schrieben ein Stück Geschichte.
Nie zuvor konnte ein DFB-Team eine U21-Europameisterschaft gewinnen – und den Wettbewerb, der im zweijährigen Rhythmus ausgespielt wird, gibt es immerhin bereits seit 1978.
"Die Jungs haben sich für ihre Mühen in der Qualifikation, der Vorbereitung und in Schweden belohnt. Wir fahren mit vollen Händen nach Hause", sagte Hrubesch mit strahlender Miene.
Özil bester Spieler des Finals
"Ich habe mit Bremen schon den Pokal gewonnen, aber das hier ist eine Europameisterschaft. Wir haben alles umgesetzt, was der Trainer gesagt hat. Damit haben wir uns das Leben leicht gemacht", sagte Özil, der auch zum besten Spieler des Abends gewählt wurde: "Ich glaube, ich habe das heute ganz gut hinbekommen."
Hrubesch war stolz auf seine Jungs. "Wir haben alles richtig gemacht. Man muss die Mannschaft loben. Es hat einfach Spaß gemacht", sagte der Europameister von 1980: "Das ist auch ein Meilenstein für mich."
Hummels war nicht die einzige Änderung, die Hrubesch, der für gewöhnlich stur an System und Personal festhält, vorgenommen hatte. Für den gesperrten Ashkan Dejagah nahm der Duisburger Wagner den Platz als einzige Spitze im Stumzentrum ein.
Özil rückte vom Angriff auf die linke Außenbahn, sein künftiger Bremer Vereinskollege Marko Marin saß mit einer Fußprellung nur auf der Bank. Englands Trainer Stuart Pearce fehlten drei gesperrte Spieler, darunter Torwart Joe Hart, der von Scott Loach vertreten wurde.
Deutschland-Schreck Theo Walcott von Arsenal London, der den DFB-Junioren die Qualifikation für die EM 2007 mit zwei Toren vermasselt hatte, stürmte trotz einer Blessur von Beginn an.
Superstar Walcott komplett abgemeldet
Walcott erarbeitete sich auch die erste Chance, überlief Benedikt Höwedes, zielte aus spitzem Winkel aber neben das Tor (3.) und hatte sein Pulver verschossen. Der Hrubesch-Elf war eine gewisse Nervosität anzumerken. Ungewöhnlich viele Fehlpässe unterliefen Außenverteidiger Andreas Beck und seinen Kollegen im ersten Abschnitt.
Englands Auswahl wurde somit zu Torchancen eingeladen, doch im deutschen Strafraum bissen sie auf Granit. Die DFB-Talente wussten wesentlich mehr mit dem Ball anzufangen.
Ein Schuss von Özil wurde nach schöner Kombination über Sami Khedira noch abgeblockt (15.). Kurz darauf bediente Özil aber Castro mit einem mustergültigen Pass, den der Leverkusener zum 1:0 nutzte.
Die deutsche Mannschaft kämpfte nicht nur, sie spielte auch und zeigte eben jene Qualitäten, die Optimisten von ihr im Vorfeld erwarteten. "Ich weiß nicht, ob es jemals eine bessere deutsche U21 gegeben hat, aber diese Jungs sind bereit, Dreck zu fressen", hatte Hrubesch gesagt.
Im Finale bewiesen sie ihrem Coach, was er ohnehin schon wusste. Die Zeiten, in denen sich hiesige Junioren-Nationalspieler als Wohlstands-Jünglinge bezeichnen lassen mussten, scheinen vorbei zu sein. Es passte ins Bild, dass auch Kapitän Khedira, an dem das Turnier zuvor eher vorbeigelaufen war, im Finale seine Topform wieder fand.
Hrubesch tobt an der Seitenlinie
Doch Hrubesch traute dem Braten nicht so richtig. Lautstark schimpfte er an der Seitenlinie herum, war mit dem Schiedsrichter, dem Spiel und vor allem dem Ergebnis nicht wirklich zufrieden.
Zwar hatte sich seine Mannschaft bis zur Pause längst eine Feldüberlegenheit erarbeitet, doch die Führung blieb zunächst knapp und England dachte nicht im Traum daran, in der Neuauflage des Klassikers aufzustecken.
Hummels und seine Mitstreiter räumten in der Defensive allerdings alles ab. Und unmittelbar nach dem Seitenwechsel stellte Özil durch einen Freistoß, den Loach falsch berechnet hatte, die Weichen endgültig auf einen historischen Abend im schwedischen Mittsommer. Wagner machte die deutschen Festspiele und das Debakel für England perfekt.
Statistik
Deutschland: Neuer - Beck, Höwedes, Jerome Boateng, Boenisch - Hummels (83. Aogo) - Johnson (68. Schwaab), Castro, Khedira, Özil (89. Schmelzer) - Wagner - Trainer: Hrubesch
England: Loach - Cranie (80. Gardner), Richards, Onuoha (46. Mancienne), Gibbs - Cattermole, Muamba (78. Rodwell), Noble - Milner, Walcott, Johnson - Trainer: Pearce
Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande)
Tore: 1:0 Castro (23.), 2:0 Özil (48.), 3:0 Wagner (79.), 4:0 Wagner (84.)
Zuschauer in Malmö: 20.000
Beste Spieler: Castro, Hummels, Özil - Johnson, Milner
Gelbe Karten: Boenisch, Wagner
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