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Multikulti in der DFB-Elf
Steilpass für die Integration

Düsseldorf. Multikulti ist eine Selbstverständlichkeit im deutschen Spitzensport geworden. Zuwandererkinder prägen das Nationalteam. Von Martin Beils

"Ich bin der Kartoffelsalat", sagt Bärbel Mertesacker. Sie ist der Kartoffelsalat aus dem Integrationswerbespot des Deutschen Fußball-Bundes. Die Sekretärin der Erich-Kästner-Schule im niedersächsischen Pattensen hat Talent erkennen lassen, als sie die vorbildlich bodenständige Spezialität des Hauses bei einer Multikulti-Fußball-Rudelguck-Party auftischte. Bärbel Mertesacker, Mutter des spätestens mit der Ankündigung eines mehrtägigen Bades in einer Eistonne berühmt gewordenen Per, hat ein breites Publikum erreicht. Genau wie Maria-Theresia Metzelder oder Ganyemete Bajramaj und noch ein paar andere Fußball-Mamas und -Papas aus vieler Herren Länder standen sie 2008 vor der Kamera.

Sönke Wortmann, der Lieblingsregisseur des DFB, hatte sie für seinen Spot gewählt. Theo Zwanziger, damals Präsident des größten Fußballverbands der Welt, kommentierte staatstragend: "Integration ist ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema. Deswegen sehe ich es als Pflicht für den DFB an, in dieser Sache einen Beitrag zu leisten."

Sieben Jahre später braucht Deutschland solche Filme nicht mehr. Im Spitzensport zumindest ist die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, wie es so unschön im Behörden- und Soziologen-Deutsch heißt, eine kaum noch erwähnenswerte Selbstverständlichkeit. Die Fußball-Nationalmannschaft ist genauso bunt wie die Olympia-Mannschaft, die sich im kommenden Jahr auf den Weg nach Rio de Janeiro macht.

Bei den Basketballern, seit jeher multikulturell geprägt, wächst zum Beispiel Dennis Schröder, dessen Mutter aus Gambia stammt, in die Rolle eines Stars. "Beim Sport ist Diskriminierung kein Thema. Mir hat immer gefallen, wie offen der Sport ist", sagt die in Paris geborene, dunkelhäutige Marie-Laurence Jungfleisch, die beste deutsche Hochspringerin. Ein bisschen beschönigend ist das, denn gerade im mittelklassigen Fußball werden Spieler afrikanischer Herkunft immer noch von Dummköpfen auf der Tribüne verhöhnt. Doch gerade für die Leichtathletik, Kernsportart Olympias, stimmt ihre Einschätzung. Es ist kein Zufall, dass im Deutschen Leichtathletik-Verband ein Einwanderersohn die Richtlinien vorgibt. Der Vater von Cheftrainer Idriss Gonschinska kommt aus Mali.

Die Zuwanderung hat das wiedervereinigte Deutschland verändert, und sie wird das Land noch weiter und nachhaltig verändern. Für alle Lebensbereiche kann diese Entwicklung ein Gewinn sein, für den Sport ist sie es längst nachweisbar und messbar.

Der Sport funktioniert ja nach einem einfachen Schema und eignet sich deshalb für die Integration besonders gut: Wer gut ist, wird gern genommen. Oder: Kannste was, biste was. Das Leistungsprinzip wird hier auf die Spitze getrieben.

DFB-Elf holte WM-Titel 1990 ohne Spieler mit Migrationshintergrund

Ein Vergleich der deutschen Aufgebote für die Fußball-Weltmeisterschaften 1990 und 2014 verdeutlicht, um wie viel bunter das Land innerhalb eines Vierteljahrhunderts geworden ist. Alle 22 Spieler, die sich auf den erfolgreichen Weg nach Rom machten, waren zwischen Kiel (Andreas Köpke) und dem niederbayerischen Fürstenzell (Klaus Augenthaler) als Kinder deutscher Staatsbürger zur Welt gekommen. Im Aufgebot der WM im vergangenen Jahr standen in Jerome Boateng, Mesut Özil, Shkodran Mustafi, Sami Khedira, Lukas Podolski und Miroslav Klose sechs Zuwandererkinder. Und die Nachwuchsmannschaften des DFB werden von hochtalentierten Spielern mit osteuropäischen, arabischen und afrikanischen Namen geprägt. Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, sagt: "Unsere Spieler mit Migrations-hintergrund bringen durch ihre Spielweise andere Einflüsse mit ein. Das wirkt bereichernd."

Der Erfolg der durch nordafrikanische Einwanderer wie Zinedine Zidane geprägten französischen Nationalmannschaft bei der WM 1998 und der EM 2000 habe beim DFB zum Umdenken geführt, erklärt der Sportsoziologe Silvester Stahl: "Der DFB kam damals zu dem Ergebnis, junge Spieler mit Migrationshintergrund zu fördern." Höhepunkt dieser Öffnung war die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Im damaligen DFB-Kader hatten elf der 23 Profis einen Migrationshintergrund.

Doch die Integrationswirkung des Sports ist kein Selbstläufer. Während das Statistische Bundesamt 2013 für etwa 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund feststellte, gilt das laut dem Sportentwicklungsbericht 2013/14 des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) nur für etwa sechs Prozent der Mitglieder in Sportvereinen, mit abnehmender Tendenz im Vergleich zum Vorbericht. Neben multikulturell geprägten Vereinen, in denen Menschen aus Dutzenden Nationen gemeinsam Sport treiben, gibt es gerade in unteren Fußballligen zahlreiche nach ethnischer Herkunft organisierte Vereine, in denen Zuwanderer unter sich bleiben: Marokkaner zum Beispiel, Türken oder Albaner. Die DOSB-Studie "Sport und Zuwanderung" hielt deshalb fest: "Sport wirkt nicht per se integrativ."

Und wenn es bei der Fußball-Nationalmannschaft mal nicht rund läuft – etwa nach dem Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft 2012 –, schlägt das Wetter um. Dann wird diskutiert, warum die Einwanderer-Söhne die Nationalhymne nicht mitsingen. Ganz so bunt und tolerant ist der Schmelztiegel Deutschland doch noch nicht.

Quelle: RP
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