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Entscheidung am Sonntag
DFB-Führung will an Länderspiel gegen die Niederlande festhalten

DFB-Tross landet nach Terror von Paris sicher in Frankfurt
DFB-Tross landet nach Terror von Paris sicher in Frankfurt FOTO: dpa, fru gfh
Paris. Was ist richtig, was ist falsch? Soll, kann, muss das für Dienstag geplante Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Niederlande abgesagt werden? Am Sonntag soll die Entscheidung darüber gefallen, ob "Die Mannschaft" gegen Oranje antritt. Von Martin Beils

Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, sagte nach der Rückkehr nach Deutschland: "Das Spiel steht erst mal, wir werden da aber noch intern drüber sprechen." Reinhard Rauball, der den DFB zusammen mit Rainer Koch übergangsweise führt, meinte: "Wir werden eine Nacht drüber schlafen und dann sehen, wie wir die Dinge am Dienstag angehen oder nicht angehen. Aber ich bin der Meinung, dass man dem Terror nicht weichen sollte."

Koch ergänzte: "Natürlich haben wir bei allem die Vorgaben der Sicherheitsbehörden zu beachten. Grundsätzlich sehe ich den DFB und die Nationalmannschaft aber auch in der gesellschaftspolitischen Verantwortung, das klare Zeichen auszusenden, dass unser Rechtsstaat dem Terror nicht weichen darf."

Reaktionen: "Die Gegentore treten völlig in den Hintergrund"

Nationalspieler werden vorerst nach Hause geschickt

Die Nationalspieler durften nach der Landung in Frankfurt/Main am Samstag erst einmal zurück zu ihren Familien. Dort sollten die 24 Akteure um Kapitän Bastian Schweinsteiger nach einer schlaflosen Nacht im Stade de France "erstmal durchatmen und bei ihren Liebsten sein können", sagte Bierhoff. Nach dem Spiel am Freitag waren alle "schockiert und stark berührt", berichtete Bierhoff. Die Spieler erhielten besorgte Telefonanrufe und Nachrichten aus der Heimat. "Man hat es einfach gemerkt: Auch die Spieler waren sehr ängstlich", sagte der Manager.

Fans versammeln sich nach Anschlägen im Innenraum FOTO: ap, LR

Auf dem Plan der französischen Mannschaft steht für Dienstag ein Testspiel in England."Das ist eine sehr tragische Angelegenheit. Wir werden uns am Wochenende mit dem französischen Verband in Verbindung setzen", sagte ein Sprecher der englischen Föderation. Die Agentur AFP meldete jedoch, dass das Spiel stattfinden werde – ein Fingerzeig in Bezug auf das DFB-Spiel gegen die Niederlande.

Am Samstagmorgen war die Nationalmannschaft zunächst nach Deutschland zurückgekehrt. Am Morgen nach den schweren Anschlägen von Paris landete der Flieger mit dem Nationalteam und dem Betreuerstab an Bord in Frankfurt am Main. Die ganze Nacht hatte das Team im Stade de France im Pariser Vorort St. Denis bei Paris verbracht.

Das Spiel an sich war weit in den Hintergrund gerückt. Die 0:2-Niederlage in dem Stadion, in dem in acht Monaten das Finale der Europameisterschaft stattfinden soll, war allenfalls noch eine Randnotiz in einer Nacht, die Paris, Frankreich, Europa und die ganze Welt in ihren Grundfesten erschütterte.

Der DFB hatte in der Nacht gezielt Fehlinformationen gestreut. Es hieß, die Mannschaft solle in Kleinbussen zurück in ihrer Hotel am Bois-de-Boulogne gebracht werden, weil eine Fahrt im auffällig lackierten Mannschaftsbus ein zu großes Sicherheitsrisiko gewesen wäre. Stattdessen aber blieben die Profis und der ganze Stab die ganze Nacht über in dem für die WM 1998 gebauten Nationalstadion, das in einem nördlichen Vorort der Hauptstadt steht.

Terrorwelle erschüttert Paris FOTO: dpa, yv ks

In den Kleinbussen saßen Mitglieder des Fanklubs "Freunde der Nationalmannschaft". Bierhoff berichtete bei n-tv, die Spieler seien "sehr ängstlich" gewesen: "Wir wollten kein Risiko eingehen und sind deshalb im Stadion geblieben." In einem Bereich, weitab der Terminals des Flughafens Charles de Gaulle nahm ein aus Deutschland nach Paris beordertes Flugzeug den Tross auf und brachte ihn nach Frankfurt.

Ursprünglich sollten die Profis den Samstag noch an der Seine genießen können: Shopping, Sightseeing, Ausspannen. Stattdessen reisten die Fußballspieler zu ihren Familien. Die für den Sonntag geplante Anreise nach Hannover bzw. in die Sportschule Barsinghausen wurde genauso wie alle weiteren Termine der Nationalmannschaft vorerst gestrichen.

Mitte der ersten Halbzeit des Fußballspiels war zweimal ein Knall im Stade de France zu hören gewesen. Bundestrainer Joachim Löw fühlte sich gleich an die Bombendrohung im Teamhotel Molitor am Freitagvormittag erinnert, derentwegen die Mannschaft das Quartier für mehrere Stunden hatte verlassen müssen. Die Spieler wurden ins Tennisstadion von Roland Garros gebracht. Die Stimmung war da noch ganz entspannt. Und bald kam ja auch schon Entwarnung.

Doch die Drohung war womöglich ein Vorbote, für die Katastrophe, die sich am Abend ereignen sollte. In der Kabine der Weltmeister habe in der Halbzeitpause des Spiels gegen Frankreich "große Unsicherheit und große Angst" geherrscht, berichtete Bierhoff. Einige Spieler hatten Angehörige oder Freunde im Stadion, die sie über die überlasteten Netze nur schwer erreichen konnten. "Man hat gemerkt, wie geschockt die Spieler sind. Sie haben sofort nach ihren Telefonen ergriffen, um sich zu informieren oder zu Hause anzurufen", sagte Bierhoff.

Vier Menschen wurden in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stadion in St. Denis getötet, darunter nach Angaben der Ermittler drei Terroristen. Von der Gegentribüne aus soll der Tatort Augenzeugen zufolge sogar zu sehen gewesen sein. Unbestätigten Informationen zu Folge wollten die Terroristen ins Stade de France eindringen.

Für viele deutsche Fernsehzuschauer wurde der Terror dadurch unmittelbar, dass die Gewalttäter des IS den Fußball als eine Plattform gewählt hatten. Das Länderspiel war mit 8,78 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 28,5 Prozent Marktanteil beim Gesamtpublikum die meistgesehene Sendung am Freitagabend.

In der Nacht stellten sich viele Nationalspieler an die Seite der Franzosen. Lukas Podolski twitterte die Bitte "Pray for Paris" und das aus einem Friedenszeichen und dem Eiffelturm zusammengesetzte Zeichen, das in Windeseile weltweit zum Signet der Solidarität wurde. "Was für eine schreckliche Nacht", twitterte der Wolfsburger Nationalspieler André Schürrle, "meine Gedanken sind bei den Familien der Opfer."

"Unfasssbar – was für eine Tragödie", schrieb Mario Götze. Der Schalker Kapitän Benedikt Höwedes, der wegen eines Bruchs der Hand pausieren muss: "Ich bin entsetzt und erschüttert."

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