Robert Enke ist tot: Die Bürde der Hinterbliebenen
VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 13.11.2009 - 13:02Düsseldorf (RP). So groß die Verzweiflung auch gewesen sein mag, die ihn in die Selbsttötung trieb – seinen Angehörigen hinterlässt Robert Enke eine schwere Last. "Zum einen reißt ein Selbstmörder eine Lücke in eine Familie", sagt Norbert Josef Hartkamp, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Stiftungsklinikum Mittelrhein in Boppard. "Auf der anderen Seite bürdet er ihr das Gefühl auf, selbst versagt oder nicht genug getan zu haben."
Automatische Mechanismen, die nach einem Suizid greifen, um die Angehörigen zu unterstützen, gebe es nicht, sagt Hartkamp. Wer sich als hilfebedürftig ansehe, müsse aktiv nach Unterstützung suchen. "Wenn jedoch das soziale Netzwerk greift und sowohl emotional als auch praktisch Hilfe leisten kann, ist die Bewältigung einer solchen Situation sehr viel einfacher."
André Karger, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Düsseldorf, bestätigt, dass Hinterbliebene nicht zwangsläufig therapeutische Hilfe benötigen: "Es handelt sich um die Bewältigung extremer, aber ganz normaler Gefühle wie Trauer, Schmerz, vielleicht auch Wut." Erst wenn Schuldgefühle in Selbsthass umschlagen und dazu führen, dass ein Hinterbliebener selbst depressiv wird, werde es gefährlich.
Suchen die Angehörigen professionellen Rat, stehen daher zwei Dinge im Vordergrund der Therapie, sagen die beiden Mediziner. Zum einen die Aufklärung. "Für ein Kind ist es viel einfacher, irgendwann sagen zu können: ,Mein Vater war sehr krank', anstelle von: ,Mein Vater hat sich umgebracht'", sagt Hartkamp. Auf der anderen Seite müsse sich der Arzt schützend vor die Betroffenen stellen. "Man muss die Grenzen der Verantwortung aufzeigen", sagt Karger.
Probleme könnten Betroffenen auch daraus entstehen, dass Selbsttötung noch immer ein Tabu ist und Bekannte, die in jeder anderen Notlage helfen würden, in diesem speziellen Fall vor dem Stigma zurückschrecken. Umso wichtiger sei es, nach Enkes Suizid hellhörig zu werden. "Eine Nachahmungsgefahr besteht definitiv", sagt Karger – der so genannte Werther-Effekt.
Die Witwe von Nationaltorhüter Robert Enke hat ihres Mannes mit einer großen Traueranzeige und einem Zitat des tschechischen Schriftstellers Václav Havel gedacht. "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht." Unterzeichnet ist die Anzeige mit: "In ewiger Liebe - Teresa, Leila und Dein kleiner Engel". Leila heißt die acht Monate alte Tochter, die Robert und Teresa Enke im Mai adoptiert haben. Als "kleinen Engel" bezeichnet die Anzeige die vor drei Jahren verstorbene Lara Enke, die im Alter von nur zwei Jahren einem Herzleiden erlag.
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