Einst gefeiert, heute fast vergessen: Die tragischen WM-Helden von 1990
VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 21.09.2011 - 13:19Düsseldorf (RPO). Als die deutsche Nationalmannschaft 1990 Weltmeister wurde, da war Lothar Matthäus Kapitän dieses Teams, nahm den WM-Pokal entgegen. Er war der Anführer, einer, der die Kollegen mitriss. Heute, über 20 Jahre nach dem Triumph von Rom, steht Matthäus sinnbildlich für die traurigen Weltmeister von 1990, für die im modernen Fußball kein Platz ist.
Es ist schon ein schwer zu begreifendes Phänomen: Die Akteure, die Deutschland durch das 1:0 über Argentinien den dritten und bislang letzten WM-Titel bescherten, spielen im aktuellen Bundesliga-Geschäft entweder keine oder allenfalls eine Nebenrolle, auch international sind nur wenige gefragt. Und das, obwohl sie fast alle weiterhin mit dem Fußball verbandelt sind.
Trainer wurden viele der 22 Weltmeister, doch in der Bundesliga kamen nur wenige an: Klaus Augenthaler (Nürnberg, Leverkusen und Wolfsburg), Andreas Brehme (Kaiserslautern), Jürgen Klinsmann (München), Jürgen Kohler (Duisburg), Pierre Littbarski (Wolfsburg). Auffällig hierbei: Nach einer Station war die zweite Bundesliga-Karriere auch schon wieder beendet – außer Augenthaler bekam keiner eine zweite Chance. Guido Buchwald schaffte es nur bis in die 2. Bundesliga (Aachen), Olaf Thon kam bislang noch gar nicht im Profibereich an, legte sein Amt beim NRW-Ligisten Hüls zuletzt nieder.
Der DFB vergisst seine Stars nicht
Zumindest die Nationalmannschaft hat die Helden von einst nicht ganz vergessen: Andreas Köpke ist aktuell Torwarttrainer, Kohler war für die U21 verantwortlich und Rudi Völler (2000 - 2004) sowie Jürgen Klinsmann (2004 - 2006) durften die DFB-Auswahl trainieren, sogar bei Welt- und Europameisterschaften betreuen. Die Mehrzahl der Weltmeister entschied sich jedoch gleich gegen eine Karriere als Trainer, so reicht die Platte vom Fan-Beauftragten des FC Bayern (Raimund Aumann) über Wettexperten (Thomas Berthold) bis zu Fußballschulen-Betreiber (Frank Mill). Wieder sind es Völler als Sportdirektor in Leverkusen und Klinsmann als US-Nationalcoach, die positiv aus der Reihe tanzen.
In Deutschland kein Thema, weder beim Verband, noch in der Bundesliga ist indes Matthäus, der Rekord-Nationalspieler tingelt deshalb munter durch Europa: Wien, Belgrad, Ungarn, ein kurzer Abstecher ins brasilianische Paranaense, Salzburg, Netanya und zuletzt Bulgarien – sein sportliches Trainerglück fand Matthäus trotz diverser Meistertitel und einem Sieg über die deutsche Nationalef (mit Ungarn) nirgendwo. Dabei bescheinigten ihm viele seiner sportlichen Weggefährten schon während der aktiven Karriere ein hohes Maß an taktischem Verständnis: "Er bringt eigentlich alles mit, um ein erfolgreicher Trainer zu werden", sagte Franz Beckenbauer, der Weltmeister-Teamchef.
Eigentlich. Und doch steht sich Matthäus immer selbst im Weg. Durch sein nach außen gerichtetes Privatleben mit diversen Auftritten in Promi-Magazinen untergräbt er sein Ansehen, zudem scheiterten diverse Engagements in Deutschland am Misstrauen diverser Fans und Vereinsbosse. Der Frankfurter Allgeinen Zeitung sagte er nun: "Das ist ungerecht, anderen wird ihr Privatleben verziehen, mir nicht." Matthäus scheitert nicht an fehlender Kompetenz oder Fachkenntnis, er scheitert am Spagat zwischen Seriösität und Superstar, der er als aktiver Sportler war, und von dessen Ruhm er international durchaus noch zehrt.
Matthäus und die Auslaufmodelle
Matthäus stellt im Vergleich mit seinen ehemaligen Kollegen einen Sonderfall dar, denn er steht nicht unbedingt für ein Auslaufmodell, wie so viele seiner ehemaligen Kollegen, denen in der Branche nicht zugetraut wird, sich mit den Mechanismen des modernen Fußballs zu arrangieren. In den vergangenen 20 Jahren wurde der Fußball taktisch auf dem Kopf gestellt, einen Libero gibt es nur noch bei Mannschaften, die von Otto Rehhagel trainiert werden, Leitwölfe wie Matthäus oder Augenthaler werden durch flache Hierarchien unnötig.
Der Fußball hat sich verändert, die Bundesligisten setzen vermehrt auf junge, unverbrauchte Übungsleiter wie Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Robin Dutt oder auf altgediente, aber sehr wohl der heutigen Zeit angepasste Trainer wie Jupp Heynckes oder Thomas Schaaf. Das Rüstzeug, das sie aus ihrer aktiven Zeit mit auf den Weg bekamen, reicht heute nicht mehr aus. Beckenbauer gab seinen Schützlingen vor dem Argentinien-Spiel in der Kabine den legendären Befehl: "Geht raus und spielt Fußball". Was damals noch so einfach war, wird heute mit diversen Systemen, Ketten, Rauten, hoher und tiefer Abwehr, Arbeit gegen den Ball, Umschaltaktionen, festgelegten Lauf- und Passwegen verkompliziert. Wer nicht mit der Zeit geht, der ist raus, und wer zulange aus dem Geschäft ist, der bleibt auch außen vor. Auch das ist neu.
Die Weltmeister von 1990 sind eine Generation von Fußballern, die noch keine Rhetorikschulungen absolvierten, die den Fußball nicht am Reißbrett erlernten, sondern sich auf der Straße selbst schulten – echte Typen statt glattgebügelter Musterschüler. Sie wirken heute wie ein Fossil aus einer längst vergangenen Zeit in einer sich immer schneller drehenden Zeit. Doch ihnen bleibt ein Trost: den Weltmeistertitel kann ihnen niemand mehr nehmen.
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