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Bundestrainer glaubt an Abwehrchef
Löw hält Boateng "Tür solange wie möglich offen"

Die Muskelverletzungen des FC Bayern
Die Muskelverletzungen des FC Bayern FOTO: dpa, chr fpt
München. Joachim Löw schwört seine Weltmeister auf die EM-Titelmission ein, doch die Sorge um Abwehrchef Jerome Boateng überlagert das Treffen in München.

Joachim Löw eilte durch die Tiefgarage, Manuel Neuer kickte mit einigen jugendlichen Statisten ein paar Bälle durch den Hotelflur, und in der Lobby herrschte hektische Betriebsamkeit. Es war einiges los beim ersten Treffen der deutschen Fußball-Weltmeister im EM-Jahr am Montag in München. Spieler kamen und gingen - doch Bundestrainer Löw widmete sich nach einem kurzen Fotoshooting zunächst einmal seinem schwer verletzten Abwehrchef Jerome Boateng, dessen EM-Teilnahme in Gefahr ist.

"Ich habe mit Jerome gesprochen und ihm gesagt, dass ich an ihn glaube und er es noch schaffen kann, auf den EM-Zug aufzuspringen", sagte Löw. Er werde dem 27-Jährigen "die Tür solange wie möglich offenhalten", versicherte der Bundestrainer und erinnerte Boateng an Sami Khedira. Der Mittelfeldspieler sei vor der WM in Brasilien auch erst auf den letzten Drücker fit geworden sei - und habe dann zum WM-Triumph beigetragen.

Löw muss seinen 23-Mann-Kader für die EURO bis 31. Mai melden. "Jerome ist eine Kämpfernatur und arbeitet top professionell, er hat den Willen und die Einstellung, alles dafür zu tun", zeigte sich Löw optimistisch - obwohl Boateng wegen eines Muskel- und Sehnenrisses im Adduktorenbereich wohl mindestens drei Monate ausfällt.

Boateng sagte dem kicker, bis zur Endrunde in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) sollte es "im Normalfall reichen", betonte aber: "Ich muss dann auch erstmal wieder auf mein gewohntes Level kommen." In den kommenden vier Wochen ist er zur Untätigkeit verdammt - das erste Gruppenspiel des DFB-Teams gegen die Ukraine in Lille steigt aber bereits am 12. Juni.

Ursprünglich sollten beim Weltmeister-Treffen im Hilton am Tucherpark Marketingaktivitäten im Vordergrund stehen. Doch nicht nur Boateng, auch die Form der Weltmeister macht Löw Sorgen, seine Planungen für die EURO sind gehörig ins Wanken geraten. "Das Wichtigste", sagte Teammanager Oliver Bierhoff deshalb über die Zusammenkunft, sei, "dass wir ihnen in die Augen gucken und in den Kopf setzen können, dass trotz Champions League und anderer Wettbewerbe die Europameisterschaft in diesem Jahr ein wichtiges Event ist". Außerdem sollten in einem Sicherheitsblock die Ereignisse aus der Terror-Woche im vergangenen November aufgearbeitet werden, um "unbelastet ins Turnier zu gehen", wie Löw hervorhob.

Beim Einschwören auf die Titelmission am Nachmittag sprach der Bundestrainer einige Problem direkt an. Seine Mannschaft habe sich seit dem WM-Triumph "unter Niveau" präsentiert, monierte er. Jeder Einzelne, appellierte der 55-Jährige, müsse "noch ein paar Prozent drauflegen". Die Mannschaft müsse "aufpassen", machte Löw unmissverständlich klar. In der zuletzt gezeigten Form sei der vierte EM-Titel weit weg.

Zur schlechten Verfassung kommen Verletzungen. Weltmeister Benedikt Höwedes, ein möglicher Ersatz für Boateng, fehlt wegen einer Oberschenkelblessur noch bis Mitte April und wird die ersten Länderspiele 2016 am 26. und 29. März in Berlin und München gegen England sowie Italien ebenfalls verpassen. Boatengs Klubkollege Holger Badstuber wäre eine weitere Alternative, doch Löw betonte angesichts dessen Verletztengeschichte: "Man sollte die Erwartungen an den Holger nicht zu hoch schrauben." Offen ist zudem, wann Kapitän Bastian Schweinsteiger (Knie) oder WM-Held Mario Götze wieder voll belastbar sein werden.

Löw wird Alternativen testen müssen, einige hat er bereits in München versammelt. So gehörte unter anderen der junge Schalker Leroy Sane zum Kreis, der sich am Englischen Garten einfand. Bierhoff setzt außerdem darauf, dass die Dortmunder um Führungsspieler Mats Hummels ihre bereits starke Form auch im DFB-Trikot zeigen werden. Hummels werde "unabhängig von Jeromes Präsenz bei der EM wichtig sein", sagte er, und das gelte auch für dessen Klubkollegen Ilkay Gündogan, Marco Reus und Co.: "Sie haben eine unglaublich hohe Qualität."

Es sei deshalb "positiv für die Nationalmannschaft", meinte Bierhoff, wenn die BVB-Stars im Verein Selbstvertrauen tankten. Vor allem, solange sich einige andere Stützen ihr Selbstbewusstsein in der Reha holen müssen.

(old/sid)
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