| 17.07 Uhr

Schotte auf Gibraltars Bank
Plötzlich Nationalcoach: David Wilson lebt "surrealen" Traum

Gibraltar: David Wilson lebt "surrealen" Traum
David Wilson sollte die Spieler von Gibraltar eigentlich nur fit machen. FOTO: afp, DS/VPA
München/Faro. David Wilson wollte eigentlich nur Fitnesscoach von Gibraltars Fußballern werden - jetzt ist er Nationaltrainer. Die unglaubliche Geschichte des Schotten ist typisch für den Fußball-Zwerg.

Dass er am Samstag gegen Weltmeister Deutschland als Gibraltars Nationaltrainer auf der Bank sitzen wird, kann David Wilson selbst kaum fassen. Eigentlich wollte der Schotte dem kleinsten Fußball-Zwerg nur als Fitnessberater auf die Sprünge helfen, doch nach der Entlassung von Coach Allen Bula machte der Verband dessen Assistenten Wilson im März kurzerhand zum Chef. "Es ist surreal, davon träumt man als Kind", sagt Wilson und fasst damit die Gemütslage des krassen Außenseiters vor dem erneuten Duell (20.45 Uhr/Live-Ticker) mit den deutschen Stars in der EM-Qualifikation zusammen.

Wilsons unglaubliche Geschichte steht beispielhaft für die mitunter abenteuerlichen Wege, die der Fußball in der britischen Enklave an der Südspitze Spaniens nimmt. Mit 22 entschied er sich gegen eine Karriere als Profi beim FC Kilmarnock und für die Royal Navy, die ihn 2008 auf die felsige Halbinsel am Mittelmeer versetzte. Dort schloss er sich als Fitnesscoach verschiedenen Klubs und 2013 der neu formierten Nationalmannschaft an. Zwei Jahre später führte er den Underdog erstmals als Chefcoach an - ausgerechnet gegen "seine" Schotten, im Hampden Park von Glasgow, wo er Jahre zuvor noch als Teil der berühmten "Tartan Army" auf der Tribüne saß.

"Es ist bei meinem Hintergrund unmöglich, das Schottland-Spiel zu toppen", sagt Wilson (41). Und doch betont er, dass das Duell gegen seinen berühmten Kollegen Joachim Löw etwas ganz Besonderes sei. "Bei uns spielen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, Polizisten, ein Anwalt und ein Zollbeamter, aber keiner nimmt eine Niederlage als vom Schicksal vorgegeben hin. Es muss erlaubt sein zu träumen", sagt er. Auch, wenn es als Antrittsprämie pro Spieler nur 50 Pfund (rund 70 Euro) gibt.

Seine Spieler haben Wilsons Kampfgeist verinnerlicht. Beim 0:4 am vergangenen Sonntag im Test gegen Kroatien schlugen sie sich achtbar, obwohl Wilson neben Kapitän Roy Chipolina weitere Stammkräfte schonte. Jamie Coombes, einer von drei Debütanten, tönte danach via Twitter: "Bring on Germany!", her mit den Deutschen! Denen machte Gibraltar schon im Hinspiel das Leben schwerer als erwartet. "Das war ein fantastisches Ergebnis", sagt Wilson über das 0:4 im vergangenen November, "unsere Stärke ist, dass unsere Spieler keine Angst kennen".

Allzu viel Mut brachten sie in bisher fünf Quali-Spielen mit null Punkten und 1:27 Toren aber nicht auf. Nur bei Wilsons Debüt gegen Schottland gelang ein Treffer (1:6). Wilson hat sich deshalb vorgenommen, "die Nation zu beeindrucken. Es ist okay, 90 Minuten zu verteidigen, aber wir müssen beweisen, dass wir auch kontern können."

Die Unterstützung der Heimat ist ihnen dabei gewiss. Obwohl das Spiel im vier Autostunden entfernten Faro an Portugals Algarve-Küste stattfindet - Gibraltar hat kein von der UEFA zugelassenes Stadion - werden 3000 Heimfans erwartet. Das ist etwa jeder zehnte Einwohner.
Die meisten reisten zum Spiel des Jahres wie ihr Team - mit dem Bus.

(sid)
 
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