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U21 nach 0:5 in der Kritik
Der tiefe Fall der Hochgelobten

Fotos: Deutschland verpasst EM-Finale - Debakel gegen Portugal
Fotos: Deutschland verpasst EM-Finale - Debakel gegen Portugal FOTO: dpa, pp sam
Prag/Olmütz. Die U21-Nationalmannschaft unterliegt Portugal im EM-Halbfinale 0:5 und muss dafür viel Kritik einstecken.

Nach der historischen Niederlage wollte die deutsche U21 nur noch nach Hause. "Ich bin jetzt 64 Jahre alt, ich habe genug Klatschen bekommen. Aber diese Klatsche bleibt haften", sagte DFB-Trainer Horst Hrubesch am Morgen nach dem 0:5 (0:3) gegen Portugal mit kleinen Augen. Noch am Mittag trat das DFB-Team die Heimreise an, der Urlaub rief. "Jetzt freue ich mich darauf, wieder mit meinem Hund spazieren zu gehen", sagte Hrubesch.

Aufzuarbeiten gibt es nach der bitteren Lehrstunde im EM-Halbfinale genug. Von einer "Frechheit" sprach Emre Can, Kevin Volland sogar von "Arbeitsverweigerung" und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach von einer "Vorführung". Für die größte Aufregung sorgte aber Weltmeister Matthias Ginter, der nach der Pleite offen seine Mitspieler kritisierte.

Die Gewinner und Verlierer der U21-EM FOTO: afp, JKL ej

"Einige müssen sich fragen, ob sie in der Vorbereitung alles so professionell gemacht haben, wie man es vor einem Halbfinale machen sollte", sagte Ginter nach der höchsten Niederlage der deutschen U21-Geschichte. Ein Satz, der ganz offensichtlich nicht zufällig fiel - Ginter wiederholte ihn immer wieder. Erst später relativierte sich der Dortmunder Innenverteidiger ein wenig: "Ich bin der Letzte, der einzelne Spieler attackiert."

Und doch wurde gerätselt, wen und was Ginter genau meinte. "Wir haben nach dem Gruppenspiel gegen Tschechien Bilder vom Pizza-Essen gepostet. Aber ich glaube, man kann sich mal was gönnen, wenn man zwei Wochen nur Nudeln isst", sagte Emre Can, der in England für den FC Liverpool spielt. Hrubesch betonte, Ginters Äußerung sei einzig der Enttäuschung geschuldet. "Es ist absolut nichts vorgefallen. Ich wäre der Erste gewesen, der das erfahren hätte", sagte der Trainer.

Passende Worte fand Can dagegen für seine eigene, über weite Strecken extrem schwache Leistung. "Vielleicht habe ich vor dem Spiel gedacht, dass ich der Größte bin. Ich glaube, ich muss wieder auf den Boden kommen", sagte der 21-Jährige selbstkritisch. Can war in den vergangenen Wochen mit Lob geradezu überschüttet worden, gegen Portugal war er wie der Großteil der Mannschaft ein Totalausfall. "Was wir abgeliefert haben, war einfach eine Frechheit", sagte Can.

Twitter-Reaktionen: "Richtig Haue"

Das sahen auch die Beobachter so. DFB-Präsident Niersbach, sonst die Diplomatie in Person, sprach von einer "Lehrstunde" und "Vorführung", Hrubesch war am Ende "heilfroh, dass es nur fünf Stück waren. Es hätte auch schlimmer ausgehen können." In der Tat war der Mitfavorit gegen die technisch starken Portugiesen von Beginn an heillos unterlegen, leistete sich Fehlpass um Fehlpass und sah tatenlos zu, wie der Titeltraum mit einem lauten Knall zerplatzte.

"Heute hätte jede andere Mannschaft gegen uns spielen können, wir hätten trotzdem nicht gewonnen", sagte Leonardo Bittencourt. Der Mittelfeldspieler schaffte in Olmütz das seltene "Kunststück", 25 Minuten nach seiner Einwechslung die Gelb-Rote Karte zu sehen. Es war das i-Tüpfelchen auf eine völlig verkorkste Partie. "Ich bin schon stinkig ins Spiel gekommen. Mein Puls war da schon bei 300", sagte Bittencourt. Nach dem Spiel habe in der Kabine eine "Totenstille" geherrscht.

Pressestimmen: "Hoffnungslos überfordert" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Und so verabschiedete sich die deutsche U21 zwar mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im Gepäck aus Tschechien, aber eben auch mit gemischten Gefühlen. "Wir haben in den vergangenen zwei Jahren viel zusammen erlebt", sagte Hrubesch und rang sich zum Abschied ein vorsichtiges Lächeln ab: "Wir gewinnen zusammen - und wir verlieren zusammen."

(sid)
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