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Länderspiel mit Symbolcharakter
Löw bei Pressekonferenz sichtlich bedrückt

Fotos: Löw wirkt auf Pk sehr nachdenklich
Fotos: Löw wirkt auf Pk sehr nachdenklich FOTO: afp, PST/DG
Hannover. Joachim Löw fiel der Schritt zurück in die Normalität sichtlich schwer. Im schwarzen Pullover und mit tiefen Furchen unter den Augen versuchte der emotional aufgewühlte Bundestrainer im Rittergut Eckerde vor den Toren Hannovers, den Blick auf das Länderspiel gegen die Niederlande zu richten. Doch die Eindrücke des Terrors von Paris, aus einer laut Löw "schrecklichen, entsetzlichen und für uns alle schockierenden Nacht", waren noch viel zu präsent.

In den Stunden nach dem 0:2 in Frankreich habe er sich gefragt: "Gibt es denn nichts Wichtigeres als den Fußball?", sagte Löw. Er selbst, aber auch viele seiner Spieler hätten das Gefühl gehabt, dass der Klassiker gegen Oranje am Dienstag (20.45 Uhr/Live-Ticker) in der HDI-Arena "nicht stattfinden kann und nicht stattfinden soll". Inzwischen, mit etwas Abstand, steht für Löw und die Mannschaft aber fest: Jetzt erst recht! "Dieses Spiel hat eine klare Botschaft und ein klares Symbol – für die Freiheit und für die Demokratie!", sagte Löw.

Wie schwer diese Art der Bewegungstherapie fallen wird, war in jeder Sekunde dieser außergewöhnlichen Pressekonferenz zu spüren. "Wir werden in jeder Phase des Spiels trauern und an alle Angehörigen und Opfer denken", sagte Löw bedrückt. Vor diesem Hintergrund wünsche er sich sehr, "dass die viel zitierte sportliche Rivalität zwischen Deutschland und Holland in den Hintergrund tritt". Sollte das gelingen und dem Terror mit "ganz anderen Werten" begegnet werden, "dann haben wir unabhängig vom Ergebnis gewonnen", sagte Löw.

Polizei zeigt vor Länderspiel in Hannover Präsenz FOTO: dpa, pst hpl

"Nervosität, Unruhe und Angst zu spüren"

Der 55-Jährige berichtete mit gedämpfter Stimme von den Eindrücken aus Paris. "Für uns war's schwer. Eine Gefühlswelt, die sehr durcheinander war. Bei vielen war eine gewisse Nervosität, Unruhe und Angst zu spüren", sagte er. Die EURO 2016 wollte Löw aber nicht infrage stellen. "Ich bin sicher, dass die EM in Frankreich stattfinden und die Regierung alles tun wird, um größtmögliche Sicherheit zu garantieren", sagte er.

Im Umfeld des Länderspiels in Hannover wurden die Maßnahmen verstärkt. Das Teamquartier "Sporthotel Fuchsbachtal" in Barsinghausen wurde weiträumig abgesperrt. PKW, die aufs Gelände wollten, wurden kontrolliert; Polizisten mit schusssicheren Westen sicherten das Gebäude ab; Spürhunde suchten nach möglichen Gefahrenquellen.

Reaktionen: "Die Gegentore treten völlig in den Hintergrund"

Am Dienstag beim Spiel, das neben Bundeskanzlerin Angela Merkel zahlreiche Minister besuchen sollen, wird es ähnlich sein. Die Fans müssen sich auf stark geänderte Rahmenbedingungen einstellen. "Eine Partystimmung ist nicht angebracht", sagte Löw ernst.

Für ihn wie die Spieler werde es "schwierig, den Spagat hinzubekommen" sagte der Bundestrainer zum Zwiespalt zwischen spielen und trauern. Löw will deshalb das Gespräch mit Teampsychologe Hans-Dieter Hermann suchen und der Mannschaft noch einmal den Sinn der Partie erklären. "Man wird es nicht schaffen, zur Tagesordnung überzugehen", vermutete er, "aber wir wollen trotz allem eine konzentrierte Leistung bringen."

Das soll ohne Kapitän Bastian Schweinsteiger sowie Manuel Neuer und Lukas Podolski geschehen, die wie vorab besprochen pausieren. Jerome Boateng (Kapselreizung im Knie) und Jonas Hector (Pferdekuss) reisten ebenfalls nicht mehr an, Debütant Leroy Sane zur U21. Löw stehen nurmehr 18 Spieler zur Verfügung.

Anschläge bei Sportereignissen

Dieser Rumpfkader soll nach dem Wunsch von Teammanager Oliver Bierhoff "ein ganz klares Zeichen für unsere Werte, unsere Kultur, unsere Freiheit setzen". Dennoch müssten alle irgendwann "in den Alltag zurückfinden", betonte er. "Vielleicht", fügte Bierhoff an, "wird das im Laufe des Spiels passieren."

Bierhoff kündigt besondere Maßnahmen an

Bierhoff kündigte für das Länderspiel einige besondere Maßnahmen an. Einzelheiten konnte er aber noch nicht verraten. Vor dem Anpfiff soll mit einigen Aktionen, die er noch nicht genauer benennen könne, nach den Terroranschlägen von Paris das Mitgefühl und die Solidarität mit Frankreich und vor allem den Opfern und deren Angehörigen zum Ausdruck gebracht werden, berichtete der deutsche Teammanager. Derzeit würden verschiedene Szenarien besprochen, die möglicherweise in der HDI-Arena verwirklicht werden könnten.

So steht zur Debatte, ob man gemeinsam mit den Niederländern und dem Publikum vor dem Anpfiff die französische Nationalhymne Marseillaise singt, wie von Vize-Kanzler Sigmar Gabriel angeregt. Auch über ein spezielles Trikot bzw. eine besondere Botschaft auf den Hemden wird diskutiert.

"Wir finden es toll, wie die Niederlande mit uns an einem Strang ziehen, um diesem besonderen Spiel den passenden Rahmen zu geben", sagte Bierhoff. Dass beide Mannschaften mit Trauerflor auflaufen, stand bereits zuvor fest.

(seeg/sid)
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