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Bundestrainer zieht Bilanz
Löw muss Deutschland besser machen

Fotos: Joachim Löw – Freiburger, DFB-Pokalsieger, Weltmeister
Fotos: Joachim Löw – Freiburger, DFB-Pokalsieger, Weltmeister FOTO: dpa, ss
Düsseldorf/Freiburg. Die DFB-Elf hat Mängel im Spiel nach vorn und auf den defensiven Flügelpositionen. Von Robert Peters

Ein Jahr nach der Weltmeisterschaft in Brasilien sind Bundestrainer Joachim Löw (55) und seine Mannschaft in der Wirklichkeit angekommen. Weil der Rausch des Titelgewinns verflogen ist, geht der Blick zu den Schwächen des Teams, das sich im Herbst für die Europameisterschaft in Frankreich qualifizieren will. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" verlangt der oberste Übungsleiter der Fußballnation Verbesserungen. "Wir müssen viel besser von hinten heraus spielen", sagt er, "wenn es mal nicht gut gelaufen ist und uns der Gegner tief in unserer Hälfte attackiert hat, haben wir die Bälle oft planlos nach vorn geschlagen."

Planvolleres Spiel aus der Deckung ist nur eine Forderung, die Löw an seine Mannschaft stellt. Auch das Angriffsspiel hat dem Bundestrainer in diesem Jahr nach dem Titelgewinn von Rio nur bedingt gefallen. "Wir müssen den Ball auch mal wieder in die Tiefe spielen und nicht nur auf den Fuß des anderen", erklärt der Coach. Der vielzitierte letzte Pass sei zu selten angekommen. Und wenn im vordersten Bereich die Präzision fehlt, gibt es weniger Abschlüsse, mithin auch weniger Tore. Die Ergebnisse der Qualifikationsspiele beweisen das.

Fotos: Kölsche Jung, Stimmungskanone, Weltmeister FOTO: Screenshot Twitter

Die DFB-Elf leidet spätestens seit dem Rücktritt von Miroslav Klose daran, dass sie keinen echten Stürmer mehr hat. Keinen Strafraumspezialisten, der die Kollegen mit seinen Läufen regelrecht zum Anspiel zwingt, und der darüber hinaus psychisch nicht so zart gebaut ist, dass er jene Gegenden lieber meidet, in denen es schmerzhafter zugehen kann. Mario Götze, den Löw schon in der Klose-Ära häufig als sogenannte falsche Neun in den Angriff geschickt hat, fühlt sich beim Gedanken an Zweikämpfe mit kräftigen Abwehr-Athleten erkennbar unwohl. Er zieht dann den vornehmen Kreisel vor, und das Kopfballspiel liegt ihm überhaupt nicht.

Das scheint bis in den Nachwuchs Vorbildcharakter zu haben. Denn auch mit dem, was die jüngere Generation anzubieten hat, ist Löw "nicht gänzlich zufrieden. Ich frage mich manchmal, wo denn der nächste Miroslav Klose ist. Wo ist ein Stürmer, der im Zentrum spielt, der schnell ist, kopfballstark und dazu noch torgefährlich?" Kevin Volland, der sich in seinen Wortbeiträgen vor Einsätzen im A-Team und in der U21 diese Rolle zutraut, ist das offenbar (noch) nicht.

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Einen Kandidaten für die defensiven Flügelpositionen, die beide bislang sicher nicht mit Weltklasse besetzt sind, hat Löw ebenfalls noch nicht gefunden. "Ich sehe derzeit keinen Spieler, der so gut ist, dass ich ihn sofort zu uns holen müsste", sagt der Bundestrainer, "wir haben ein einzelnen Bereichen also durchaus Potenzial nach oben."

Für das Mittelfeld gilt das sicher nicht, obwohl einige Stars aus dem WM-Team kein besonders befriedigendes Jahr nach Rio gespielt haben. Löw erklärt sich das mit einer psychischen Ermüdung, die auch ihn erfasst hatte. Bis in den Oktober habe er gebraucht, um den Akku nach dem Finale in Brasilien wieder aufzuladen. Diese Zeit benötigten seine Spieler ebenfalls, und im Unterschied zu ihrem Trainer mussten sie den Körper ebenfalls wieder auf Leistungssport-Niveau bringen. Mittlerweile sollte das gelungen sein. Deshalb ist Löw demonstrativ überzeugt davon, dass die Qualifikation für die EM im Herbst gelingen wird.

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Einem seiner erklärten Lieblingsspieler gibt er bis dahin aber noch eine ganz persönliche Mahnung mit auf den Lebensweg. Lukas Podolski, der sich über Kurzeinsätze im DFB-Team den Rekordquoten von Lothar Matthäus nähert (der ehemalige Münchner hat 150 Länderspiele, Podolski 125), sollte schon mehr Pflichtspiele im Verein machen, wenn er bei der EM ein Thema für Löw bleiben will. "Ich will, dass er 30 bis 40 Spiele macht", erklärt der Coach. Ob Arsène Wenger, Podolskis Teammanager bei Arsenal London, so viel Spielzeiten gewährt, ist nicht heraus. Podolski, so lautet Löws Empfehlung, sollte sich lieber mal danach erkundigen. Ein erneuter Vereinswechsel könnte die Folge einer solchen Erkundigung sein. Ein neuer Klub ist eben immer noch besser als die Ersatzbank. Das meint nicht nur Löw.

Quelle: RP
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