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DFB-Team schwächelt bei Testspielen
Ein Schritt zu wenig

Alle Spiele des DFB-Team seit der WM 2014
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Berlin/München. Die dritte Niederlage in Folge zeigt, dass der deutschen Nationalmannschaft in Testspielen die letzte Bereitschaft fehlt. Von Robert Peters

Ein Glück, dass es Thomas Müller gibt. Er hätte einstimmen können in den üblichen Chor, der über ein paar Ungerechtigkeiten des Fußball-Lebens klagt, der die kleinen Unzulänglichkeiten, die das Sprachbuch des Berufssportlers als "individuelle Fehler" bezeichnet, verantwortlich macht für Niederlagen. Er hätte ganz großflächig ein bisschen herumschimpfen können. Seine Nationalmannschafts-Kollegen Sami Khedira und Toni Kroos taten es nach dem 2:3 im Berliner Testspiel gegen England.

Khedira fand, das sei eine "unnötige, ärgerliche, dumme Niederlage". Kroos zeigte auf die Abwehrleistung und urteilte: "Wir haben schlecht verteidigt in der zweiten Halbzeit." Das hatte Müller natürlich auch mitbekommen. Er dachte aber eher laut über das große Ganze nach und erkannte ein generelles Einstellungsproblem. "Irgendwie hat man bei Testspielen selten den Eindruck, dass wir an 100 Prozent herankommen", sagte er, "man ertappt sich auch immer wieder selbst dabei, dass man vielleicht den einen oder anderen Schritt ohne Ball zu wenig macht." Eine treffende Selbstbezichtigung, die viel tiefer geht als ein erstes allgemeines Nörgeln über einzelne Patzerchen. Immerhin kam Khedira im Blick auf kommende Aufgaben zu einem ähnlichen Schluss. "Das", erklärte der Kapitän, "müssen wir gegen Italien und bei der EM in Frankreich besser machen."

Deutschland - Italien: die größten Duelle FOTO: dpa, dpa

Daran zweifelt nun wirklich niemand. Ob aber schon am Dienstag (20.45 Uhr/Live-Ticker) im nächsten Klassiker gegen die Italiener durchgreifende Änderungen zu erkennen sein werden, ist zumindest fraglich. Denn erneut geht es nicht um Punkte oder gar Titel. Es steht allein das Prestige auf dem Spiel. Und da hat soeben Englands Trainer Roy Hodgson das passende Wort zum Sonntag gesprochen: "Prestige holst du dir bei der EM."

Das könnte auch sein Amtsbruder Joachim Löw gesagt haben. Er beteuert mit geradezu ermüdender Geduld, dass ihm Erkenntnisse aus Testspielen wichtiger seien als Ergebnisse. Dass er damit eine gewisse Nachlässigkeit seiner Jungs ebenso fördern könnte wie den damit verbundenen Unmut des Publikums, das schließlich für den Test so viel bezahlt wie für den Ernstfall, kümmert ihn offenbar nicht.

Einzelkritik: Gomez leidenschaftlich, Müller taucht ab FOTO: ap, SO GB, FO

Sein Erkenntnisgewinn aus dem Berliner Abend dürfte freilich beträchtlich sein. Was Müller sehr allgemein mit dem Mangel an allerletzter Bereitschaft erklärte, fand Löw in vielen Details. Er zählte auf: "Wir hatten nicht immer die Kontrolle. Unsere Angriffe waren von hinten raus nicht so aufgebaut, wie wir uns das vorstellen. Deshalb haben wir wenige Chancen herausgespielt. Die Kombinationen und Laufwege stimmten nicht. Wir haben gerade in der zweiten Halbzeit wahnsinnige Räume gegeben, nicht kompakt gestanden und in der Vorwärtsbewegung viele Bälle verloren." Eine Mängelliste von faszinierenden Ausmaßen.

Dass Deutschlands Spiel nur sehr schleppend aus der Abwehr kam, lag an erkennbarer Unlust an Laufarbeit in den vorderen Bereichen. Es war der Beweis für die alte Wahrheit: Wer nicht in Bewegung ist, findet auch keine Anspielstationen, und wer nicht schnell genug zum Ball geht, der verliert ihn sofort wieder. Alle durften das gegen die Engländer mal erleben, bei groben Fehlern von Emre Can und Khedira verschenkten die Gäste beste Torgelegenheiten.

Pressestimmen: "Deutschland geht mit Beulen aus der Partie hervor" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Die verblüffende Reihe von Unzulänglichkeiten im Spiel des Weltmeisters gab Löw allein die Einsicht ins Notwendige. "Wir wissen jetzt, woran wir arbeiten müssen", stellte er ungerührt fest. Sein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit seiner Mannschaft ist überhaupt nicht erschüttert. "Ich weiß, wie sehr sich diese Mannschaft fokussieren und konzentrieren kann, wie sie Trainingsinhalte verinnerlicht, wie ehrgeizig sie ist", schrieb er im Magazin des Verbands zum England-Spiel. Dass davon in Berlin nicht viel zu sehen war, hakt Löw in seinem zehnten Jahr als Bundestrainer mit weltmännischer Gelassenheit ab.

Er setzt ganz auf die Turniervorbereitung, in der es ihm auch vor den vier anderen Großveranstaltungen seiner Amtszeit noch immer gelungen war, eine sehr funktionierende Mannschaft aufzubauen. Leidvollere Erfahrungen wie die Begegnung mit England sind da nur Etappen auf einem langen Weg. Ebenso wie das Spiel gegen Italien, den nächsten beachtlichen Gegner innerhalb von vier Tagen. Vor überspannten Erwartungen wird ausdrücklich gewarnt.

Quelle: RP
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