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Länderspielklassiker Deutschland-Italien
Ausgerechnet Schnellinger

Länderspiel Italien - Deutschland: Ausgerechnet Karl-Heinz Schnellinger
Historischer Treffer: Eine Flanke lenkt Karl-Heinz Schnellinger (rechts) ins italienische Tor und besorgt so in der 90. Spielminute den 1:1-Ausgleich im WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien am 17. Juni 1970. FOTO: dpa, hrad_nic
Mailand/Düsseldorf. Heute Abend spielt die deutsche Nationalelf in Italien. Zeit für Erinnerungen an das Jahrhundertspiel von 1970. Von Robert Peters

Die Geschichte beginnt am Neujahrstag 1923. Und sie beginnt selbstverständlich mit einer Niederlage. Das erste Fußball-Länderspiel gegen Italien verliert die deutsche Nationalmannschaft in Mailand mit 1:3. 25.000 Zuschauer sind dabei. Heute Abend (20.45 Uhr/Live-Ticker) werden an gleicher Stelle vermutlich ein paar Fans mehr die Tribünen bevölkern, und Niederlagen in Freundschaftsspielen gegen die Italiener sind längst nicht mehr selbstverständlich. Aber zum Positiven werden die Deutschen die Bilanz sicher nicht wenden können. Von 34 Treffen entschieden die Italiener 15 für sich, acht verloren sie. Bei den Pflichtspielen sieht es noch schlimmer aus. Von neun Begegnungen bei Europa- oder Weltmeisterschaften gewannen die Deutschen nur eine.

Die Erinnerung an diese Premiere ist noch sehr frisch. In Bordeaux setzte sich die DFB-Auswahl Anfang Juli im Viertelfinale der Europameisterschaft durch - allerdings erst nach Elfmeterschießen. Und weil zwischen den beiden Altmeistern des Weltfußballs offenbar nichts ganz normal verläuft, war es ein Elfmeterschießen für die Sportgeschichtsbücher. 18 Spieler legten sich den Ball auf den Punkt, und mit dem letzten Schuss traf der Kölner Jonas Hector zum 6:5. International hoch angesehene Athleten wie Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger hatten zuvor verschossen. Der Italiener Simone Zaza brachte es mit seinem nach Trippelanlauf grotesk vergebenen Schuss in alle Internetforen. Obwohl der erste deutsche Pflichtspielsieg in der Lotterie vom Elfmeterpunkt errungen wurde, halten die DFB-Jungs den italienischen Fluch für besiegt. So sind sie, die Fußballer.

Das Jahrhundert-Elfmeterschießen war zwar an Dramatik nicht so leicht zu überbieten, die deutsch-italienische Fußballgeschichte hat jedoch noch ein anderes Jahrhundert-Ereignis im Angebot: das WM-Halbfinale 1970 in Mexiko. Vor mehr als 100.000 Zuschauern im Azteken-Stadion von Mexiko-Stadt arbeiteten Deutschland und Italien 120 Minuten an einem Spiel mit Ewigkeitswert. Die frühe italienische Führung erzielte Roberto Boninsegna, der später im Leben noch eine Hauptrolle beim Mönchengladbacher Büchsenwurf spielen sollte. Aber das ist eine andere legendenumwobene Geschichte. Um das 1:0 über die Zeit zu bringen, bemühten die Italiener gegen immer stärker werdende Deutsche alle Geheimnisse der fußballerischen Schauspielkunst. Vor allem die offenkundig häufig absolut notwendigen Operationen der versammelten medizinischen Abteilung am schwer geschundenen Körper von Torwart Enrico Albertosi haben sich älteren Menschen ins Gedächtnis geschweißt. Sie dauerten auch lange genug. Doch dann kam Karl-Heinz Schnellinger. Mit dem berühmten langen Bein, das sonst in der Defensive zum furchterregenden Herumgrätschen dringender benötigt wurde, erzielte er in der Nachspielzeit den Ausgleich. "Ausgerechnet Schnellinger!", rief TV-Kommentator Ernst Huberty ins Mikrofon. Der Verteidiger spielte seit Jahren in Italien.

Der Wahnsinn in diesem Spiel konnte beginnen. In der Verlängerung traf der unvergleichliche Gerd Müller zum 2:1, aber Tarcisio Burgnich glich aus. Luigi Riva schien mit dem 3:2 kurz vor Ende der ersten Verlängerungs-Halbzeit die Entscheidung hergestellt zu haben. Doch dann müllerte es noch mal - 3:3. Erst auf Gianni Riveras 4:3 fanden die Deutschen keine Antwort mehr, auch weil sich ihr Spielgestalter Franz Beckenbauer mit einer ausgekugelten Schulter und einem Schlüsselbeinbruch von der zweiten Hälfte bis zum Abpfiff durchschleppen musste. Das Auswechselkontingent war nach einer Stunde erschöpft. Noch heute sagte Uwe Seeler, der Kapitän der deutschen Mannschaft: "Mit dem gesunden Beckenbauer hätten wir gewonnen." Das ist natürlich nicht mehr nachzuprüfen. Fest steht, dass diese Begegnung im Glutofen von Mexiko-Stadt den Mythos der Unbesiegbarkeit Italiens begründete - jedenfalls, was die Deutschen betrifft. Vielleicht hat sich das am 2. Juli 2016 geändert.

Quelle: RP
 
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