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Abschiedsspiel in Dortmund
Poldi ist immer einfach Poldi geblieben

Die besten Sprüche von Lukas Podolski
Die besten Sprüche von Lukas Podolski FOTO: afp, PST
Dortmund. 13 Jahre spielte Lukas Podolski für Deutschland. Am Mittwoch macht er Schluss. Die Begegnung mit England in Dortmund ist sein 130. Länderspiel. Begonnen hat alles in Kaiserslautern gegen Ungarn. Von Robert Peters

Es ist ein früher Sonntagabend Ende Juni in Lille, und die Arbeit auf dem Rasen ist erledigt. Die deutsche Nationalmannschaft hat die Slowakei im Achtelfinale der Europameisterschaft mit 3:0 bezwungen, die meisten Spieler stehen längst unter der Dusche. Aber in der deutschen Fankurve ist noch Betrieb. Tausende sind geblieben, mitten unter ihnen steht Lukas Podolski. Ein Selfie hier, ein Abklatscher da, Podolski strahlt mit den Stadionlichtern um die Wette. Selten war das Bild vom Bad in der Menge angemessener. Viel später, als der Spieler sich längst zur Mannschaft begeben hat, sprudelt es noch aus ihm heraus: "Ich habe immer noch Gänsehaut. Das wird für immer in meiner Erinnerung bleiben. Das war etwas ganz Besonderes, wie mein erstes Länderspiel. Wenn sich das ganze Stadion erhebt und deinen Namen singt, wenn bei jeder Szene applaudiert wird, dann ist das auch nach fast 130 Länderspielen noch etwas Besonderes."

Es ist das vorerst letzte von 129 Länderspielen, die Podolski (31) in 13 Jahren macht. Am Mittwoch bekommt er in Dortmund (20.45 Uhr) seine Abschiedsvorstellung, die Nummer 130. Der Gegner passt, es ist die Auswahl aus England, aus dem Mutterland des Fußballs. Auch dort hat Podolski Eindruck gemacht, als kraftvoller Stürmer beim FC Arsenal und als netter Mensch. Denn das ist er geblieben, allen Erfolgen in diesem manchmal so abgehobenen Geschäft zum Trotz steht er mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Fans haben dafür ein feines Gefühl. Auch deshalb feiern sie ihn nach seinen 19 letzten Pflichtspielminuten im Trikot der Nationalmannschaft im EM-Achtelfinale 2016.

Podolskis Karriere fängt an, als der deutsche Fußball in den Seilen hängt. Gemeinsam mit Bastian Schweinsteiger wird er im letzten Testspiel vor der EM 2004 eingewechselt. Deutschland verliert in Kaiserslautern mit 0:2 gegen Ungarn. Der Trainer des Gegners, ein gewisser Lothar Matthäus, lobpreist den Sieg als "Wunder von Kaiserslautern", worüber nicht mal die lächeln können, die das Freundschaftsspiel in Erinnerung an das 50 Jahre zurückliegende "Wunder von Bern" austragen lassen. Es ist ganz sicher der Anfang einer Doppelkarriere, die Schweinsteiger und Podolski zumindest in die Nähe der "Helden von Bern" bringt, die 1954 Deutschlands ersten WM-Titel gewannen.

Lukas Podolski – Schlaglichter seiner DFB-Karriere FOTO: dpa, nic

Podolski ist durch seine frische, wuchtige Spielweise eine der wesentlichen Figuren beim deutschen Weg aus dem tiefen Tal des Rumpelfußballs bis zum einstweiligen Höhepunkt, der Weltmeisterschaft in Brasilien 2014. Da ist Podolski zwar schon über den Höhepunkt seiner Laufbahn hinaus. Aber er ist als menschlicher Faktor der Kitt, der die deutsche Mannschaft in Brasilien zusammenhält. Sein Wort zählt im Team, sein fröhliches, unverstelltes Wesen macht aus einem Zweckbündnis eine Gruppe von Kumpels - ganz nach Podolskis Geschmack, den noch nie jemand einen Miesepeter geschimpft hat.

Dunkle Wölkchen über der Stirn ziehen nur auf, wenn ihn jemand auf die Rolle der Stimmungskanone und des ewigen Gute-Laune-Onkels reduzieren will. In solchen Momenten kann der fröhliche kölsche Jung mit den polnischen Wurzeln richtig grantig werden. Dann wird die Stimme sehr laut, der Blick sehr streng. Noch bei der EM in Frankreich faucht er auf entsprechende Bemerkungen vom Podium auf sein Publikum hinab: "Ich bin nicht als Maskottchen hier. Ich habe eine gute Saison gespielt. Ich bin topfit. Wenn der Trainer mich braucht, bin ich da." Joachim Löw braucht ihn auch dort noch vor allem als verlässlichen Partner im Innendienst.

Podolski merkt natürlich, dass die Entwicklung des Fußballs über ihn hinweggegangen ist. Ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt er mit seinem geradlinigen Kraftfußball, der gern mal mit dem Kopf durch die Wand will, wo die feinfühligen Zauberfüße um ihn herum ein Netz von Kombinationen stricken. Das ist nicht Podolskis Ding, er stammt erkennbar aus einer anderen Ära.

Seine Glanzzeit sind die Jahre zwischen dem Sommermärchen 2006 und der EM in Polen und der Ukraine 2012. Im Gruppenspiel gegen die Dänen macht er dort sein 100. Länderspiel, und er schießt sein 44. Tor. Die Jury wählt ihn zum Spieler des Tages. Podolski ist ganz oben.

Doch so langsam setzt der Sinkflug ein. Während sein Freund "Schweini" zum großen Strategen Schweinsteiger heranwächst, bleibt "Poldi" einfach "Poldi", dem Köln zuverlässig zu Füßen liegt, der sich bei den großen Klubs allerdings nicht mehr durchsetzt und der in der Nationalelf an fußballerischem Einfluss verliert. Die Einsatzzeiten werden kürzer und weniger. Die Zuneigung der Fußball-Anhänger jedoch bleibt.

Nach der EM erklärt er wie Schweinsteiger seinen Rücktritt. "Es war mir eine Ehre", schreibt er an die Fans. Es geht der Letzte einer großen Generation.

Quelle: RP
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