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Scholl-Kritik ist einziger Störfaktor
Nationalmannschaft ist Götzes Wellness-Oase

Fotos: Müller verteilt Ohrfeigen an Torschütze Götze
Fotos: Müller verteilt Ohrfeigen an Torschütze Götze FOTO: dpa
München. Es war ein bisschen wie bei der Oscar-Verleihung. Mario Götze bedankte sich "beim Trainerteam", "bei der Mannschaft", sagte, er sei "nur glücklich". Es fehlte nicht viel, und er hätte seine Eltern, seine Großeltern, seinen Bruder, den Greenkeeper der Münchner Arena und den Fußballgott persönlich in seine Dankesrede einbezogen. Von Robert Peters

"Ich habe es genossen", erklärte er. Und er genoss es noch immer. Wahrscheinlich ist er nach dem 4:1-Testspielerfolg der deutschen Nationalmannschaft über Italien mit einem seligen Lächeln auf den Lippen eingeschlafen. Vielleicht hat er sogar die ganze Nacht durchgelächelt. Und vielleicht hat er sich im Traum an sein Tor, seine Torvorbereitung und an eine insgesamt sehr brauchbare Vorstellung erinnert.

Die Wellness-Oase Nationalmannschaft hat wieder mal funktioniert. In der bewegten DFB-Geschichte gibt es viele Beispiele dafür, dass der Aufenthalt beim Nationalteam Spielern aus Form- und Sinnkrisen geholfen hat, die sie sich in trüben Zeiten des Vereinslebens eingehandelt hatten. Die jüngere Liste reicht von Lukas Podolski über Miroslav Klose bis eben zu Götze.

Götze nach Scholl-Kritik verärgert

Einzelkritik: Note 1 für Müller und Kroos FOTO: ap, FO

Einzig eine Frage zur Kritik von Mehmet Scholl brachte Götze dann doch ein wenig aus dem Konzept. "Das hat er gesagt?", fragte Götze, aus seinem Gesicht wichen Freude und Erleichterung. "Wie kommt er darauf? Ist er beim Training dabei? Oder hat er das einfach nur so gesagt?" Fragen statt Antworten. Worte, um Zeit zu gewinnen. Zeit, um das Gehörte sacken zu lassen. Erst später, im vertrauten Kreis, schimpfte Götze über die Kritik Scholls. Öffentlich begnügte er sich mit der Aussage: "Wenn er das so sieht, werde ich mir das zu Herzen nehmen. Ich bin der Meinung, dass ich genug trainiere."

Er müsse aber "viel, viel mehr trainieren", hatte Scholl gesagt. Götze müsse jemand "auf die Sprünge helfen, ihn anstupsen". Und der frühere Bayern-Star, dessen "Wundliegen"-Spruch Mario Gomez bis heute verfolgt, hatte auch Zweifel an der körperlichen Verfassung Götzes geäußert: In seiner Anfangszeit in Dortmund sei er "so schnell, so athletisch" gewesen, "er war ein Pfeil". War.

Pressestimmen: "Götze wechselt zu Deutschland" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Dies alles sagte Ex-Nationalspieler Scholl freilich im Vorlauf des Spiels. Doch auch nach der starken Leistung des in München zum Dauer-Bankdrücker degradierten WM-Helden war Scholl nicht versöhnt. Im Gegenteil. Er sah sich bestätigt darin, dass dieser Mario Götze Besonderes kann. Wenn er nur will. Und wenn man ihn lässt.

Er schien schon einmal auf dem Weg, seine Kritiker, die ihn schon für ein gescheitertes Talent hielten, zu widerlegen. Im vergangenen September war das. Bei den Bayern hatte er seit seinem Wechsel 2013 nie die Rolle gespielt, die ihm, der größten Hoffnung des deutschen Fußballs, vorhergesagt wurde. Die Weltmeisterschaft war ebenfalls nicht der große Wurf – trotz des Siegtores im Finale. Seine öffentlichen Auftritte, häufig gesteuert durch sein Beraterteam, ließen ihn seltsam, manchmal schnöselig und künstlich wirken. Dann kam im September das EM-Qualifikationsspiel gegen Polen in Frankfurt. Götze machte zwei Tore, bewegte sich viel, war spielfreudig und gelöst. Nachher strahlte er wie nun nach dem Test in München, in dem er sich ganz ähnlich präsentierte. Der Knoten war offenbar geplatzt.

Götze schweigt zu seiner Zukunft

Aber dann verletzte er sich im nächsten Qualifikationsspiel in Schottland. Monatelang fiel er aus. Und als er fit war, musste er wieder seinen Stammplatz auf der Bayern-Bank beziehen. Sein Vereinstrainer Pep Guardiola ersparte ihm nicht einmal die Demütigung, Ersatzspieler zu bleiben, wenn die B-Elf spielen durfte. Gelächelt hat Götze in dieser Phase nicht mehr. Er umdribbelte die Öffentlichkeit mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Längst will alle Welt davon wissen, dass im Sommer ein Vereinswechsel ansteht – die alte Heimat Dortmund ist im Gespräch. Götze lässt das so stehen. "Bleiben wir in der Gegenwart, ich will erst mal spielen", sagte er.

Vorstellungen wie die von München könnten ihn auch wieder interessant machen für große ausländische Vereine. Das würde den Bayern sicher besser gefallen als ein Transfer zum großen Rivalen BVB. Es ist dennoch unwahrscheinlich, dass Guardiola den 23-Jährigen in der Bundesliga oder in der Champions League ins Schaufenster stellen wird. Der Bayern-Trainer hat auf den offensiven Positionen andere Vorstellungen und andere Spielertypen. Er denkt weniger ans Vereinskonto als an Titel.

Deshalb wird sich Joachim Löws großer Wunsch wohl nicht erfüllen. "Ich hoffe, dass er noch ein paar Spiele in München bekommt", sagte der Bundestrainer. Er muss einstweilen allein versuchen, Götze in der Spur zu halten. In München sah es ganz so aus, als könne das sogar gelingen. Götzes Spiel war ein Versprechen für die nähere Zukunft. Wieder einmal. Und später an diesem Abend, als die Dankesreden vorbei waren und das Flutlicht eine Stufe heruntergeschaltet wurde, fiel so manchem ein, dass Götze erst 23 Jahre alt ist.

Quelle: RP
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