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Nationalmannschaft
Löw richtet den Blick nach vorn

Nationalmannschaft: Jogi Löw richtet den Blick in die Zukunft
Max Meyer hat Bundestrainer Jogi Löw überzeugt. FOTO: dpa, mjh
Mönchengladbach. Viele junge Profis wie Meyer, Süle oder Tah geben dem Bundestrainer Hoffnung für die Zukunft des deutschen Fußballs. Von Bernd Jolitz und Robert Peters

Ausnahmsweise mal zwei gute Nachrichten hintereinander: Bastian Schweinsteiger hat eine schöne Abschiedsfeier im Mönchengladbacher Stadion erlebt. Und es wird auch nach Bastian Schweinsteiger Fußball gespielt in der deutschen Nationalmannschaft, ziemlich guter Fußball sogar. Da muss niemand Angst haben.

Joachim Löw zählt ohnehin nicht zu den ängstlichen Kandidaten. Spätestens seit dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien schwebt der Bundestrainer derart über den irdischen Dingen, dass ihn ein Generationswechsel in seinem Team nun aber sicher nicht mehr um die gesunde Nachtruhe bringt. "Mit dem Abschied von Bastian war auf dem Platz zu sehen, dass wir den Blick nach vorn gerichtet haben", sagte er nach dem 2:0-Testspiel-Erfolg über Finnland, "unsere jungen Leute haben ihre Sache gut gemacht. Ich denke, dass wir einige hoffnungsvolle Spieler haben." Er hätte auch sagen können: "Wir haben einige Spieler, die mich hoffnungsvoll machen." Und das meinte er wahrscheinlich.

Das Wort von einer neuen goldenen Generation hat er nicht geführt, dafür ist es sicher zu früh. Aber er darf mit großer Gelassenheit feststellen, dass nach dem Abschied von Schweinsteiger, Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose die Weltmeister Manuel Neuer, Jerome Boateng, Sami Khedira, Benedikt Höwedes, Mats Hummels und Toni Kroos im allerbesten Fußballer-Alter angekommen sind.

Beruhigt kann Löw registrieren, dass Julian Draxler (22) zwar ebenfalls schon Weltmeister ist, allerdings noch reichlich Steigerungspotenzial hat. Er sieht, dass Mario Götze (24) und André Schürrle (25) auf dem Weg zu alter Stärke sein können. Er bemerkt voller Genugtuung, dass die Jungs um Max Meyer (20), Jonathan Tah (20), Niklas Süle (20), Julian Brandt (20) und Joshua Kimmich (21) mächtig Druck auf das Establishment machen. Und er hat natürlich mitbekommen, dass beim Olympiaturnier Lukas Klostermann (20) und Jeremy Toljan (22) ausgerechnet auf den Problempositionen in der Außenverteidigung sehr ordentliche Vorstellungen abgeliefert haben. Damit sind nicht mal alle Profis genannt, die zumindest Anlass zu großen Hoffnungen geben.

Besonders Meyer, der nach dem Wirbel um ein angebliches Tottenham-Angebot nun doch Schalker bleiben muss, hatte es dem deutschen Coach angetan. "Er hat mir gut gefallen", lobte er. "Max geht immer wieder die Wege in die Tiefe, das hat er schon bei Olympia sehr gut gemacht." Fast schien er selbst ein wenig überrascht, dass das Spiel mit der Jugend recht gut funktionierte: "Wir spielen ja ein bisschen aus der kalten Hose heraus, weil es nach der EM erst einen Bundesliga-Spieltag gegeben hat."

Komfort pur

Derart komfortable Zeiten hat es im deutschen Fußball wahrscheinlich noch nie gegeben. Löw könnte sich also zurücklehnen, die Bundesliga-Kollegen ihre Entwicklungsarbeit tun lassen und darauf warten, dass er in den Länderspielen den Rahm abschöpfen kann.

So sorglos ist allerdings nicht einmal der Bundestrainer. Er hat "schon auch Bereiche erkannt, in denen gearbeitet werden muss". Bereits vor dem Test gegen freundliche Finnen, die das Fest für Schweinsteiger nicht nachhaltig durch energische Störmanöver oder lästige Attacken unterbrechen wollten, hat Löw darauf verwiesen, dass ein Schwerpunkt der Arbeit in der DFB-Auswahl das schnelle Spiel nach vorn sein werde. Nach den Jahren des Überfallfußballs in den Zeiten des Sommermärchens und der WM 2010 und dem Ballbesitzfußball der jüngeren Vergangenheit, der sehr an das große Vorbild Spanien erinnerte, ist offenbar ein neuer Stil fällig.

Nicht zufällig orientieren sich Löws System-Überarbeitungen an den WM-Zyklen. Er ist kühl genug, die Europameisterschafts-Turniere als Zwischenetappen auf dem Weg zu den Welttturnieren zu begreifen. Und er sagt das nicht nur in unverblümter Offenheit, er handelt auch danach. Ihm kommt zugute, dass die WM-Zyklen ganz natürlich mit Generationswechseln einhergehen. Das macht die Umstellung auf eine neue Sortierung des Fußballspiels leichter, vor allem, weil der Nachwuchs viel einfacher zu prägen ist als in vielen Jahren festgefahrene Routiniers. Und: Junge Leute laufen schneller. Ein nicht zu unterschätzender Wert für Löw, wenn er denn die langen Ballbesitzzeiten zugunsten schnellerer Attacken ändern will. Und das will er ja.

Quelle: RP
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