| 21.03 Uhr

RP-Redakteur war in Paris und Hannover
Meine Horrorwoche mit der Nationalmannschaft

Gianni Costa vor dem Länderspiel in Hannover
Hannover. In den vergangenen Tagen habe ich zu viel Blut, zu viel Angst, zu viel Leid gesehen. Ich fühle mich nur noch leer. Die Gedanken drehen sich. In Paris am vergangenen Freitag sind es nach dem Länderspiel gegen die Franzosen ganz reale Bilder gewesen. Verwüstete Viertel, Einschusslöcher an den Tatorten und abgedeckte Leichen auf den Straßen. Und die Massenpanik vor vier Tagen auf dem Platz der Republik, bei der zum Glück niemand schwerer verletzt worden ist. Von Gianni Costa

In Hannover ist die Bedrohung am Dienstagabend wieder da, als das Spiel gegen die Niederlande nicht stattfindet. Es ist diesmal allerdings ein unsichtbarer Gegner. Er schlägt nicht zu – und richtet doch den größtmöglichen Schaden an: Er raubt mir das Sicherheitsgefühl. Jeder Knall, ein kurzer Schrecken. Alles und jeder um einen herum wird ganz genau gemustert. Warum verhält sich der Typ da hinten so komisch? Was sucht er in seiner Tasche? Ah, nur sein Handy, alles klar! Alles, was für einen sonst ganz normal erscheint, ist gerade etwas Besonders.

Als ich gegen 19 Uhr zum Stadion komme, ist alles so wie immer bei einem Länderspiel. Verstopfte Zufahrtswege, tausende Zuschauer, die rund zwei Stunden vor dem Anpfiff zum Stadion gehen. Als ich an einer großen Kreuzung ankomme, bricht plötzlich Hektik aus. Ein Motorradpolizist rast mit Blaulicht heran. Er versucht, die Autofahrer umzuleiten, weg vom Spielort in eine andere Richtung. Viele haben dafür kein Verständnis, einige hupen, motzen ihn an. Der Beamte lässt sich nicht auf Diskussionen ein und greift durch. Hätte es Paris nicht gegeben, ich hätte ihn als einen etwas zu engagierten Ordnungshüter abgestempelt. Plötzlich sagt er diesen Satz: "Es gibt hier eine Gefährdungslage. Verschwinden Sie, sofort!" Ich gucke meinen Kollegen Peter Ahrens von "Spiegel Online" an. Hat er gerade "Gefährdungslage" gesagt? Wir wähnen uns in einem schlechten Film. Heute? In Hannover?

Reaktionen: "Wann hört das bitte auf!??"

Das Spiel sollte zu einer Demonstration werden. Ein Zeichen gegen Terror und Extremismus. Es gab auch einige, die haben das alles für keine so gute Idee gehalten. Vor lauter Symbolik hat man auf die kritischen Stimmen lieber nicht so intensiv gehört.

Ich war lange unentschlossen. Am Tag nach den Attacken in Paris hätte ich es für ausgeschlossen gehalten, mir zeitnah überhaupt noch einmal ein Spiel anzusehen. In Frankreich hat mindestens ein Attentäter konkret versucht, ins voll besetzte Stadion einzudringen und eine Bombe zu zünden.

Hannover: der sicherste Ort der Welt

RP-Reporter Gianni Costa: Trauer am Platz der Republik

Natürlich macht man sich Gedanken, was passiert wäre, wenn er und seine Komplizen den Plan in die Tat umgesetzt hätten. Hannover halte ich an diesem Abend für den sichersten Ort auf der Welt. Das mag sich schrecklich naiv anhören. Aber die Kanzlerin hatte sich angekündigt, mehrere Minister sollten ebenfalls auf der Ehrentribüne Platz nehmen. An jeder Ecke stehen schwerbewaffnete Polizisten mit Maschinenpistolen, Sondereinsatzkommandos sind im Einsatz, Spürhunde suchen alles ab. Im Gefühl von Sicherheit habe ich nicht auf die ersten Warnsignale gehört und bin weitergegangen.

Ein paar Meter vom Stadion entfernt spreche ich mit dem Einsatzführer einer Hundertschaft. Plötzlich dreht er sich von mir weg. Er winkt seine Kollegen heran. Funkspruch von der Einsatzstelle: Das Spiel ist abgesagt. Es ist 19.10 Uhr. Für einen Moment ist es so, als ob die Welt stehen bleibt. Es ist ein unwirklicher Moment. Es fühlt sich im ersten Moment wie eine Niederlage an. Wir alle, die Zuschauer, die Politik, die Medien, alle sind gekommen, um für die Freiheit zu demonstrieren. Haben jetzt die anderen gewonnen? Diese Frage kann nur jeder für sich selbst beantworten.

Am Wochenende rollt wieder der Ball in der Bundesliga. In den Stadien werden viele Zeichen gesetzt. Es gibt Schweigeminuten und Choreographien. Für den Frieden. Gegen die Gewalt. Jeder einzelne Versuch, sich auszudrücken, auch wenn es manchmal etwas viel wirkt, hat seine Berechtigung.

Wie geht es jetzt weiter? Es geht weiter! So einfach ist das manchmal.

Am nächsten Wochenende werde ich wieder im Einsatz sein und meinen Beruf in einem Bundesligastadion ausüben. Die Freiheit nehme ich mir.

Quelle: RP
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