England - Portugal 1:3 n.E.: Portugal humpelt ins Halbfinale
zuletzt aktualisiert: 01.07.2006 - 19:53Gelsenkirchen (rpo). Portugals Torhüter Ricardo hat seiner Mannschaft erstmals seit 1966 wieder einen Halbfinaleinzug bei einer Weltmeisterschaft beschert. Nach torlosen 120 Minuten hielt der 30-Jährige von Sporting Lissabon im Viertelfinale in Gelsenkirchen als erster Schlussmann überhaupt drei Elfmeter, bevor Cristiano Ronaldo den entscheidenden Treffer zum 3:1 erzielte. Portugal trifft nun am Mittwoch im Halbfinale auf Frankreich, die Brasilien mit 1:0 besiegt hatten.
Zuvor hatten die Iberer eine einstündige Überzahl nicht genutzt: Englands Stürmerstar Wayne Rooney hatte in der 62. Minute nach einer Tätlichkeit an Ricardo Carvalho die Rote Karte gesehen.
Damit ist die Amtszeit von Sven-Göran Eriksson ab sofort beendet und England einmal mehr an seinem Angstgegner gescheitert. Bereits bei der EM 2002 hatten die Three Lions im Viertelfinale gegen Gastgeber Portugal verloren. Der portugiesische Trainer Luiz Felipe Scolari schaffte sogar seinen dritten großen Sieg gegen die Engländer und deren Teammanager Eriksson. Bei der WM 2002 hatte "General Felipao" das Fußball-Mutterland mit Brasilien im Viertelfinale mit 2:1 ausgeschaltet, zwei Jahre später folgte der Sieg im Elfmeterschießen in Lissabon. England hat nun auch seinen fünften "Shootout" bei einer WM oder EM verloren.
Portugals größte Siegchance in der regulären Spielzeit vereitelte Englands Torhüter Paul Robinson, der einen Schuss des kurz danach ausgewechselten Luis Figo mit einer Glanzparade abwehrte (79.). Auch in der Verlängerung, als sie das Tor der Engländer geradezu belagerte, spielte sich Scolaris Mannschaft keine zwingenden Torchancen heraus. Ein Kopfballtreffer von Helder Postiga wurde zu recht wegen Abseits nicht anerkannt (108.).
Von Taktik und Respekt geprägtes Spiel
In der ausverkauften Veltins-Arena entwickelte sich von Beginn an ein von Taktik und gegenseitigem Respekt geprägtes Spiel, das den 52.000 Zuschauern kaum Höhepunkte bot. Bei Temperaturen von über 30 Grad unter dem geschlossenen Arena-Dach taten sich die Spieler bei jedem Antritt sichtlich schwer. Tempo-Fußball war kaum zu sehen.
Nach einer noch ansehnlichen Anfangsphase waren die Engländer das aktivere Team, doch Portugal vergab in der 13. Minute die größte Chance. Nach einem Freistoß von Kapitän Luis Figo legte Gary Neville unfreiwillig auf Tiago ab, doch der Spielmacher des französischen Meisters Olympique Lyon verstolperte freistehend vor Torwart Paul Robinson. Danach verflachte die ohnehin schwache Begegnung noch weiter, von zahlreichen kleinen Konzentrationsfehlern in beiden Deckungsreihen konnte niemand profitieren.
Scolari, der nach dem "Kartenspiel" im Achtelfinale gegen die Niederlande (1:0) die gesperrten Deco und Costinha ersetzen musste, ließ Simao zunächst überraschend auf der Bank und brachte Tiago auf der Position hinter den Spitzen. Figo spielte in seinem 125. Einsatz für Portugal damit wieder auf "seiner" rechten Seite, die er zeitweise immer wieder mit Linksaußen Cristiano Ronaldo tauschte.
Briten schwächen sich selbst
Eriksson konnte seine Bestbesetzung aufbieten, von der er überzeugt war, dass sie Portugal "auf jeden Fall" schlagen werde. Gary Neville, der beim 1:0 im Achtelfinale wegen einer Wadenverletzung gefehlt hatte, kehrte für Michael Carrick in die Startelf und auf seine angestammte Position rechts in der Viererkette zurück. Von dort rückte Bayern-Profi Owen Hargreaves wieder ins defensive Mittelfeld.
Nach der Pause kamen die Engländer besser ins Spiel. Lampard (53.) und Ashley Cole (59.) verpassten aber aus aussichtsreicher Position. Danach schwächten sich die Briten aber selbst. Zehn Minuten nach der Auswechslung von Beckham, der völlig ausgepumpt vom Feld ging, trat Rooney seinem Gegenspieler Carvalho in den Unterleib und sah völlig zurecht Rot. Dennoch besaßen die Engländer in der 83. Minute noch einmal die Chance zum Sieg, als Lampard mit einem Freistoß und der eingewechselte Aaron Lennon an Torhüter Ricardo scheiterten.
Beste Spieler bei England waren Hargreaves und Ashley Cole. Bei den Portugiesen überzeugten Figo und Carvalho.
STIMMEN ZUM SPIEL
Trainer Sven-Göran Eriksson (England): "Wir haben ein sehr gutes Spiel gemacht und auch in der zweiten Hälfte gut begonnen. Dann kam der Platzverweis und dann haben wir wieder im Elfmeterschießen verloren, obwohl wir das im Training immer und immer wieder geübt haben. Wir haben eine großartige Vorstellung geboten, aber unter dem Strich sind wir wieder ausgeschieden. Das ist sehr schmerzhaft für uns und unsere großartigen Fans, bei denen ich mich nochmal für ihre Unterstützung bedanken will. Natürlich gratuliere ich auf diesem Weg auch Portugal zum Einzug in das Halbfinale."
Trainer Luiz Felipe Scolari (Portugal): "Ich glaube, dass wir ein spannendes und gutes Spiel gesehen haben. Es war alles dabei, was ein Fußballspiel attraktiv macht. Ich muss England gratulieren, das Team hat fantastisch gespielt mit zehn Mann. Sie haben daraus keinen Vorteil gezogen, weil wir es nur mit Distanzschüssen versucht haben."
STATISTIK
England: Robinson - Neville, A. Cole, Ferdinand, Terry - Beckham (52. Lennon, 119. Carragher), Lampard, Gerrard, Hargreaves, J. Cole (65. Crouch) - Rooney. - Trainer: Sven-Göran Eriksson
Portugal: Ricardo - Miguel, Nuno Valente, Ricardo Carvalho, Fernando Meira - Maniche, Petit, Tiago (74. Hugo Viana), Luis Figo (86. Helder Postiga) - Cristiano Ronaldo, Pauleta (63. Simao Sabrosa). - Trainer: Felipe Scolari
Tore: Fehlanzeige
Elfmeterschießen: 0:1 Simao Sambrosa; Ricardo hält Schuss von Lampard; Hugo Viana verschießt; 1:1 Hargreaves; Petit verchießt; Ricardo hält Schuss von Gerrard; 1:2 Helder Postiga; Ricardo hält Schuss von Carragher; 1:3 Cristiano Ronaldo
Gelbe Karten: Hargreaves, Terry - Petit, Ricardo Carvalho
Rote Karte: Rooney (62., Tätlichkeit)
Schiedsrichter: Horacio Elizondo (Argentinien)
Assistenten: Dario Garcia, Rodolfo Otero (beide Argentinien)
Stadion: Gelsenkirchen
Zuschauer: 52.000
Torschüsse: 4:9
Ecken: 6:4
Fouls: 21:10
Ballbesitz: 43%:57%
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