Nationaltorhüter begeht Selbstmord: Robert Enke litt unter Depressionen
zuletzt aktualisiert: 11.11.2009 - 17:56Hannover (RPO). In einer bewegenden Pressekonferenz haben sich Robert Enkes Witwe Teresa und sein Psychologe erstmals zum Selbstmord des Nationaltorhüters geäußert. Der Arzt berichtete, dass Enke bereits seit 2003 wegen Depressionen und Angstzuständen behandelt wurde. In den vergangenen Wochen habe sich sein Zustand dann verschlechtert. Selbstmordabsichten habe Enke aber abgestritten. Teresa reagierte fassungslos auf den Tod ihres Mannes.
Das Protokoll der Pressekonferenz: Das Interesse ist gewaltig. Hunderte Journalisten sind gekommen. Auf dem Podium sind neben dem Pressesprecher des Bundesliga-Klubs Enkes Witwe Teresa und der Kölner Psychologe Valentin Markser. Der Hintergrund ist schwarz abgehangen, alle drei Personen tragen ebenfalls schwarz.
Zuerst äußert sich Hannovers Pressesprecher Andreas Kuhnt. Er kommt ohne Umschweife auf ein Tabuthema in der Bundesliga zu sprechen, wie er sagt. Depressionen. Darunter habe auch Robert Enke gelitten. Darum sei auch Enkes behandelnder Arzt zu der Konferenz gekommen: Valentin Markser aus Köln.
Der Mediziner erläutert, dass Enke schon seit Jahren unter Versagensängsten litt. Erstmals habe sich der Torhüter 2003 bei ihm gemeldet. Zu dieser Zeit stand Enke beim FC Barcelona unter Vertrag. Zeitweise war er an den türkischen Klub Fenerbahce Istanbul ausgeliehen. Enke habe bei seinen Engagements im Ausland unter Versagensängsten gelitten. Durch die Behandlung soll sich sein Zustand aber stabilisiert haben. Bei Hannover 96 gelang dem Torhüter zu dieser Zeit der Neuanfang.
Anfang Oktober der Rückschlag: Enke meldete sich wieder bei seinem Arzt in Köln. Enke habe zunehmend unter depressiven Störungen gelitten, erläutert Markser. Der Torhüter kämpfte damals angeblich gegen eine bakterielle Infektion.
Vom Selbstmord des Profis zeigte sich der Psychiater jedoch schockiert. Enke habe nie ernsthaft den Eindruck erweckt, selbstmordgefährdet zu sein. Er habe vielmehr mit hoher Motivation an seiner Behandlung arbeiten wollen. Das Ausmaß seiner Depression habe er trotz sehr engmaschiger Betreuung erfolgreich verborgen. Einen stationären Aufenthalt habe er noch am Tag seines Todes abgelehnt. In seinem Abschiedsbrief entschuldigte sich Enke nach Angaben seines Arztes für die "bewusste Täuschung" über seinen seelischen Zustand.
"Man schafft es doch nicht immer"
In der Mitte des Podiums sitzt Teresa Enke. Sie ist sichtlich getroffen. Sie wusste von der Krankheit ihres Mannes, war aber zuversichtlich: "Wir dachten, wir schaffen alles, mit Liebe geht es. Aber man schafft es doch nicht immer", sagte sie. Schon nach Barcelona und Istanbul hätte sie eine schwere Zeit überstanden.
Sie erzählt, dass ihr Mann die Depressionen vor der Öffentlichkeit verbergen wollte. Er wollte die Familie schützen, habe aber auch Angst gehabt, dass man ihnen die Adoptivtochter Leila wegnehmen könnte. "Ich habe versucht für ihn da zu sein", sagt sie. Immer wieder wird ihre Aussage von Schluchzen unterbrochen.
Für Robert Enke war Fußball nach den Worten seiner Frau "alles, sein Leben, sein Lebenselixier". So habe er zuletzt gesagt, dass es schön gewesen sei, wieder ein Teil der Mannschaft zu sein. "Das Training war der Halt", sagte Teresa Enke unter Tränen.
Am Nachmittag, gibt Klub-Sprecher Kuhnt abschließend bekannt, soll ein Trauermarsch in Hannover stattfinden. Für die Spieler des Bundesligaklubs ist Einzeltraining geplant. Jeder habe die Möglichkeit, darüber zu reden. Einzelne Interviews von Spielern werde es aber nicht geben. Präsident Martin Kind denkt darüber nach, die Trikot-Nummer eins auf alle Zeiten für Robert Enke zu reservieren und nie wieder zu vergeben.
Merkel kondoliert
Die Menschen in Deutschland reagierten mit Trauer und Fassungslosigkeit. Bundeskanzlerin Angela Merkel kondolierte der Witwe. Der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans sagte, Merkel habe einen "sehr persönlich gehaltenen Brief" geschrieben. Alle 36 Mannschaften der 1. und 2. Bundesliga werden am 13. Spieltag mit Trauerflor spielen und für Enke eine Gedenkminute abhalten.
Der DFB sagte alle vereinbarten Interviewtermine ab. Am Dienstagnachmittag hatte sich die Elf von Trainer Joachim Löw in Bonn getroffen, um sich auf die Testspiele gegen Chile und die Elfenbeinküste vorzubereiten. Der DFB sagte das Spiel gegen Chile auf einer Pressekonferenz am Nachmittag ab.
Auf der Homepage des Vereins war auf schwarzem Grund zu lesen: "Wir trauern um Robert Enke". 96-Manager Jörg Schmadtke äußerte sich bestürzt: "Unser Mitgefühl gilt der Familie. Uns hat ein großartiger Sportler und Mensch verlassen, der in Hannover und in Deutschland eine große Lücke hinterlässt."
Vor drei Jahren Tochter verloren
Enke stand acht Mal im Tor der deutschen Nationalmannschaft. Er galt als Favorit für den Posten des Nationaltorwarts bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Der Sportler hinterlässt seine Frau und eine acht Monate alte Tochter, die das Paar vor kurzem adoptiert hatte.
Der Profi, der seit 2004 bei Hannover 96 spielte, hatte mehrfach Rückschläge wegstecken müssen. Im Jahr 2006 starb seine zweijährige Tochter an einem Herzfehler. Zuletzt hatte ihn eine hartnäckige Bakterienentzündung des Darms außer Gefecht gesetzt, erst vor kurzem war Enke aber wieder ins Tor von Hannover 96 zurückgekehrt.
Mit Blick auf den Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke hat die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) mehr psychologische Unterstützung für Spieler gefordert. Die Vereine als Arbeitgeber müssten den Spielern stärker zur Seite stehen und Angebote schaffen, sagte VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky am Mittwoch im "Deutschlandradio Kultur". Er lobte Clubs wie Bayern München und den VfL Bochum, die bereits Psychologen beschäftigten.
Auch die Gewerkschaft biete schon seit Jahren sportpsychologische und seelsorgerische Unterstützung an. "Es gibt schon gute Beispiele von Clubs, die sich öffnen für so eine Thematik. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn weitere Maßnahmen folgen würden - wie auch immer dann geartet", bekräftigte Baranowsky. Er verwies auf den vielfältigen Druck, unter dem Profi-Fußballer stünden. So komme es vor, dass Fans die Spieler nach einer Niederlage bedrohten, deren Autos zerkratzten und andere Formen von Psychoterror verübten.
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