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Rücktritt aus der Nationalmannschaft
Podolskis Schritt ist verständlich

Reaktionen: "Auf ihn war und ist Verlass"
Reaktionen: "Auf ihn war und ist Verlass"
Meinung | Düsseldorf. Lukas Podolski macht Schluss in der Nationalmannschaft, drei Wochen nach seinem alten Kumpel Bastian Schweinsteiger. Der Schritt ist verständlich. Denn Podolski hat selbst erkannt, dass er internationalen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird.  Von Robert Peters

Podolski (31) hat entgegen böser Gerüchte auch bei der Europameisterschaft viel zu tun gehabt. Er kümmerte sich um die jungen Spieler, übersetzte bei Medienterminen vom Deutschen ins Polnische und vom Polnischen ins Deutsche.

Er unterhielt die Presseleute mit fröhlichen Vorträgen auf dem Podium. Er sorgte im Teamquartier und auf den Reisen für gute Laune. Und trainiert hat er auch ausgiebig. Das versichern jedenfalls die Trainer, die sein Engagement nahezu täglich priesen. Gespielt hat er nicht. Wieder nicht.

Daraus hat er die Konsequenz gezogen. Podolski macht Schluss in der Nationalmannschaft, drei Wochen nach seinem alten Kumpel Bastian Schweinsteiger. Den Abschied verkündete er im Internet, da ist er ganz Kind seiner Zeit. "Danke Fans", schrieb er bei Twitter, "129 Spiele, 12 Jahre. Es war gigantisch, es war großartig. Und es war mir eine Ehre!" Ein wenig sachlicher teilte er bei Instagram mit: "Ich habe dem Bundestrainer gesagt, dass ich ab sofort nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen werde. Ich trete kürzer und widme mich anderen Dingen. Am meisten natürlich meiner Familie."

Der Schritt ist verständlich. Denn Podolski hat selbst erkannt, dass er internationalen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird. Ein Blick in seine Länderspiel-Bilanz unterstreicht das. Schon vor der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien war der 31-Jährige nur noch Teilzeitkraft im Nationalteam. Das letzte seiner immerhin 48 Tore für Deutschland schoss er im Frühjahr 2015 beim 2:2 gegen Argentinien. Sein vergleichsweise rustikaler Stil war nicht mehr gefragt. Der Fußballer Podolski war aus der Zeit gefallen.

Podolski verbindet Professionalität und Lockerheit

Der Schritt ist aber auch sehr bedauerlich. Denn Podolski steht für einen Typ Sportler, der aus der Mode gekommen ist. Einen, der Professionalität und Lockerheit verbindet, der eine starke Beziehung zu den Fans pflegt, der zugänglich bleibt, selbst wenn es mal nicht so läuft, der aus der Wechselwirkung mit der Basis Kraft schöpft und der sich nicht verbiegt. Er hat das Glück, dass er sich kein künstliches Image zulegen muss, weil er ganz einfach ein netter Kerl ist. Das finden selbst jene, die mit dem Fußballer Podolski schon länger nicht mehr so viel anfangen können.

Vor allem die Kölner haben ihren berühmten Mitbürger tief ins Herz geschlossen. Ihrer Zuneigung verdankt er den Spitznamen "Prinz Poldi". Und sie sind ganz sicher, dass er eines fernen Tages ein bedeutendes Amt beim "Effzeh" übernehmen wird. Eine Art Internet-Werbeplattform für den Klub ist er schon. Aus der sportlichen Wahlheimat Istanbul oder aus der Nähe im Wochenend-Urlaub in seiner Wohnung am Rheinufer begleitet Podolski mit großer Begeisterung und zahlreichen Einträgen seinen Klub. Und er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass Köln seine Stadt ist.

Hier begann eine einzigartige Karriere. Podolski hat sie selbst sehr schön zusammengefasst: "Vom zweijährigen polnischen Jungen, der quasi nur mit einem Ball unter dem Arm nach Deutschland kam, zum Weltmeister – das ist mehr, als ich mir erträumen konnte." Seinen polnischen Geburtsort Gleiwitz und den polnischen Teil seiner Familie hat er nicht vergessen. Länderspiele gegen das Land seiner Eltern und seiner Vorfahren waren deshalb immer eine hochemotionale Angelegenheit. Dass er sich nach Toren gegen Polen den Jubel versagte, war nie eine billige Geste, wie sie so mancher Berufskollege aufführt, wenn er gegen einen Klub trifft, für den er mal eine Saison gespielt hat. Podolski ist eben auch in seinen Gesten ein klarer Typ.

Gesicht des deutschen Aufschwungs

In die Nationalelf kam er selbstverständlich nicht aus charakterlichen Gründen, obwohl der Charakter sicher ausschlaggebend dafür war, dass die Laufbahn in der DFB-Auswahl so lange dauerte. Der Kölsche Jung wurde als 19-Jähriger vom damaligen Bundestrainer Rudi Völler ins Aufgebot geholt. Gemeinsam mit Bastian Schweinsteiger feierte er sein Länderspieldebüt 2004 beim Testspiel gegen Ungarn in Kaiserslautern (0:2). Und mit Schweinsteiger wurde er das Gesicht des deutschen Aufschwungs vom Rumpelfußball des beginnenden Jahrtausends über das Sommermärchen 2006 bei der WM im eigenen Land bis zum WM-Titel 2014. Zwischendurch war Podolski ein Stürmer von internationaler Klasse. Das wird übrigens auch gern vergessen.

Es ist aber nicht zu übersehen, dass die Kumpels "Schweini" und "Poldi" in die Jahre gekommen sind. Beim großen Strategen Schweinsteiger macht der Körper nicht mehr mit. Über den großen Jungen Podolski ist die fußballerische Entwicklung hinweggegangen. Und allein mit guter Laune ist das nicht auszugleichen. Der Rücktritt aus der Nationalmannschaft ist ein Zeichen großer Reife. Es gibt viele Fachleute, die Podolski das nicht zugetraut haben. Sie haben ihn einfach unterschätzt – wieder einmal.

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