Kampagne gegen den Gastgeber: Schweden schimpft über unsere WM
VON ANDRE ANWAR - zuletzt aktualisiert: 23.06.2006 - 12:15Stockholm (RP). Auch wenn Deutschland mit der WM um ein fortschrittliches und weltoffenes Image im Ausland wirbt, gelang dieses Unterfangen - zumindest in Schweden - nur sehr bedingt. Dafür sorgte eine Reihe von Darstellungen, mit denen Schwedens Presse im Sommerloch dankbar die Titelseiten stopfte.
Der erste Skandal zeichnete sich ab, als der Ombudsmann für Gleichstellungsfragen sein Land zur besten Sendezeit im Fernsehen vor dem WM-Auftakt aufforderte, die Meisterschaft in Deutschland völlig zu boykottieren. „Zehntausende von Frauen werden wegen der WM zum Sexhandel getrieben, nicht zuletzt aus dem Baltikum“, begründete er. Der Boykott-Aufforderung wurde im Lande große öffentliche Bedeutung beigemessen. Auch wenn eine tatsächliche Nichtteilnahme des Königreichs nie ernsthaft diskutiert wurde, flammte das Thema immer wieder auf.
In Schweden ist der Sexhandel verboten, und Prostitution wird mit Sklaverei gleichgesetzt. Schweden sehen den Kauf von Sex über alle politischen Lager hinweg nicht mehr als ein Kavaliersdelikt an, sondern eher als obszöne Ausbeutung. Folgerichtig geriet das Land in Aufruhr, als die größte Boulevardzeitung nach dem ersten Schwedenspiel männliche schwedische Fans in gelbblauen Trikots auf einem deutschen Straßenstrich im Gespräch mit Prostituierten fotografierte. Statt über Positives aus Deutschland zu berichten, stürzten sich schwedische Reporter auf deutsche WM-Massenbordelle.
Als das Thema langsam abebbte, kam der nächste Dolchstoß. An prominenter Stelle berichteten die schwedischen Medien von den so genannten „No Go Areas“ in Deutschland - Gebiete, in denen sich Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht aufhalten sollten, weil sie dort Angriffen durch Rassisten ausgeliefert seien.
Die große schwedische Elektromarkt-Kette „Siba“, auch bekannt durch die spektakuläre Entführung des Eigentümer-Sohns Fabian Bengtson im vergangenen Jahr, startete daraufhin eine groß angelegte deutschlandkritische Werbekampagne, um Breitwandfernseher zu verkaufen. Unglaublich, aber wahr. Titel der Werbung: „Es gibt viele Gründe, um im Sommer nicht nach Deutschland zu reisen. Hier ist einer davon“. Es folgen Bild und Preis eines TV-Geräts mit dem Versprechen, man erhalte den Kaufpreis komplett zurück, falls Schweden Weltmeister wird.
Den letzten Schlag erhielt das Image des WM-Gastgebers in der schwedischen Öffentlichkeit, als ein deutscher Fifa-Angestellter in einem Hotel eine schwedische Fotografin der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ an einen der Starspieler der paraguayischen Mannschaft verkuppeln wollte, indem er sie mitten in der Nacht anrief und sagte, dass der im selben Hotel wohnende Spieler aus Paraguay sie gerne „kennen lernen“ wolle. Die Fotografin fühlte sich behandelt wie ein Callgirl, und ihre Zeitung füllte zwei Seiten mit dem Thema.
Dem Deutschlandbild in Schweden ist das alles nicht sehr zuträglich gewesen.
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