Playoffs: Sechs Große haben Angst
zuletzt aktualisiert: 11.11.2005 - 13:13München (rpo). Für sechs europäische Auswahl-Teams steigt am Samstag der Adrenalinpegel bis zum Anschlag. Tschechien, die Türkei, die Schweiz, Spanien, Norwegen und die Slowakei machen unter sich die letzten drei freien Plätze für die WM-Teilnahme aus. Anlass genug zu Psychokrieg und Verbalattacken der unfeinen Art.
Vor allem vor der Partie der Schweiz gegen die Türkei in Bern (20.45 Uhr) kochen die Emotionen hoch. "Seit Wochen werden nur Lügengeschichten über uns erzählt", echauffiert sich der türkische Nationaltrainer Fatih Terim. Die türkischen Medien spekulieren bereits über ein "Komplott" des in der Schweiz ansässigen Weltverbandes FIFA. Das vermeintliche Indiz: Die FIFA hat den für das Rückspiel in Istanbul vorgesehenen spanischen Schiedsrichter Luis Medina Cantalejo kurzfristig durch den Belgier Frank de Bleeckere ersetzt.
An Selbstvertrauen mangelt es beim WM-Dritten indes nicht. "Wir werden die Sache im Hinspiel erledigen", sagt Altstar Hakan Sükür. Terim setzt noch einen drauf: "Wir werden zur WM nach Deutschland fahren. Und bekanntlich ist der Weg dorthin von der Schweiz über die Alpen am kürzesten." Doch den Trainer plagen Personalsorgen. Emre und der Schalker Hamit Altintop sind gesperrt. Neben Yildiray Bastürk von Hertha BSC Berlin und dem Dortmunder Nuri Sahin fehlen Hakan Sas, Tolga Seyhan und Ibrahim Akin verletzt.
Wicky gesperrt
Terims Schweizer Kollege Köbi Kuhn bangt um Kapitän Johann Vogel und Boris Smiljanic. Der Hamburger Raphael Wicky, einer von insgesamt 18 für die Europa-Playoffs nominierten Bundesliga-Profis, ist gesperrt. "Der Druck ist schon erheblich. Das ganze Land setzt große Erwartungen in uns", sagt Stürmer Alexander Frei. Dennoch ist Frei zuversichtlich, dass sich sein Land erstmals seit 1994 wieder für eine WM qualifizieren wird, "wenn wir im Hinspiel ein Polster schaffen können".
Ähnlich unter Druck wie Frei fühlt sich Spaniens Kapitän Raul. "Wir können es uns nicht leisten, auszurutschen", sagt er vor dem Treffen mit der Slowakei in Madrid (22.00 Uhr): "Unser Prestige steht auf dem Spiel." Seit dem Aus in den Playoffs gegen Jugoslawien vor der WM 1974 hat der Europameister von 1968 keine Endrunde mehr verpasst, die letzte Niederlage datiert von der EM 2004. "Ich glaube, dass wir 3:0 oder 4:0 gewinnen werden", sagt Jungstar Jose Antonio Reyes.
Angst
Beim slowakischen Kapitän Miroslav Karhan kommt diese Aussage weniger gut an. "Die haben Angst vor uns", sagt der Profi des VfL Wolfsburg. "Auch die Russen haben so getönt, und am Ende hatten sie gar nichts", erinnert Karhan an die Gruppenphase. Die Slowakei geht das Unternehmen erste WM-Teilnahme ohne den nach wie vor verletzten Bundesliga-Torschützenkönig Marek Mintal vom 1. FC Nürnberg an. "Wir sind so weit gekommen, also sind wir auch in der Lage, die letzte Hürde zu nehmen", sagt Trainer Dusan Galis.
Der große Bruder der Slowakei, Tschechien, hat es in Norwegen nicht nur mit einem unangenehmen Gegner, sondern auch mit widrigen Platzverhältnissen zu tun (19.30 Uhr/live bei Premiere). Weil der Rasen im Osloer Ullevaal-Stadion eher zum Schlamm-Catchen denn zu einem Fußball-Spiel einlädt, hat der tschechische Verband vorsorglich Protest bei der FIFA eingelegt. "Als wir den Platz gesehen haben, bekamen wir einen richtigen Schreck", sagt Tschechiens Kapitän Tomas Galasek. Nach dem Einsatz der königlich norwegischen Garde, die Sand auf dem Platz verteilt hat, kann aber nun doch gespielt werden.
Nedved soll es richten
Die Hoffnungen der Tschechen ruhen vor allem auf Rückkehrer Pavel Nedved. Der bestritt seit der EM 2004 kein Länderspiel mehr, will seinem Land aber zur ersten WM-Teilnahme seit 1990 verhelfen. "Wir haben eine starke Mannschaft. Mit Nedved ist sie noch stärker geworden", sagt Trainer Karel Brückner, der auf die verletzten Stürmer Jan Koller und Vratislav Lokvenc verzichten muss.
Norwegen, das die vierte WM nach 1938, 1994 und 1998 anstrebt, ist erklärter Underdog, das weiß auch Coach Age Hareide: "Wir sind Außenseiter, aber das passt uns ganz gut. Natürlich steht auch unsere Mannschaft unter Erfolgsdruck. Doch sie können sicher sein, dass der Druck auf Tschechien erheblich größer ist."
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