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Interview mit Shkodran Mustafi
"Wenn du abhebst, machst du dir Feinde"

Shkodran Mustafi: "Wenn du abhebst, machst du dir Feinde"
Shkodran Mustafi beim Interview mit RP-Redakteur Gianni Costa. FOTO: RP
Köln. Der 23-jährige Nationalspieler spricht im Interview mit unserer Redaktion über Karrierepläne, seine hessische Heimat Bebra und finanzielle Engpässe.

Shkodran Mustafi sitzt auf den Stufen zur Lobby im Hyatt Regency in Köln. Er telefoniert, zwischendurch knabbert er an seinem Apfel. Es scheint ein nettes Gespräch zu sein, jedenfalls lächelt er die ganze Zeit. Das ändert sich allerdings auch während des Interviews mit ihm nicht. Mustafi, 23, hat bei der WM in Brasilien in zwei Partien 87 Minuten auf dem Platz gestanden. Jede einzelne Minute, erzählt er zufrieden, sei ein unvergessliches Erlebnis gewesen.

Herr Mustafi, lebt es sich als Weltmeister leichter? Sie müssen sich doch jetzt bestimmt nicht mehr beim Bäcker an einer langen Schlange anstellen und dürfen ohne zu bezahlen mit Bus und Bahn fahren!

Shkodran Mustafi (lacht) Was wäre das für ein Leben? Zum Glück gibt es viele, viele Menschen, die meine Erfolge im Beruf überhaupt nicht interessieren. Und das ist auch total in Ordnung.

Sie haben sich in Ihrem Heimatdorf Bebra ins Goldene Buch eingetragen. Sind damit nicht wenigstens klitzekleine Vorzüge verbunden?

Mustafi Ich habe mich da sogar schon zum zweiten Mal eingetragen. Das erste Mal, als wir 2009 mit der U17-Europameister geworden sind. Vorzüge gibt es keine. Ich will das aber auch nicht. Ich will auch nicht ständig daran erinnert werden, dass ich was Besonderes sei, weil ich professionell Fußball spiele. Gerade wenn ich in Bebra bin, will ich wie ein ganz normaler Junge rumlaufen können.

Klappt das denn?

Mustafi Erstaunlich gut sogar. Das hält mich auf dem Boden. Wenn du alles einfach so bekommst, wenn du meinst, du seist was Besseres – das ist nicht meine Welt. Wenn du abhebst, machst du dir Feinde, und dann ist sowieso alles zu spät. Ich brauche keine Extrawürste, um glücklich zu sein.

Hilft es bei dieser geerdeten Einstellung, dass Sie aus einer Familie kommen, wo man sich über Geld früher sehr viele Gedanken machen musste?

Mustafi Wenn man ein paar Jahre zurückgeht, dann mussten wir uns nicht nur sehr viele Gedanken machen, sondern da hatten wir schlichtweg finanziell große Probleme. Wir haben mit einer Großfamilie in einem kleinen Haushalt gelebt. Du konntest dir nicht einfach so etwas leisten. Alles was du dir gekauft hast, war was Besonderes. Darüber denke ich heute noch sehr oft nach, wenn ich mit einem schönen Auto herumfahre oder in einem Lokal etwas essen gehe. Das alles ist für mich keineswegs selbstverständlich.

Was halten Sie von Kollegen, die mit ihrem Reichtum protzen?

Mustafi Das ist jedem selbst überlassen. Ein wenig kann ich es verstehen. Wenn man lange nichts hatte, will man allen zeigen, was man erreicht hat. Das hat auch viel mit der Erziehung der Eltern zu tun. Ich habe da Glück gehabt.

Sie spielen in Spanien. Wie wichtig ist die Nationalmannschaft als Plattform, um sich auch in Deutschland präsentieren zu können?

Mustafi Es ist wichtig, immer mal wieder auf dem Radar in Deutschland zu erscheinen. Für mich ist es aber nicht das Wichtigste.

Sie sind in der hessischen Provinz geboren, als Jugendlicher ins Fußballinternat des Hamburger SV gegangen, haben dann für Everton, in Genua und nun in Valencia als Profi gespielt. Was bedeutet für Sie Heimat?

Mustafi Das ist Bebra, eine Kleinstadt in Hessen mit rund 13.000 Einwohnern. In Bad Hersfeld, gleich nebenan, bin ich geboren, aber in Bebra bin ich aufgewachsen. Dort lebt noch immer meine Familie. Da sind meine Wurzeln. Ich baue da auch gerade ein Haus. Mein Vater wohnt da schon seit 35 Jahren. Er ist mit vier Jahren aus Albanien gekommen. Heimat ist nicht nur ein Ort für mich. Wir besuchen auch oft die Familie in Albanien.

Nicht alle Profis stehen so zu ihren Wurzeln. Aus dem Boxer Adnan Catic wurde zum Beispiel Felix Sturm. Wäre ein Wechsel für Sie auch eine Option gewesen?

Mustafi Niemals. Ich bin froh, der zu sein, der ich bin. Ich trage mit Stolz meinen Familiennamen.

Keine Scheu vor Grenzen haben – ist das auch ein Grund dafür, dass Sie bisher ausschließlich im Ausland gespielt haben?

Mustafi Vielleicht. Alles hat seine Zeit. In England habe ich mich irgendwann nicht mehr wohlgefühlt, also bin ich nach Italien gegangen. Da war ich an dem Punkt angelangt, dass ich gemerkt habe: Ich kann mich nicht weiterentwickeln. Also bin ich zu einem nächstgrößeren Verein gewechselt. Es gab auch Angebote aus der Bundesliga. In Valencia hat mich das Konzept am meisten überzeugt. Ich habe gemerkt, dass ich da keine Freikarte haben werde, aber dass da einfach jemand auf meiner Position fehlt, und diesen Platz wollte ich füllen.

Wie viel Druck ist es, Weltmeister zu sein?

Mustafi Es bringt zunächst mal sehr, sehr viele positive Dinge mit sich. Ich bin mit einer verdammt breiten Brust nach Spanien gewechselt. Man traut sich viel mehr Sachen zu. Aber natürlich ist das Druck. Die Leute haben andere Erwartungen an dich. Es gibt im Fußball aber kein Bonussystem. Du musst jedes Wochenende deine Leistung bringen. Wenn du es nicht tust, dann haben die Leute schnell vergessen, was du letzte Woche alles gut gemacht hast.

Kommen wir zum Ende. Die obligatorische Frage bleibt Ihnen nicht erspart.

Mustafi Ich habe es geahnt.

Sie werden nicht enttäuscht. Wann spielen Sie in der Bundesliga?

Mustafi Es ist unglaublich, wie oft mir diese Frage gestellt worden ist. Ich kann es verstehen. Sehen Sie, man darf nicht vergessen, ich bin erst 23 und mit meiner Entwicklung noch lange nicht am Ende. Wenn ich irgendwann ein Angebot aus der Bundesliga bekommen sollte und ich merke, es ist Zeit für den nächsten Schritt, dann würde ich natürlich nach Deutschland kommen.

GIANNI COSTA FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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