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robert enke ganz nah schwarzer hintergrund panorama ap
  Foto: AP, AP
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Abschied von Nationaltorwart Robert Enke: Volkskrankheit Depression

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 13.11.2009 - 21:59

Hannover (RP). Robert Enke litt seit Jahren an der psychischen Störung. Sie wurde mit Medikamenten behandelt. Experten schätzen, dass vier Millionen Deutsche an Depressionen leiden. Oft sind sie der Grund von Selbstmorden.

Volkskrankheiten machen vor Sportlern nicht halt. Auch Depressionen stehen in der Arena der Trainierten, Robusten und Erfolgreichen in der Krankenakte der behandelnden Ärzte. Der Unterschied zu anderen Leiden: Keiner redet darüber. Die Depression als Krankheit ist ein Tunnel, in den von außen niemand hineinschaut, und sie ist weit mehr als nur ein November-Blues.

Noch ein Unterschied, etwa zu Schmerzphänomenen: Kaum einer kann sich vorstellen, wie es einem Depressiven ergeht ­ es sei denn, er hat Depressionen selbst erlebt. Es handelt sich um eine "affektive Störung", die teilweise erblich ist und mehrere Symptome kombiniert.

Info

Die Macht der Familie

Psychoanalytiker halten die Depression für einen Ausdruck von Autoaggression, deren Wurzeln in den Familien der Erkrankten zu sehen ist, wo Kinder sich zu stark den Bedürfnissen der Eltern anpassen müssen.

Enkes Familie galt als überaus sportlich und leistungsorientiert. Sein Vater, von Beruf Psychotherapeut, war erfolgreicher 400-Meter-Läufer.

Depressive leiden unter Grübelzwang, Unruhe, Antriebshemmung, Stimmungsenge, Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Traurigkeit. Depressive leben häufig in Tarnung vor der Welt. Bei Robert Enke war das der Fall. Nur Eingeweihte kennen das wahre Ausmaß der Krankheit, die häufig in Phasen verläuft und wiederkehrt (Rezidiv). Experten schätzen, dass die meisten der etwa 12.000 Selbstmorde pro Jahr in Deutschland von Menschen verübt werden, die an Depressionen leiden.

Bei Enke scheint die Krankheit früh erkannt worden zu sein; spätestens seit seiner Zeit beim FC Barcelona nahm Enke Antidepressiva. Hierbei handelt es sich um Medikamente, die in den Hirn-Stoffwechsel eingreifen; der ist bei den allermeisten Depressiven gestört. Antidepressiva sorgen dafür, dass gewisse Botenstoffe und Neurotransmitter wie das „Glückshormon” Serotonin an ihren Wirkorten länger verfügbar sind. Das gilt vor allem für Medikamente aus der Gruppe der "Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer".

Der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist hat das Modell der "Gratifikationskrise" entwickelt, wonach vielfältige Krankheiten entstehen, wenn ein Arbeitnehmer hohe Leistung erbringt, die der Arbeitgeber aber kaum oder gar nicht würdigt. Dieses Ungleichgewicht zwischen hohem Anspruch von innen und schwachem Zuspruch von außen führt häufig zu Herz-Krankheiten, aber auch zu Depressionen.

Sicher ist, dass diese Krise auch gut verdienende Spitzensportler treffen kann. Wer in seinem aktiven Leben häufig Rückschläge, Kränkung oder Nichtanerkennung registrieren muss ­ weil er etwa immer wieder auf die Ersatzbank verbannt wird, kann psychische Störungen entwickeln. Therapeuten würden sagen: Niemand kann sich so oft selbst loben, dass es die von außen erlebte Entwertung der eigenen Kompetenz ausgleicht.

Häufig maskieren Menschen, die sich bewusst kontrolliert geben, ihre Empfindsamkeit ­ und auch ihren Stress. Gerade chronischer Stress löst aber Depressionen aus, das weiß man aus Laboranalysen. Im Blut und Urin Depressiver findet man oft deutlich erhöhte Konzentrationen des Stresshormons Cortisol. Es wird bei ihnen durch eine überreizte Stimulation der Achse zwischen Arealen des Gehirns und der Nebennierenrinde gebildet. Die sozusagen unablässig feuernde Neurochemie sorgt für ein erhöhtes Erregungslevel, das durch jene Medikamente wieder gedämpft wird.

Trotzdem, deren Wirkung ist rein symptomatisch, heilen können sie den Kranken nicht. Das gelingt nur in einer Psychotherapie oder Psychoanalyse, bisweilen in einer Spezialklinik. Viele Depressive fürchten diesen Weg in die Klinik, weil dadurch ihre Erkrankung öffentlich werden könnte. Auch auf Enke lastete diese Furcht. Sein Suizid schien ihm der letzte Weg, alle Ängste endgültig loszuwerden.


 
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