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Erstes Interview nach dem Kopfstoß in WM-Finale: Zidane: "Ich kann meine Tat nicht bedauern"

zuletzt aktualisiert: 12.07.2006 - 21:18

Paris (rpo). Frankreichs Fußball-Idol Zinedine Zidane hat sein Schweigen gebrochen: "Sehr persönliche und harte Worte über meine Mutter und Schwester" haben den abgetretenen Superstar im WM-Finale gegen Italien zu seinem Kopfstoß gegen Abwehrspieler Marco Materazzi hingerissen. Seine Tätlichkeit bereute der Superstar allerdings nicht.

Das sagte "Zizou" am Mittwochabend in seiner mit Spannung erwarteten Erklärung beim französischen Pay-TV-Sender Canal Plus drei Tage nach dem Endspiel in Berlin (1:1 n.V., 3:5 i.E.) und entschuldigte sich für seinen Ausraster: "Ich bitte um Verzeihung bei allen Kindern, die das gesehen haben. Dafür gibt es keine Entschuldigung."

Bedauern gegenüber Materazzi empfindet der bisherige Star von Spaniens Rekordmeister Real Madrid, der nicht zu einer möglicherweise rassistischen Äußerung des Italieners über die Mutter und Schwester der aus Algerien stammenden Zidane-Familie befragt wurde, allerdings nicht: "Materazzi hat die schlimmen Worte mehrmals wiederholt. Man hört das einmal und versucht wegzugehen. Dann hört man das ein zweites Mal und noch ein drittes Mal... Ich entschuldige mich außer bei den Millionen Kindern auch bei den Menschen und Erziehern, die versuchen, den Kindern zu lehren, was gut ist und was schlecht ist. Aber ich kann meine Handlung nicht bedauern. Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann das nicht sagen. Würde ich es sagen, würde das heißen, dass Materazzi Grund hatte, das zu sagen. Aber er hatte kein Recht dazu."

Etwa zur selben Zeit, zu der sich Zidane im Fernsehen äußerte, veröffentlichte die Zeitung "Gazzetta dello Sport" Auszüge eines Interviews mit Materazzi im Internet. "Ich habe zu ihm nichts über Rassismus, Religion oder Politik gesagt", zitierte ihn die Zeitung. "Und ich habe auch nicht über seine Mutter gesprochen. Ich habe meine Mutter mit 15 Jahren verloren und es bewegt mich immer noch, wenn ich über sie spreche."

In Materazzi Augen ist Zidane ein "Held"

Er habe nicht gewusst, dass Zidanes Mutter während des Endspiels im Krankenhaus gelegen habe. "Ich wünsche ihr alles Gute", sagte er weiter. Zidane sei für ihn immer ein Held gewesen, den er bewundere.

Zidane selbst bekräftigte in seinem Interview seinen Entschluss, die Fußballschuhe nach der WM an den Nagel zu hängen. Es gebe viele Personen, die ihn zum Weitermachen bewegen wollten, sagte der 34-Jährige. "Aber das war definitiv."

Zidanes Motivation für seine brutal wirkende Tätlichkeit zehn Minuten vor Ende der Verlängerung hatte weltweit für Rätselraten gesorgt. Bis zu seinem TV-Auftritt hatte der 34-Jährige, der für seine Unbeherrschtheit die Rote Karte sah und seinem Team deswegen im Elfmeterschießen gegen die Squadra Azzurra fehlte, über den Auslöser für seinen unverständlich erscheinenden Blackout geschwiegen.

Materazzi hatte bis vergangenen Dienstag lediglich eine Beleidigung des Weltmeisters von 1998 eingeräumt. "Ich habe Zidane beleidigt", sagte der 32-Jährige in einem "Teilgeständnis" gegenüber der Gazzetta dello Sport, seine exakten Worte jedoch nicht preisgegeben: "Ich habe ihn aber sicher nicht als Terroristen bezeichnet. Ich bin ein unwissender Mensch, da weiß ich doch nicht, was ein islamischer Terrorist ist. Ich habe aber bestimmt nicht Zidanes Mutter erwähnt. Für mich ist eine Mutter heilig."

Worte einfach rausgerutscht

Materazzis Darstellung zufolge wäre Zidanes Hochmütigkeit die Ursache für den Disput der beiden Profis gewesen: "Ich hatte ihn für einige Sekunden am Trikot festgehalten, dann schaute er mich in einer super-arroganten Art von oben bis unten an und meinte: 'Wenn du mein Trikot wirklich haben willst, dann kannst du es nach dem Spiel haben.' Danach habe ich mit der Beleidigung reagiert. Ich habe etwas gesagt, das Dutzende Male gesagt wird und auf dem Fußball-Feld einfach mal rausrutscht."

Bei der Analyse der TV-Bilder von der entscheidenden Szene während des Finales waren sogar Lippenleser von Medien in Brasilien und England engagiert worden. Dabei meinten Experten für Brasiliens TV-Kanal Globo, dass Materazzi Zidanes Schwester zweimal als Prostituierte bezeichnet haben soll. Nach Ansicht der Lippenleser, die für drei englische Zeitungen dem Geheimnis auf die Spur kommen sollten, war Zidane von Inter Mailands Abwehrspieler entgegen Materazzis Interview-Version "Sohn einer terroristischen Hure" genannt worden.

Aberkennung des "Goldenen Balls" droht

Ungeachtet seiner Erklärung droht Zidane indes noch die Aberkennung des "Goldenen Balles" als bester Spieler der WM in Deutschland. Weltverbands-Chef Joseph S. Blatter kündigte an, die Hintergründe für den Platzverweis im Finale gegen Italien am vergangenen Sonntag in Berlin von der FIFA-Disziplinarkommission untersuchen lassen zu wollen. Danach soll entschieden werden, ob der 34-Jährige den Goldenen Ball behalten darf.

"Die Exekutive der FIFA hat die Pflicht einzugreifen, wenn die ethischen Grundsätze des Sports verletzt werden", sagte Blatter italienischen Zeitungen: "Es hat mir weh, sehr weh getan, das zu sehen. Ich kenne Zidane seit vielen Jahren. Ich kenne seine außerordentliche Persönlichkeit, seinen Lebensstil und seine Familie. Ihn so handeln zu sehen, hat mir für ihn und für das Fair Play weh getan."

Quelle: sid

 
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