Kritik an Mannschaft und Trainer: Pulverfass FC Bayern - und Effenberg zündelt
zuletzt aktualisiert: 28.01.2002 - 15:34München (rpo). Nach der deftigen Pleite "auf Schalke" wird der FC Bayern zum Pulverfass. Ausgerechnet Reizfigur Stefan Effenberg zündelt an der Lunte.
Der von Kritik zermürbte Kapitän rückt deutlich von seinen Mitspielern ab, will nicht mehr länger als Prügelknabe für die Niederlagen herhalten und übte sogar erstmals öffentlich Kritik an seinem größten Förderer Ottmar Hitzfeld.
"Ich hoffe, der Trainer sieht, auf wen er sich verlassen kann", sagte Effenberg als Reaktion auf das 1:5-Debakel gegen Schalke und forderte Hitzfeld zu personellen Konsequenzen für das DFB-Pokal-Viertelfinale beim 1. FC Kaiserslautern auf. "Der Trainer ist gefordert: Dass er die Spieler aufstellt, die den Willen haben, ihren Ansprüchen Leistung folgen zu lassen", sagte Effenberg in einem "Kicker"-Interview.
Hitzfeld reagierte nach dem Training prompt, zunächst mit einem "langen Gespräch" unter vier Augen mit Effenberg. In diesem missbilligte er jedoch nur, dass sein Kapitän den Verzicht auf Nationalstürmer Carsten Jancker als falsch kritisiert hatte. "Dass Effenberg den Namen Jancker ins Gespräch bringt, kann nicht gehen. Das möchte ich in Zukunft nicht mehr lesen", betonte Hitzfeld.
Ansonsten aber tut Hitzfeld, was Effenberg verlangt. Der Trainer kündigte personelle Konsequenzen für den schweren Gang auf den Betzenberg an: "Ich werde handeln. Es werden einige neue Spieler in die Mannschaft kommen. Ich werde auf die Typen setzen, die sich reinhängen und sich in kritischen Situationen nicht verstecken."
Die Stars Giovane Elber, Mehmet Scholl, Jens Jeremies und Roque Santa Cruz, gegen Schalke noch erste Wahl, stehen ganz oben auf der Streichliste. Jancker, Claudio Pizarro, Ciriaco Sforza und Thorsten Fink heißen die Alternativen, wie nicht nur die Leibchen-Verteilung beim Trainingsspiel verriet. Denn Hitzfeld teilt Effenbergs Klage, alle Kritik würde auf ihm abgeladen: "Die Feststellung ist richtig, dass Effenberg als Alibi herhalten muss. Die Niederlagen werden an seinem Namen festgemacht. Andere Nationalspieler, die auch die Leistung nicht bringen, werden von den Medien verschont", erklärte Hitzfeld.
Effenberg gesetzt
Effenberg muss um seinen Platz im Team nicht bangen. "Natürlich spielt er in Kaiserslautern", sagte Hitzfeld. Effenberg selbst ging voll in die Offensive. Das Verhältnis zu den Teamkollegen sei "ein bisschen gespannt". Er will sich nicht mehr rückhaltlos vor die Mannschaft stellen. "Es geht immer nur gegen meine Person, immer wird auf meinem Namen herumgetrampelt. Ich werde in Zukunft nicht mehr den Kopf für alle Jungs herhalten." Dafür machte er sich im "Kicker" für seinen speziellen Freund Jancker stark: "Der rackert 90 Minuten. Der Trainer muss wissen, auf wen er setzen kann", sagte Effenberg, der bis zu seinem Vertragsende am 30. Juni nicht an seiner Führungsrolle rütteln lassen will: "Ich bin der Chef", betonte er selbstbewusst.
Hitzfeld gesteht eine "angespannte Stimmung" beim FC Bayern offen ein, die Situation ist kritisch. Das Pokalspiel in Kaiserslautern und das Duell mit Bundesliga-Spitzenreiter Bayer Leverkusen seien "entscheidende Tage"; zwei Titel stehen in fünf Tagen auf dem Spiel. "Gute Nerven sind gefragt und nicht, dass der einzelne seine Haut retten will", appellierte Hitzfeld an den Charakter der Profis.
Die Vereinsführung verharrt derweil in Lauerstellung. Manager Uli Hoeneß nannte die Lage "schwierig", will jedoch die geforderte Trotzreaktion auf dem Betzenberg abwarten. Der im Urlaub weilende Präsident Franz Beckenbauer beließ es nach dem Schalke-Desaster bei einem Grollen. "Nach sieben sieglosen Spielen ist der FC Bayern auf dem Weg, sich lächerlich zu machen. So geht es nicht weiter", schrieb Beckenbauer in seiner Kolumne für die "Bild"-Zeitung. Sein Verständnis für die schwachen Leistungen tendiert inzwischen "gegen Null". Wie Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge zuvor, reduzierte er das Minimalziel der Saison inzwischen auf die erneute Qualifikation für die Champions League.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







