2. Bundesliga 15/16 2. Bundesliga
| 09.50 Uhr

RB-Profi im Interview
Compper: "Natürliche Reaktion, dass Leipzig Ablehnung erfährt"

Marvin Compper: "RB Leipzig
Marvin Compper glaubt, dass die Akzeptanz für RB Leipzig steigen wird. FOTO: dpa, ebe jai
Düsseldorf. Ex-Nationalspieler Marvin Compper von Zweitligist RB Leipzig glaubt, dass das Unterhaus nur eine Durchgangsstation für den sächsischen Klub sein wird. Nach Stationen bei Gladbach, Hoffenheim und dem AC Florenz spielt der 29-Jährige seit diesem Sommer in Leipzig.

Herr Compper, welche Reaktionen haben Sie erfahren, als klar war, dass Sie zu RB Leipzig wechseln würden?

Marvin Compper Als der Wechsel feststand, haben einige aus unserem Umfeld pikiert mit der Nase gerümpft. Wie kann man denn dahin gehen? Hoffenheim ging für viele gerade noch so, mit der Entscheidung für RB Leipzig haben deutlich mehr Leute Probleme gehabt.

Kann man sich als Profisportler erlauben, das Angebot eines Klubs überhaupt einfach pauschal auszuschlagen?

Compper Generell leben wir in einem freien Land. Niemand wird dazu gezwungen, für RB Leipzig oder Fortuna Düsseldorf zu spielen. Ich bin Fußballprofi, und es ist nicht gerade so, dass der Markt wie ein Wunschkonzert funktioniert. Es gibt nur eine Handvoll Kollegen, die sich ihren Arbeitgeber frei auswählen können. Alle anderen müssen schauen, was sich ihnen bietet. Mich als Berufsfußballer interessiert, wo ich die besten Bedingungen geboten bekomme, um zu spielen. Natürlich dürfen aber alle anderen ganz engagiert darüber streiten, ob sie einen Traditionsverein favorisieren oder auch Sympathien für einen sogenannten Kommerzklub entwickeln können. Grundsätzlich finde ich es einfach nur schade, wenn sich Fans mehr mit dem gegnerischen Verein als mit dem eigenen beschäftigen.

Haben Sie Verständnis für die Kritik an dem System RB Leipzig?

Compper Noch mal: Jeder hat das Recht, seine Meinung kundzutun.  

Wundert Sie es nicht, wie emotional die Diskussionen um das Engagement von Red Bull geführt werden?

Compper Es ist da etwas in Bewegung geraten. Für viele ist RB Leipzig eine Bedrohung für den Platz des eigenen Vereins. Es ist zu erwarten, dass RB Leipzig die nächsten Schritte machen wird – wann auch immer. Das bedeutet, dass ein anderer Verein nicht mehr in der Ersten Bundesliga sein wird. Es ist eine natürliche Reaktion, dass Leipzig Ablehnung erfährt. Mit Hoffenheim war das am Anfang genauso. Inzwischen ist da die Akzeptanz deutlich gestiegen. Bei RB Leipzig wird es vielleicht ein wenig länger dauern, aber auch hier wird sich das ändern.

Haben Sie persönlich auch wegen Ihrer Hautfarbe schon Ablehnung erfahren?

Compper Keiner ist frei von Vorurteilen. Ich auch nicht. Wichtig ist es nur, sich die Offenheit zu bewahren, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Ich versuche, vielen Dingen mit Humor zu begegnen. Mich kann nicht mehr viel schocken.

Aber Ablehnung zu erfahren, schmerzt doch in erster Linie.

Compper Es kommt immer drauf an von wem. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, so viel Selbstvertrauen zu haben, damit mich nicht ein kleiner Spruch aus der Bahn wirft. Leute rufen von der Tribüne Dinge, die aber nicht bei mir ankommen.

War es für Sie ein Abstieg, zu einem Zweitligisten zu wechseln?

Compper Es ist ja nicht irgendein Zweitligist. Tatsächlich habe ich das aber natürlich auch am Anfang sehr kritisch gesehen. Nach meiner Entwicklung wollte ich eigentlich weiterhin international spielen. Ich habe aber gleich nach den ersten Gesprächen mit Leipzig gemerkt, dass ich Teil einer großen Sache sein möchte.

Welche Erfahrungen haben Sie von Ihrem Gastspiel aus Italien mitgebracht?

Compper Wenn man ins Ausland geht, ist das auch immer ein Stück weit ein Abenteuer. Es war in erster Linie eine große Herausforderung. Ich habe in einer Mannschaft gespielt, die ein außerordentliches Niveau gehabt hat. Wir haben um die Champions-League-Plätze mitgespielt und sie nur knapp verpasst, ich habe in der Europa League gespielt. Auch wenn ich keine Stammkraft war, bin ich trotzdem zu meinen Einsätzen gekommen und habe eine wichtige Rolle innerhalb der Mannschaft eingenommen. Ich war vor ein paar Wochen noch einmal in Florenz, um ein paar behördliche Dinge zu erledigen. Ich habe mir dann ein Spiel angesehen im Stadion und wurde unheimlich herzlich von den Fans empfangen. Ich habe gemerkt, dass ich Spuren hinterlassen habe.

Wie bewerten Sie die Qualität des italienischen Fußballs?

Compper Am Ende steht und fällt im Fußball alles mit Ergebnissen. Die italienischen Teams tun sich gerade in Europa sehr schwer. Der Fußball ist anders. Es fehlt an Tempo, Mut, an dem unbedingten Willen. In Italien steht Taktik über allem. Das ist nicht immer so ansehnlich.

Sie sind bei RB ins kalte Wasser geworfen worden. Wie fühlt es sich an, wenn man weiß, man ist körperlich noch nicht richtig fit, muss aber trotzdem als Leistungsträger funktionieren?

Compper Ich sollte nach meinem Wechsel behutsam herangeführt werden. Aber im Fußball lassen sich viele Dinge einfach nicht planen. Niklas Hoheneder hatte sich verletzt, also musste ich ran. Sicherlich haben mir noch einige Körner gefehlt. Aber vieles kann man im fortgeschrittenen Alter auch mit Erfahrung auf dem Platz ausgleichen. Es geht nicht immer nur um Schnelligkeit. Viele Probleme löst man mit dem Kopf, nicht mit den Beinen.

Sie gehören nicht zum klassischen Beuteschema von Leipzig auf dem Transfermarkt. Der Fokus liegt eher auf jüngeren Spielern, die noch den letzten Schliff bekommen. Was hat für Sie gesprochen?

Compper Ich denke schon, dass ich ein Element bin, was so in der Mannschaft noch nicht vorhanden war. Die Philosophie, junge Spieler zu holen und sie zu formen, auszubilden, besser zu machen, habe ich selbst ja durchlebt. Aus dem Film "Avatar" habe ich einen ganz passenden Spruch aufgeschnappt: Ein Glas, das schon voll ist, kann man nicht mehr füllen. Aber wenn die Füllung korrekt ist, dann muss man gar nichts mehr austauschen. In meinem Fall trifft das so zu. Ich habe den Fußball, der hier in Leipzig gespielt wird, auch schon in Hoffenheim vermittelt bekommen. Er ist bei RB sicherlich noch ein wenig weiterentwickelt worden, aber die Basis ist vorhanden. Das ist das Entscheidende, alles andere kommt mit der Zeit automatisch.

Sie sind in Mönchengladbach die ersten Schritte als Profi gegangen, konnten sich dort aber nicht durchsetzen. Wurden Sie zu früh aufgegeben?

Compper Im Endeffekt definiert sich alles über die Leistung. Ein wenig Glück ist auch dabei, du musst zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Aber du hast vieles auch selbst in der Hand. Ich bin stolz auf die Dinge, die ich erreicht habe. Und ich habe auch noch einiges vor in meiner Karriere. Ich kann sicherlich ein paar Jahre auf hohem Niveau spielen. Der Weggang von Gladbach war damals ein logischer Schritt. Ich habe mich damals in einer Sackgasse befunden. Auf mich wurde nicht mehr gesetzt. In dem Jahr meines Wechsels habe ich gezeigt, dass ich die Qualität besaß, um Bundesliga zu spielen. Damals haben das andere bei Borussia nicht in mir gesehen. So etwas muss man akzeptieren.

Ist die Halbwertzeit als Profi kürzer geworden?

Compper Entscheidend ist die Leistung, nicht das Alter. Man darf den Faktor Erfahrung nicht unterschätzen. Sicherlich gibt es aber die klare Tendenz der Vereine, dass man sich im Zweifel bei zwei gleichstarken Spielern in der Regel immer für den jüngeren entscheidet. Durch die Nachwuchszentren in Deutschland haben die Vereine ein schier unerschöpfliches Reservoir an Talenten geschaffen. Der Konkurrenzdruck ist extrem hoch, nur so konnte das Spielniveau gehörig angehoben werden.

Sie haben ein Länderspiel für die deutsche Nationalmannschaft bestritten. Kommt da noch was?

Compper Erstens spiele ich aktuell in der Zweiten Liga. Zweitens ist es eher unwahrscheinlich, dass man mit Anfang 30 noch einmal zur Nationalmannschaft eingeladen wird. Da müsste ich schon der überragende Verteidiger in der Bundesliga über eine komplette Saison sein, um ein kleinwenig in den Fokus der Entscheider zu geraten. Im Ernst: Damit beschäftige ich mich nicht wirklich. Ich hätte unter Umständen das eine oder andere Länderspiel mehr machen können, es ist aber einfach anders gelaufen. Ich bin stolz und zufrieden, dass ich wenigstens dieses eine Spiel machen durfte.

Machen Sie sich viele Gedanken über das Leben als Fußballprofi und das, was danach kommt?

Compper Ja, sehr viele sogar. Ich bin jetzt seit zehn Jahren in dem Geschäft. In der Zeit verändert sich der Blick auf vieles. Ich beschäftige mich mit vielen Dingen mittlerweile auch außerhalb des Fußballs.

Was beschäftigt Sie gerade?

Compper Ich lese viel – über Wirtschaft, über Geldsysteme, Psychologie, absolut breit gefächert versuche ich, mein Wissen zu erweitern.

Kann man sich das mittlerweile in einer Profimannschaft erlauben, derart feingeistige Dinge auszuleben?

Compper Es kommt immer darauf an, wie man sich darstellt. Jeder hat die Freiheit und die Wahl, sich mit Dingen zu beschäftigen. Nicht jeder kann nur Fußball im Kopf haben. Mittlerweile gibt es einige Spieler, die sogar noch ein Studium nebenher laufen haben. Beurteilt werden sollte, was jemand auf dem Platz abliefert. So viel Selbstbewusstsein sollte man schon haben.

Sind Sie schon neugierig auf das Leben nach dem Fußball?

Compper Absolut. Ich bin wahnsinnig neugierig, was der berufliche Inhalt sein wird. Ob ich im Fußball bleibe oder ob ich einen ganz anderen Weg gehe.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Compper Ich bin im Schwabenland geboren, sicherlich sind da ein paar meiner Wurzeln. Meine Frau kommt aber aus dem Rheinland. Düsseldorf ist ein Stück Heimat auch für mich geworden. Wir können uns durchaus vorstellen, uns da eines Tages niederzulassen. Mal sehen, wie sich alles entwickelt.

Sie wären doch bestimmt ein großartiger Friedensbotschafter, wenn Sie später mal zu Fortuna Düsseldorf wechseln...

Compper (lacht) Genau. Anfänglich würde mir da sicherlich Ablehnung entgegengebracht werden, aber auch das würde sich legen.

Spielen Sie nächstes Jahr in der Bundesliga gegen Fortuna?

Compper Kann schon sein. Bis auf Ingolstadt sind alle eng beieinander. Wir müssen uns Woche für Woche auf unsere Aufgaben konzentrieren.

GIANNI COSTA FÜHRTE DAS INTERVIEW

Quelle: RP
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