1. Bundesliga 16/17
| 21.39 Uhr

Champions League schon im Treppenhaus
Leipzigs neuer "Bullenstall" ruft Kritiker auf den Plan

Fotos: Ralf Rangnick – Trainer und Sportdirektor bei RB Leipzig
Fotos: Ralf Rangnick – Trainer und Sportdirektor bei RB Leipzig FOTO: dpa, woi nic vfd
Leipzig. Mit seinem neuen "Bullenstall" setzt Zweitligist RB Leipzig Maßstäbe. Doch die Nachwuchspolitik des Klubs provoziert Kritik.

Wo es hingehen soll, wird schon im Treppenhaus deutlich. Wer die Stufen zu den 50 Zimmern der Nachwuchskicker in der neuen Akademie von RB Leipzig hinaufgeht, liest Schlagzeilen, die den unaufhaltsamen Aufstieg des Fußball-Zweitligisten abbilden. Ganz oben werden die Fernziele mit Lichtstrahlen an die Wand projiziert: DFB-Pokal. Meisterschale. Und, natürlich, der Henkelpott der Champions League.

Der neue "Bullenstall", wie der Verein das schicke Leistungszentrum für die Teams von der U15 bis zu den Profis am Cottaweg 7 nennt, ist in Glas und Beton gegossene Ambition. Stolz ist im Klubmagazin vom "neuen Herzstück" und einem der "beeindruckendsten Neubauten der Stadt" die Rede. Vorstandschef Oliver Mintzlaff schwärmt beim Lokaltermin: "Wir haben der Profimannschaft ein Zuhause gegeben, das Seinesgleichen sucht."

Auf einer Fläche von sechs Hektar sind in einem Naturschutzgebiet unweit der Red Bull Arena für 30 Millionen Euro vier Rasen-, drei Kunstrasenplätze und zwei "Speedcourts" sowie das Akademiegebäude mit einer Fläche von rund 13.500 qm entstanden. Dort bieten Krafträume, der Wellnessbereich mit Gegenstromanlage und drei Saunen, eine Zweifeld-Turnhalle, der großzügige Physio-und Arztbereich oder der 50 m lange "Laufschlauch" mit Kunstrasen- und Tartanbahn "phantastische Bedingungen", wie Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick meint.

Jeder Profi hat ein Einzelzimmer, vor dem sein eingerahmtes Trikot hängt. "Wir müssen keine Feldbetten mehr aufstellen, wenn wir zweimal am Tag trainieren", scherzt Rangnick, dem vor allem der Nachwuchsbereich am Herzen liegt. Seine Philosophie war schon in Hoffenheim, mit jungen, wilden Spielern neue, junge Fans zu gewinnen. Und so ist es geblieben.

Von den 50 Akademieplätzen für U-Spieler sind 48 belegt. In Hoffenheim seien es "elf oder zwölf von 20", sagt Rangnick. Überhaupt sei in Leipzig alles "noch einmal eine Nummer größer".

In den etwa 15 qm großen Zimmern fehlt es jedoch an Protz. Bei einem U17-Spieler, der aktuell mit der Nationalmannschaft unterwegs ist, steht ein Diercke-Atlas im Regal, ein Schulplaner liegt auf dem Schreibtisch. Rangnick legt Wert auf die "duale Karriere" in Schule und Klub. Stolz berichtet er, dass die Anlage nur 1,5 km entfernt von der Uni Leipzig liegt.

Klubs klagen über "Talenteklau"

Mit diesen Pfunden wuchert RB. Das weckt auch Neid. Einige Klubs, nicht nur in näherer Umgebung, klagen über die Raubtierkapitalisten, die ihnen die Talente "klauen". Mit Hertha BSC gab es mehrfach Ärger, Berlins Trainer Pal Dardai nannte es in einem Fall "komisch, was da passiert". Rangnick macht aus seinem Anspruch keinen Hehl. "Von den begabtesten Spielern der Region sollte uns tunlichst keiner durch die Lappen gehen", sagt er bestimmt. RB hat schon Achtjährige im Visier.

In einem Aufenthaltsraum zocken zwei Youngster auf der Konsole; RB führt 3:0 gegen Freiburg. Die Jungs tragen Socken, Straßenschuhe sind in der Akademie verboten - diese Lektion hat Rangnick von Arsenal-Teammanager Arsene Wenger bei einem Besuch in London gelernt. Kleinste Details unterscheiden Sieger von Verlierern. Deshalb "Hausschuhpflicht". Deshalb Spender mit Desinfektionsmittel auf den Fluren. Deshalb sieben Köche – "Fastfood-Gedöns" (Rangnick) kommt ihnen nicht auf den Tisch.

Der Blick vom Bett des Nachwuchskickers geht auf einen der Trainingsplätze – ein täglicher Ansporn. Hinter einem Kissen mit dem Logo des Klubs liegt ein abgenutztes Kuschelschaf. Der Zahnputzbecher im Bad, das sich zwei Talente teilen, erinnert an eine Brausedose. Luxus? Keine Spur. "Wenn es Richtung Puderzucker in den Hintern blasen geht, machen wir es nicht", sagt Rangnick, "wir dürfen sie nicht pampern oder verwöhnen, ihnen nicht alles abnehmen."

Seine Fußballschuhe muss jeder Spieler selber putzen. Der echte Weg zum Champions-League-Pokal ist nicht so einfach über ein paar Treppenstufen zu erreichen.

(sid)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

RB Leipzig: "Bullenstall" ruft Kritiker auf den Plan


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.