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Griechenland - Frankreich 1:0 (0:0): Rehhagels Griechen sensationell im Halbfinale

zuletzt aktualisiert: 26.06.2004 - 10:26

Lissabon (rpo). Angelos Charisteas hat ein neues Kapitel des griechischen Fußball-Märchens geschrieben. Der Treffer des Bundesliga-Legionärs von Werder Bremen in der 65. Minute zum 1:0 (0: 0)-Sieg der Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel warf Titelverteidiger Frankreich bei der Euro 2004 im Viertelfinale aus dem Wettbewerb und sorgte gleichzeitig für die bisher größte Sensation des Turniers in Portugal.

Vor 45.000 Zuschauern im Estadio Jose Alvalade in Lissabon spielten sich nach dem Abpfiff unbeschreibliche Jubelszenen im Lager der Griechen ab, die bei ihrer zweiten EM-Teilnahme erstmals zu den vier besten Mannschaften in Europa gehören. Der Weltmeister von 1998 hingegen verpasste den dritten Halbfinaleinzug in Folge und schloss die Europameisterschaft ähnlich erfolglos wie die WM 2002 in Asien ab. Damals mussten die ebenfalls als Titelverteidiger angetretenen Franzosen die Heimreise nach der Vorrunde sogar ohne Sieg und ohne Tor antreten.

"Ich bin unendlich enttäuscht, das Abenteuer ist vorbei. Wir haben zu viele technische Fehler gemacht", meinte ein sichtlich niedergeschlagener französischer Trainer Jacques Santini nach Spielende. Überglück präsentiert sich hingegen Matchwinner Charisteas: "Wir haben Großartiges erreicht und den großen Favoriten geschlagen. Im Fußball ist alles möglich, vielleich ist jetzt sogar der Titel drin."

In der Vorschlussrunde trifft das Rehhagel-Team am kommenden Donnerstag (1. Juli/20.45 Uhr) in Porto auf den Sieger des Viertelfinals zwischen Tschechien und Dänemark, die sich am Sonntag (20.45 Uhr/live in der ARD) in Porto gegenüberstehen.

In Griechenland dürften sie Rehhagel jetzt endgültig ein Denkmal errichten. Schon durch den 2:1-Triumph gegen den Gastgeber und Halbfinalisten Portugal hatte "König Otto" einige Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Athen eine riesige Euphorie entfacht.

Nach zuletzt mäßiger Leistung beim 1:2 gegen Russland zum Vorrundenabschluss zeigten die Griechen, letztmals 1980 in Italien bei einer EM-Endrunde vertreten, eine taktisch perfekte Leistung. Mit ihrer "kontrollierten Offensive", taktischer Disziplin, hartem Tackling und großem läuferischen Einsatz gelang es Rehhagels Mannschaft lange Zeit, dem großen Favoriten Paroli zu bieten. Die Griechen versuchten, die eigene Fehlerquote so gering wie möglich zu halten und setzten gute Konter. Die technisch beschlagenen Franzosen setzten auf ihre Leichtfüßigkeit und ihr Kurzpass-Spiel, hatten allerdings große Probleme, ihren Rhythmus zu finden. Zur Pause begleitete sie ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert der eigenen Anhänger in die Kabine.

Nicht von ungefähr sorgte Demis Nikolaidis (14.) mit einem 20-m-Schuss für die erste gefährliche Situation des Spiels. Nicht einmal 60 Sekunden später hatten die Griechen sogar den Torschrei auf den Lippen: Der Schuss von Mittelfeldspieler Konstantinos Katsouranis prallte gegen den Innenpfosten - anschließend hatte der Ball bereits zur Hälfe die Torlinie passiert, ehe ihn Welt- und Europameister-Torhüter Fabien Barthez unter Kontrolle bringen konnte. Schiedsrichter Anders Frisk (Schweden) entschied sich dafür, die Partie weiterlaufen zu lassen.

Weil die Griechen geschickt die Räume eng machten und die französischen Bemühungen um einen geordneten Spielaufbau empfindlich störten, dauerte es bis zur 25. Minute, ehe Zidane und Co. erstmals ihre Torgefährlichkeit unter Beweis stellen konnten. Nach Flanke von Robert Pires verfehlte der Kopfball von Henry aber sein Ziel. Zwei Minuten später prüfte auf der Gegenseite erneut Katsouranis Keeper Barthez mit einem Volleyschuss. Panagiotis Fyssas zwang den französischen Schlussmann mit einer tückischen Bogenlampe ebenfalls zu einer Glanzparade (37.).

Auch nach dem Wiederanpfiff blieb bei den Franzosen Vieles nur Stückwerk. Ein eklatantes Abstimmungsproblem in der französischen Abwehr nutzte der Bremer Charisteas nach einer Maßflanke von Theodoros Zarorakis freistehend per Kopf aus acht Metern zum Führungstreffer. Es folgte wütende Angriffe der Franzosen, die jedoch ohne Ideen und Konsequenz im Abschluss vorgetragen wurden. Zidane bemühte sich um Ordnung im Mittelfeld, sah sich angesichts der vielen Ausfälle im Team der Franzosen jedoch zu oft allein auf weiter Flur.

Unter dem Strich vermochten beim hohen Titelfavoriten mit Abstrichen allenfalls Thierry Henry und Robert Pires zu gefallen. Bei den aufopfernd kämpfenden Griechen verdienten sich Kapitän Zagorakis, Georgios Seitaridis und Traianos Dellas die Bestnoten.


Trainer Jacques Santini (Frankreich): "Ich bin unendlich enttäuscht. Das Abenteuer ist vorbei. Wir haben zu viele technische Fehler gemacht. In der ersten Halbzeit hätte die griechische Mannschaft schon ein Tor machen können. Uns hat technische Finesse gefehlt, wir haben nicht klar, nicht direkt genug gespielt und nicht gut verteidigt. Das ist eine Riesenenttäuschung, das kann man nicht anders sagen. Wir haben gedacht, dass wir mindestens ins Halbfinale kommen."

Trainer Otto Rehhagel (Griechenland): "In Rio oder New York werden die Leute werden jetzt aufhorchen. Wir haben heute die Chance des Außenseiters genutzt. Ich muss den Spielern ein großes Kompliment aussprechen, alle haben leidenschaftlich gekämpft. Das, was wir uns vorgenommen haben an Strategie, haben die Spieler großartig umgesetzt. Wir müssen dennoch auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Heute können wir uns freuen, aber wir müssen bescheiden bleiben und glücklich, dass wir das nächste Spiel noch angehen können. Dies ist das Resultat einer dreijährigen Arbeit. Schritt für Schritt hat sich die Mannschaft entwickelt."


Frankreich: Barthez - Gallas, Silvestre, Thuram, Lizarazu - Makelele - Dacourt (72. Wiltord), Zidane, Pires (79. Rothen) - Trezeguet (72. Saha), Henry

Griechenland: Nikopolidis - Seitaridis, Dellas, Kapsis, Fyssas - Zagorakis, Katsouranis, Basinas (85. Tsiartas), Karagounis - Nikolaidis (61. Lakis), Charisteas

Schiedsricher: Anders Frisk (Schweden)

Tor: 0:1 Charisteas (65.)

Zuschauer: 45.390

Beste Spieler: Henry, Pires - Dellas, Zagorakis, Seitaridis

Gelbe Karten: Saha, Zidane - Karagounis, Zagorakis


 
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