Gruppe A: Spanien - Portugal 0:1 (0:0): Scolari: "Wir werden ins Halbfinale kommen"
zuletzt aktualisiert: 21.06.2004 - 12:49Lissabon (rpo). Luiz Felipe Scolari herzte und drückte jeden einzelnen Spieler, das Stadion stand fast völlig Kopf, und auf Lissabons Straßen sowie in ganz Portugal feierten die Fans eine der längsten Nächte in der Geschichte des Landes.
Nach dem triumphalen Einzug der EM-Gastgeber ins Viertelfinale durch das 1:0 (0:0) im entscheidenden Gruppenspiel gegen den einmal mehr kläglich gescheiterten Erzrivalen Spanien steht die ganze Nation wie ein Mann hinter Luis Figo und Co.
"Eine Mannschaft, ein Land - ein Sieg", titelte die Lissaboner Fachzeitung A Bola und verlieh dem ersten Erfolg gegen den Nachbarn seit 23 Jahren gleich auch gesellschaftspolitischen Wert: "Portugal ist ein kleines Land, für das große Sieg direkt eine historische Dimension haben. Portugal ist heute ein Land, das sich mit sich selbst viel besser fühlt."
Ministerpräsident Jose Manuel Durao Barroso geriet vor Freude völlig aus dem Häuschen: "Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben und ein außerordentlich glücklicher Tag für Portugals Geschichte", meinte der Regierungschef jubelnd: "Mit Gottes Hilfe kann diese große Mannschaft bei dieser EM noch sehr weit kommen. Sie muss nur weiter so absolut konzentriert sein und fest an sich glauben."
Scolari will Versprechen halten
Auch Nationaltrainer Scolari dachte in der Stunde des ersten Erfolgs gegen Spanien seit 23 Jahren durch die "Seleccao", deren Fahrt vom EM-Quartier in Alcochete vor den Toren Lissabons zum Estadio Jose Alvalade schon zigtausende Fans an den Straßenrändern begleitet hatten, schon weiter: "Unser Erfolg bedeutet uns sehr viel. Aber ich habe mein Versprechen noch nicht eingelöst. Doch wir werden ins Halbfinale kommen", sagte der glänzend aufgelegte Brasilianer.
Für "General Felipao" war der Sieg durch das "goldene Tor" von Joker Nuno Gomes (57.) angesichts der monatelangen Kritik von Fans und Medien an seinen Personalplanungen auch eine persönliche Genugtuung: "Vor der EM habe ich Geschichte im negativen Sinne geschrieben, weil wir gegen Gegner verloren haben, gegen die Portugal vorher noch nie verloren hatte. Aber in dem Spiel, in dem die Geschichte gewendet werden musste, haben wir die Geschichte gewendet, deswegen muss ich auch niemandem eine Antwort geben", meinte Brasiliens Weltmeister-Coach von 2002 und fügte süffisant hinzu: "Es gibt Kritik, die ist ernsthaft und deswegen willkommen. Aber seit EM-Beginn ist viel Kritik einfach absurd: Da scheinen auch Ärzte, Architekten und Ingenieure schreiben zu dürfen."
Superstar Figo verschwendete an die Negativschlagzeilen nach dem EM-Fehlstart gegen Otto Rehhagels Griechen (1:2) keinen Gedanken mehr: "Wir können wirklich stolz auf uns sein. Der Druck auf uns Spieler bei der EM vor heimischem Publikum ist wirklich sehr hoch, aber ich meine, wir haben einen großartigen Job gemacht", sagte der langjährige Spanien-"Legionär" von Real Madrid und des FC Barcelona.
Depressive Stimmung in Spanien
Sein Kollege Deco vom Champions-League-Sieger FC Porto, wegen seiner brasilianischen Herkunft im EM-Vorfeld ein Reibungspunkt in Mannschaft und Öffentlichkeit und beim 2:0 im zweiten Gruppenspiel gegen Russland in Scolaris Stammformation gerückt, hob ebenfalls den Teamgeist hervor: "Spanien war so stark, wie wir es erwartet hatten. Aber wir waren viel stärker, als die Spanier es erwartet hatten."
Während die Portugiesen von ihrer dritten Teilnahme an einem EM-Halbfinale nach 1984 und 2000 (jeweils Niederlagen gegen den späteren Titelgewinner Frankreich) träumen, herrscht in Spanien geradezu depressive Stimmung. "Eine chronische Enttäuschung", kommentierte die Zeitung AS in Anspielung auf die nunmehr schon 40-jährige Wartezeit der "Furien" auf einen Titel seit dem EM-Triumph 1964.
Das Fachblatt Sport fordert die Entlassung von Trainer Inaki Saez. Die EM-Pleite, bei der Real-Superstar Raul schon in den ersten zwei Spielen gegen Russland (1:0) und Griechenland (1:1) nur ein Schatten seiner selbst war, könnte auch zum Stolperstein für Verbandspräsident Jose Maria Villar geraten, dem die spanischen Medien die Vertragsverlängerung mit Saez bis 2006 vor der EM vorwerfen.
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