Immer mehr Gewalt im Fußball: "Sonst gibt es irgendwann Tote"
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 06.11.2009 - 15:59Düsseldorf (RPO). Die Polizei macht Druck. Die Beamten sehen sich am Limit. Jedes Wochenende bildet die Begleitung von Fußballspielen einen Schwerpunkt der Polizei-Arbeit. Jedes Wochenende werden Polizisten verletzt. Konrad Freiberg, Chef der Polizei-Gewerkschaft GdP, fordert im Vorfeld des Gipfeltreffens mit DFB und der Bundesliga im Gespräch mit unserer Redaktion umfassende Korrekturen.
Die Gewalt hat den Fußball im Griff: Sowohl in der Bundesliga als auch unteren Ligen kommt es immer häufiger zu Schlägereien, Übergriffen, Verletzten. Jüngst kam es zu Ausschreitungen beim Spiel von Hansa Rostock gegen St. Pauli. 27 Polizisten und ein Kameramann wurden bei der Konfrontation mit Fußball-Chaoten verletzt. "Wir dürfen uns von diesem Mob nicht den Fußball und nicht den Sport kaputt machen lassen", wetterte in einer ersten Reaktion der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern. Der Aufwand der Polizei für die Zweitligapartie: 1500 Beamten waren im Einsatz.
Die Krawalle haben zugenommen: "Wir sind gar nicht mehr in der Lage, das aufzufangen", schildert GdP-Chef Freiberg die Lage. Das Ganze habe innerhalb der vergangenen zwei Jahre ein bisher unbekanntes Ausmaß erreicht. Der jüngste Fall ist noch gut in Erinnerung. Die Stadt Mönchengladbach hatte im Oktober für das traditionell hitzige Bundesliga-Derby gegen Köln ein Alkoholverbot für die gesamte Innenstadt erlassen. Ein Novum in Deutschland. Der Aufwand für das Fußballspiel: 2000 Beamte waren im Einsatz, Gesamtkosten von rund einer halben Million Euro.
Hundertschaften in der fünften Liga: Doch der besorgniserregende Trend ist nicht allein eine Sache des Profi-Bereichs. Auch in den unteren Klassen gibt es immer häufiger Krawalle. Früher hätten bei einem Spiel in der fünften Liga zwei Beamte ausgereicht, erzählt Freiberg. Heute müssten oft 500 ausrücken. Wie etwa bei der Fünftliga-Partie zwischen dem FSV Zwickau und Erzgebirge Aue II, bei dem es Schlägereien zwischen gewaltbereiten Anhängern und der mit mehreren Hundertschaften präsenten Polizei gekommen war. Unlängst zeigte ein Beamter einen Fan wegen Mordversuchs an.
Für GdP-Chef Konrad Freiberg ist klar: Es muss etwas geschehen. Auch der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga sind sich der Problematik bewusst. Mitte des Monats treffen sich die beiden Fußball-Verbände mit Vertretern von Freibergs GdP. Anvisiert ist der 16. November. Ziel des Treffens: einen Fahrplan für die Lösung der wachsenden Probleme zu erstellen. Angedacht ist dabei unter anderem ein runder Tisch mit Beteiligung von Bundesinnenministerium, Innenministerkonferenz der Länder, der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) und auch der Bahn.
Die Vereine sind gefordert: Dabei soll alles auf den Prüfstand kommen. Sicherheitsbestimmungen, Alkoholkontrollen schon in der Bahn, Finanzierung von Fan-Projekten. Eine Forderung liegt Konrad Freiberg besonders am Herzen: Er will die Vereine mehr in die Pflicht nehmen, notfalls auch über öffentlichen Druck. Sonst habe man irgendwann Tote zu beklagen. Klubs, die nicht mitziehen, will er beim Namen nennen und auf einer Schwarzen Liste erfassen.
Sofort Spiele unterbrechen: Um der Gewalt Herr zu werden, setzt Freiberg auf gesellschaftliche Ächtung durch Vereinsführung, Spieler und Fans. Schon bei kleinsten Zeichen von Gewalt oder dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern auf den Rängen sollen Spiele unterbrochen werden, fordert der Polizist. Erst wenn dies nicht helfe, müsse "das Spiel eben abgebrochen werden und das nächste Spiel ohne Zuschauer stattfinden."
Der Ton wird aggressiver: Schon seit mehreren Tagen sorgt das Thema für hitzige Diskussionen. Zuletzt hatte Freibergs Kollege Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) mit der Behauptung für Aufsehen gesorgt, jeder Fan, der ein deutsches Fußballstadion besuche, schwebe in Lebensgefahr. Die DFL kassiere Millionen und die Polizei die Prügel. Zudem müssten die Vereine die Einsätze der Beamten bezahlen.
DFB und DFL reagierten erbost: "Maßloser Populismus ist gefährlich, nutzt niemandem und hilft nicht weiter", sagte Liga-Präsident Reinhard Rauball mit Blick auf die jüngsten Äußerungen von DPolG-Chef Rainer Wendt: "Die Bundesliga schätzt die Arbeit der Polizei sehr. Wir wollen uns an einen Tisch setzen und uns an den Fakten orientieren." Auch Freiberg distanziert sich. Er will mit DFL und DFB konstruktiv zusammenarbeiten. Wendt gehe es nicht um die Sache. Zudem spiele sich ein Großteil des Problems in den unteren Ligen ab. Die kleinen Vereine könne man aber schlecht zur Kasse bitten.
Die Kleinen brauchen Geld: DFB und DFL müssten allerdings auch einsehen, dass in den unteren Ligen oft das Geld für Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien und für Fanprojekte fehle: "Da erwarten wir einen Beitrag vom DFB und von der DFL, die das Geld haben. Darauf werden wir bei DFB-Präsident Theo Zwanziger und Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball drängen".
Mit Material vom sid
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