1. Bundesliga 17/18
| 09.42 Uhr

Heiß begehrter Trainer
Alle wollen Nagelsmann

Das ist Julian Nagelsmann
Das ist Julian Nagelsmann FOTO: dpa, ua nic
Dortmund. Der Hoffenheim-Coach wird mit diversen Spitzenklubs in Verbindung gebracht. Ausgerechnet bei einem von ihnen gastiert er morgen mit seinem aktuellen Verein. Von Robert Peters

Von Neckargemünd bis Mainz sind es gut 100 Kilometer. Bei einigermaßen vernünftigen Verkehrsbedingungen braucht ein durchschnittlich motorisierter Zeitgenosse für diese Strecke anderthalb Stunden. Auch deshalb machte Julian Nagelsmann (30) am vergangenen Dienstag ziemlich bereitwillig den Ausflug von seinem Wohnort nach Rheinhessen. Und wenn man voraussetzt, dass Bundesligatrainer überdurchschnittlich gut motorisiert sind, wird dem Fußballlehrer der TSG Hoffenheim die Reise noch leichter gefallen sein als einem normalen Menschen.

Sein Besuch in Mainz sorgte in jedem Fall tüchtig für Aufsehen. Das hatte vor allen Dingen mit dem Klub zu tun, der in Mainz zum Bundesligaspiel auflief. Schließlich gilt Nagelsmann als Kandidat aufs Traineramt bei Borussia Dortmund. Indizien dafür sind nicht nur hartnäckige Gerüchte in BVB-Vereinskreisen, sondern auch die Tatsache, dass Dortmund dem Nachfolger des unlängst entlassenen Cheftrainers Peter Bosz nur einen Vertrag bis zum Saisonende gegeben hat. Peter Stöger (51) ist nur Platzhalter, auch wenn er gern versichert: "Ich freue mich, bis zum Sommer etwas aufzubauen." Bis zum Sommer.

Dortmund ist allerdings nicht der einzige Spitzenklub, der im Juli die wichtigste Position im sportlichen Bereich neu besetzen will. Den großen Bayern bleibt gar nichts anderes übrig. Jupp Heynckes (72) hat seinem alten Freund Uli Hoeneß im Oktober nur deshalb eine Zusage gegeben, weil er am Ende der Saison mit dann 73 Jahren in den Ruhestand auf seinen umgebauten Bauernhof im Schwalmtaler Ortsteil Fischeln zurückkehren will. Das hat er sogar noch mal mit betont, als Hoeneß im Angesicht der jüngsten Siegesserie von einer Fortsetzung des Engagements schwärmte.

Auch die Münchner haben ein Auge auf Nagelsmann geworfen, der seiner Jugend zum Trotz bereits sehr erwachsene Arbeit abliefert. Er entspricht zumindest zwei wesentlichen Anforderungen der Bundesliga-Spitzenteams an ihre Cheftrainer. Nagelsmann ist Deutscher, er spricht damit die wichtigste Sprache im Klub, und er steht mit modernen Trainingsmethoden auf keinen Fall auf Kriegsfuß.

Für das Idealbild des obersten Übungsleiters ist er lediglich ein bisschen sehr jung, denn auch der Faktor Erfahrung spielt im erfolgreichen Berufsleben des Fußballlehrers eine wesentliche Rolle. Weil Dortmund und München zumindest zweimal mit der Auswahl ihrer Spitzenkräfte auf der Trainerbank erkennbar daneben lagen (der BVB mit Bosz, die Münchner mit Carlo Ancelotti), scheint es in beiden Vereinen einen internen Wettbewerb in der Disziplin "ich male mir einen Wunschtrainer" zu geben.

In München geht der so aus: Der neue Mann für den Sommer muss so erfahren sein wie Heynckes und dessen kommunikatives Geschick haben. Er sollte taktisch so begabt sein wie Thomas Tuchel, aber nicht so bockig und eigenwillig in der Zusammenarbeit. Er müsste so akribisch sein wie Pep Guardiola, aber weniger anstrengend. Und damit er der geballten Kompetenz der Führungsriege mit den meinungsstarken ehemaligen Weltklassefußballern Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge ein angenehmer Gesprächspartner ist, sollte er ruhig auch mal in den Höhen des internationalen Geschäfts vor den Ball getreten haben. In dieser letzten Anforderung ans Profil sind sogar die Münchner kompromissbereit, weil auch sie erkannt haben, dass der Markt eher überdurchschnittlich gut ausgebildete Fußballtrainer hergibt als solche mit überdurchschnittlich großen fußballerischen Verdiensten.

So landen die Gedankenspiele der Bayern immer wieder bei Nagelsmann. Den Dortmundern liegt er noch näher. Schließlich geht es hier zu einem wesentlichen Teil darum, eine bemerkenswert große Zahl an hochtalentierten jungen Leuten in ihren Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Tuchel hat vorgemacht, dass es geht. Er hatte jedoch unüberbrückbare Probleme mit den Autoritäten im Klub - vor allem mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Auch er wird sich an der nächsten Trainerverpflichtung messen lassen.

Nagelsmann weiß, dass Besuche bei Spielen der Dortmunder die Gerüchtemaschine so richtig anwerfen. Schließlich kann er auch lesen, und wenn das Gewisper in den BVB-Kreisen stimmt, dann kennt er die Pläne der Westfalen. Daher stellte er zeitig fest, dass er sich den Gegner im abschließenden Spiel der Hinrunde (Samstag, 15.30 Uhr) genauer ansehen wolle, weil der mit einem neuen Trainer möglicherweise einen ganz anderen Fußball spielen werde. "Selbst wenn Peter Bosz noch im Amt gewesen wäre, hätte ich das Spiel auch angeschaut", versicherte er. Und dann sagte er, was seine Berufskollegen an dieser Stelle immer sagen. "Stand jetzt", sagte Nagelsmann, "gehe ich davon aus, dass ich im Sommer Trainer bei 1899 Hoffenheim bin." Schließlich sei er "ein Freund von Fakten, sowohl sportlich als auch privat. Fakt ist, ich bin Trainer der TSG Hoffenheim, und auf diesen Job konzentriere ich mich".

Das wird auch am Samstag im ehemaligen Westfalenstadion so sein. Diesmal wird er besonders aufmerksam bei der Auswahl der richtigen Bekleidung sein. Als Gast im Münchner Stadion trug er vor ein paar Monaten mal einen roten Dufflecoat, was die Oberbekleidungsdeuter unter Deutschlands Fußballwissenschaftlern zu der Vermutung veranlasste, er habe sich farblich bereits zum künftigen Arbeitgeber München bekannt. Daraus hat er gelernt. Morgen heiße es, "Augen auf bei der Outfitwahl", erklärte er. In Mainz trug er übrigens einen dunkelblauen Anorak mit Kapuze.

Quelle: RP
 
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