Deutschland - Ungarn 0:2 (0:2): Ungarn führt Rudis Mannen vor
zuletzt aktualisiert: 06.06.2004 - 21:02Kaiserslautern (rpo). Nach dem "Wunder von Bern", folgt der Alptraum von Kaiserslautern: Gut 50 Jahre nach dem Bern-Spiel hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die EM-Generalprobe gegen Ungarn sauber vergeigt.
Beim 0:2 (0:2) in der Gala aus Anlass des "goldenen Jubiläums" von Deutschlands erstem WM-Triumph 1954 in der Schweiz im Finale gegen die Magyaren bot der Vizeweltmeister in Kaiserslautern eine enttäuschende Vorstellung. Nach der Blamage gegen die vom deutschen Rekordnationalspieler Lothar Matthäus betreuten und von 22 Absagen gebeutelten Osteuropäer muss DFB-Teamchef Rudi Völler, der in seinem 50. Länderspiel als Trainer keinen Grund zur Freude hatte, dem EM-Auftaktspiel am 15. Juni in Porto gegen die Niederlande mit großen Sorgen entgegensehen.
Der international unbekannte Sandor Torghelle besiegelte die erste Heimniederlage gegen Ungarn seit über 19 Jahren (im Januar 1985 in Hamburg 0:1) fast im Alleingang. Der "Doppelpack" des 22-Jährigen von MTK Budapest bedeutete für das deutsche zudem die erste verlorene Generalprobe vor einem Großereignis seit dem 1:3 vor 26 Jahren in Schweden vor der WM in Argentinien.
Matthäus nutzte "unsere Chance"
Völler hatte seine Mannschaft gegenüber dem 2:0 gegen die Schweiz am vergangenen Mittwoch in Basel auf drei Positionen geändert. Wie angekündigt nahm der Dortmunder Torsten Frings für den Bremer Frank Baumann wieder seine Position auf der linken Seite im Mittelfeld ein. Zudem spielte der Stuttgarter Andreas Hinkel für den angeschlagenen Berliner Arne Friedrich, der wegen einer Muskelverhärtung im Oberschenkel geschont wurde, auf der rechten Seite in der Vierer-Abwehrkette. Darüber hinaus ersetzte der Berliner Fredi Bobic im Angriff den Stuttgarter Kevin Kuranyi, der wegen leichter Rückenprobleme vorsichtshalber ebenfalls nur als Zuschauer das Geschehen verfolgte.
Matthäus, der angesichts eines Angebotes von Besiktas Istanbul in der Pfalz schon letztmals für die Ungarn verantwortlich gewesen sein könnte, hatte vor dem Anpfiff der Absagen-Flut für den Erinnerungskick positive Aspekte abzugewinnen versucht: "In der Zusammensetzung wird das Team nie mehr zusammenspielen. Deswegen haben wir nichts zu verlieren, und das ist vielleicht unsere Chance. "
Das Team von Matthäus, 1990 zusammen mit Völler unter Franz Beckenbauer Weltmeister, begann beherzt. Zumal der WM-Zweite vor 36. 590 Zuschauern im ausverkauften Fritz-Walter-Stadion, darunter auch Bundespräsident Johannes Rau sowie Ungarns Staatspräsident Ferenc Madl, im ersten Durchgang eine erschreckend schwache Leistung bot.
Bei Deutschland lief nichts zusammen
Neun Tage vor dem Duell mit den Niederlanden lief bei den Gastgebern nur wenig zusammen. Vor allem in der Abwehr und im Mittelfeld offenbarte die DFB-Auswahl eklatante Schwächen. Doch auch im Angriff konnten weder Miroslav Klose, der nach fünf Jahren im Trikot der 1. FC Kaiserslautern seine Abschiedsvorstellung vor seinem Wechsel zu Werder Bremen auf dem Betzenberg gab, noch Fredi Bobic die ungarische Abwehr in Gefahr bringen. Kombinationen waren im deutschen Spiel Mangelware. Dafür bot der dreimalige Welt- und Europameister eine nicht für möglich gehaltene Fehlpass-Orgie.
Nachdem Torghelle bereits in der zweiten Minute erst im letzten Moment von Jens Nowotny bei einer hervorragenden Chance gestört werden konnte, gelang dem Angreifer von MTK Budapest fünf Minuten später die überraschende Führung für die Gäste, als er einen anfängerhaften Fehler von Routinier Christian Wörns ausnutzte. Torwart und DFB-Kapitän Oliver Kahn war bei diesem Gegentreffer ebenso machtlos wie in der 31. Minute, als wiederum Torghelle ein Missverständnis in der deutschen Hintermannschaft ausnutzte. Nowotny wie auch Hinkel, der wie schon beim 7:0 gegen Malta einen Fehler nach dem anderen produziert hatte, sahen in dieser Situation nicht gut aus.
Gegen die bessere B-Auswahl der Magyaren erspielte sich das deutsche Team in der ersten Hälfte keine Torchance. Michael Ballack mit einem Freistoß (16.) sowie Dietmar Hamann nach einer halben Stunde sorgten immerhin für etwas Unruhe bei Ungarns Torwart Gabor Kiraly von Hertha BSC Berlin, der als einziger Bundesliga-Legionär im Gäste-Team stand.
Die DFB-Mannschaft hatte noch Glück
Die DFB-Mannschaft hatte noch Glück, dass sie nach einer halben Stunde nicht dezimiert weiterspielen musste. Denn nach einer klaren Tätlichkeit von Hamann gegen Leandro hätte der England-Legionär im Normalfall die Rote Karte sehen müssen.
"Wir sind total unzufrieden", kommentierte Völlers Assistent Michael Skibbe in der Pause den dürftige Auftritt der Gastgeber und forderte eine klare Leistungssteigerung: "Bis auf Philipp Lahm sind alle unter ihren Möglichkeiten geblieben. Das muss anders werden."
Völler reagierte auch und brachte zur zweiten Hälfte unter anderem auch den 19-jährigen Bastian Schweinsteiger für Hinkel. Der unter der Woche von der "U21-Mannschaft zum A-Team gestoßene Münchner feierte als Neuling Nummer 25 in der "Ära Völler" sein Debüt in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes und ging als Nationalspieler Nummer 828 in Deutschlands 96-jährige Länderspiel-Geschichte ein.
Nach dem Seitenwechsel engagierter
Nach dem Seitenwechsel gingen die DFB-Spieler engagierter zu Werke und erspielten sich auch gute Gelegenheiten. Bobic (47.), der für Klose eingewechselte Thomas Brdaric (48.) sowie der insgesamt schwache Spielmacher Ballack (53.) vergaben den Anschlusstreffer. In der 56. Minute hatten die Gäste allerdings eine große Gelegenheit zum 3:0, als Kapitän Zoltan Gera freistehend vergab. Mit einem geschickten Pass hatte zuvor Torghelle die komplette DFB-Abwehr düpiert. Im Anschluss hatten Schneider per Freistoß und erneut Brdaric weitere Möglichkeiten für die Gastgeber. Doch auch die Einwechselung des Kölners Lukas Podolski, der mit 19 Jahren und zwei Tagen als drittjüngster Debütant nach Uwe Seeler und Olfa Thon zu seinem ersten Länderspiel kam, brachte nicht die erhoffte Wende.
Bis auf Lahm erreichte im deutschen Team tatsächlich niemand Normalform. Nach der Pause konnte sich lediglich Bernd Schneider etwas verbessert präsentieren.
STIMMEN ZUM SPIEL:
DFB-Teamchef Rudi Völler: "Vom Ergebnis her ist es nicht okay, wenn die Generalprobe nicht gelingt. Wir haben einen Denkzettel bekommen. Wichtig ist aber, dass man diese unnötige Niederlage nicht dramatisiert, denn bei der EM zählen alle Vorbereitungsspiele nicht mehr. Natürlich wollten wir nicht verlieren und haben uns vielleicht auch ein bisschen einlullen lassen von den angeblichen Ausfällen bei den Ungarn. Wir haben in der zweiten Halbzeit auf ein Tor gespielt, aber man hat auch gemerkt, dass dann der letzte Schritt und auch die Frische fehlten. Wir sind für die ersten Minuten bestraft worden, in denen wir nicht so konzentriert gespielt haben wie besprochen. Insgesamt war die erste Halbzeit nicht in Ordnung, und das habe ich auch in der Pause gesagt. Nach der Pause aber waren das Engagement und auch die Chancen so, wie wir es uns vorher erhofft hatten."
STATISTIK ZUM SPIEL:
Deutschland: Kahn (Bayern München) 34 Jahre/69 Länderspiele - Hinkel (VfB Stuttgart) 22/7 ab der 46. Schweinsteiger (Bayern München) 19/1, Wörns (Borussia Dortmund) 32/56, Nowotny (Bayer Leverkusen) 30/43 ab der 61. Baumann (Werder Bremen) 28/24, Lahm (VfB Stuttgart) 20/6 - Schneider (Bayer Leverkusen) 30/37, Hamann (FC Liverpool) 30/55 ab der 84. Ernst (Werder Bremen) 25/7, Frings (Borussia Dortmund) 27/29 - Ballack (Bayern München) 27/41 - Bobic (Hertha BSC Berlin) 32/35 ab der 74. Podolski (1. FC Köln) 19/1, Klose (1. FC Kaiserslautern) 25/38 ab der 46. Brdaric (Hannover 96) 29/3
Ungarn: Kiraly - Bodnar, Juhasz, Stark, Andras Toth - Huszti ab der 90. Bodor, Rosa, Szelesi, Leandro ab der 63. Balazs Toth - Torghelle, Gera ab der 89. Gyepes
Schiedsrichter: Steve Bennett (England)
Tore: 0:1 Torghelle (7.), 0:2 Torghelle (31.)
Zuschauer: 36.590 (ausverkauft)
Beste Spieler: Lahm - Torghelle, Kiraly
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