Die große Analyse: FC Bayern braucht den Umbruch
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 16.04.2009 - 11:10München (RP). Der deutsche Fußball-Rekordmeister ist beim Angriff auf die europäische Spitze gescheitert. In der nächsten Saison soll es einen neuen Anlauf geben. Dafür braucht der Klub neues Personal – auf dem Feld und an der Seitenlinie. Eine Analyse.
Bayern München hat sein Saisonziel schon verpasst. Große Auftritte in der Champions League hatte sich Deutschlands Fußball-Rekordmeister vorgenommen. Doch bereits im Viertelfinale präsentierte ihm der FC Barcelona eine schmerzhafte Standortbestimmung. Nach dem 4:0 im Hinspiel brachte Barca ohne erkennbare Mühe in München ein 1:1 über die Runden. "Barcelona", räumte selbst Trainer Jürgen Klinsmann ein, "ist eine Klasse besser."
Wo fehlt es bei den Bayern?
Zunächst mal schlicht an Qualität. Das Team, mit dem die Münchner zumindest unter die letzten vier in Europa kommen wollten, ist eine Gesellschaft mit beschränkter Klasse. Es hat zu viele Durchschnittsspieler (Christian Lell), ein offenkundiges Torwartproblem, das Klinsmann mit dem späten Wechsel von Michael Rensing zu Jörg Butt unterstrich, und eine spielerisch minderbemittelte Defensive. "Am Ende hat man gesehen, dass bei Barcelona fußballerisch mehr ist als bei uns", stellte Kapitän Mark van Bommel zu Recht fest.
Woran liegt das?
Die Bayern haben sich überschätzt. Allen voran Klinsmann, der offenbar geglaubt hat, es sei mit Handauflegen, ein paar Psycho- oder Technik-Mätzchen und einem Schuss Motivationskunst getan. Aber auch seine Vorgesetzten haben zu sehr auf das Darstellungs-Talent ihres Trainers gesetzt. Die Firmenleitung war derart wild zum Stilwechsel entschlossen, weg vom Verwaltungsfußball hin zum Unterhaltungs- und Tempofußball, dass sie die Wirklichkeit im Team nicht wahrnehmen wollte.
Was muss anders werden?
Die Zusammensetzung der Mannschaft. Weil es Klinsmann erkennbar nicht gelingt, die einzelnen Fußballer so zu verbessern, dass es für die große Bühne reicht, muss der FC Bayern seine Träume mit dem Scheckbuch verwirklichen. Die Verpflichtung des defensiven Mittelfeldspielers Anatoli Timoschtschuk ist nur ein Anfang. Ein neuer Torwart muss her, Robert Enke (Hannover) ist der heißeste Kandidat. Geredet wird allerdings auch über René Adler (Leverkusen). Der Posten des rechten Verteidigers muss dringend mit internationaler Klasse erfüllt werden. Eine mögliche Lösung: Rafinha (Schalke). Und sollte das Spielsystem, wie international in Mode, auf ein Fünfer-Mittelfeld mit einem Stürmer davor umgestellt werden, sollten sich die Münchner um einen zentralen offensiven Mittelfeldmann bemühen. Ob Alexander Baumjohann vom Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach in derart große Schuhe passt, ist fraglich. Für die vorderste Linie benötigt der Verein Ergänzung zu Luca Toni und Miroslav Klose. Kloses Ausfall konnte nicht ausgeglichen werden. Und so ganz nebenbei sollte sich einer der Erziehungsberechtigten beim Meister unbedingt mal um Franck Ribéry kümmern. Der einstige Spaßvogel kokettiert nicht nur mit Wechselgerüchten. Er gibt inzwischen auf dem Platz auch gern wahlweise Diva und Stinkstiefel. Klinsmann hat in der Disziplinierung ebenfalls versagt.
Wie sieht das neue Saisonziel aus?
Klinsmann nennt die Meisterschaft, Präsident Franz Beckenbauer wäre in einer Aufwallung von Güte bereits "mit der Champions League zufrieden, Meister müssen wir gar nicht werden. Nur in den Uefa-Cup passt der FC Bayern nicht". Selbst beim Titelgewinn, auf den die Münchner ein natürliches Recht zu haben glauben, wäre die Saison, die mit so selbstbewussten Tönen begann, nicht gelungen.
Was geschieht mit Klinsmann?
Die Ober-Bayern scheinen finster entschlossen, die Serie mit ihm anständig zu Ende zu bringen. Auch weil es an vernünftigen Alternativen fehlt, die für die letzten sieben Spiele in der Meisterschaft Lösungen versprechen. Das leichte Restprogramm in der Bundesliga macht zumindest die Qualifikation für die Champions League wahrscheinlich. Die Klubspitze hat sich aber längst das Scheitern des Trainers eingestanden. Ganz ähnlich wie große Teile des Anhangs, dem der smarte Wahl-Amerikaner mit vorübergehendem Wohnsitz München nicht mehr zu vermitteln ist. Beim Spiel gegen Barcelona riefen die Fans nicht nur "Klinsmann raus", sie ließen außerdem noch dessen Vorgänger Ottmar Hitzfeld, den in Ehren ergrauten Ur-Trainer Udo Lattek und Klinsmanns Intimfeind Lothar Matthäus hochleben. Drei Ohrfeigen. Auch deshalb hat der Schwabe in München keine Zukunft. Im Sommer wird ein neuer Mann das Projekt Stilwandel und Champions-League-Erfolg angehen. Matthias Sammer, der DFB-Sportdirektor, wäre so einer. Er ist noch jung, bringt Trainer-Erfahrung mit, hat sich als Persönlichkeit beim DFB freischwimmen können. Und er gilt als besessener Arbeiter. Gehandelt werden Armin Veh, der mit Stuttgart Meister wurde, und Louis van Gaal, der gerade Alkmaar in Holland zum Titel coacht. Er hat sich sogar selbst angeboten.
Muss Hoeneß weitermachen?
Es war schön ausgedacht. In seinem letzten Jahr als Manager sollte der FC Bayern runderneuert durch Europa strahlen. Dann hätte Hoeneß seinen Job einem Nachfolger übergeben und wäre Präsident geworden. Nun muss er erkennen, dass er vielleicht ein bisschen vorschnell war. Das macht ihn sehr nachdenklich, und die Öffentlichkeit erlebt zurzeit einen ganz anderen Hoeneß – verschlossen, traurig, ohne Angriffslust. So wie sich sein Lebenswerk im Frühjahr 2009 darstellt, kann er gar nicht aufhören. "Wenn der Klub mich braucht, werde ich ihm dienen", hat er im Gespräch mit unserer Zeitung mal gesagt. Der Klub braucht ihn.
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