133. Revierderby: Schalkes Lust am Niedergang
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 20.02.2009 - 11:15Düsseldorf/Gelsenkirchen (RP). "Die Nerven liegen blank", sagt Stürmer Gerald Asamoah vor dem 133. Derby gegen Borussia Dortmund. Manager Andreas Müller muss im Falle einer Niederlage mit dem Rauswurf rechnen. Fangruppen machen ihn für die schlechte Platzierung in der Bundesliga allein verantwortlich.
Mit dem Temperaturausgleich klappt's schon mal. "Ich bin heiß", sagt Mittelfeldspieler Jermaine Jones. "Das wird eine heiße Kiste", glaubt Angreifer Gerald Asamoah. "Ein heißes Spiel", erwartet Torwart Manuel Neuer. Und Trainer Fred Rutten versichert: "Wirklich, die Jungens sind ganz heiß." Der Spätwinter wird also kein Problem für Fußball-Schalke. Schon eher der heutige Gegner Borussia Dortmund. Und vielleicht die eigenen Fans.
Denn es geschieht Unerhörtes vor dem großen Revier-Derby. Ein Teil der Anhänger des Bundesligisten aus Gelsenkirchen befasst sich in den Internetforen ernsthaft mit dem Gedanken, das eigene Team ausnahmsweise mal nicht so tatkräftig zu unterstützen. Die Rechnung dieser vergleichsweise eigenartigen Gruppe: Schalke verliert gegen den alten Rivalen, und Manager Andreas Müller, ihr Sündenbock für die sportliche Talfahrt, muss gehen. Schalke probt den vorübergehenden Niedergang.
Müller weiß, dass es ein Schlüsselspiel für ihn wird. Er wiederholt zwar gebetsmühlenartig, "dass es nicht um Müller oder Meier, sondern allein um Schalke geht". Aber er hat die Botschaft des Aufsichtsratsvorsitzenden Vorsitzenden Clemens Tönnies im Ohr. Der spricht von drohendem Zugzwang. Und Fred Rutten hat seinem Partner in der sportlichen Führung erklärt, was so eine Feststellung bedeutet. "Der Druck ist sehr hoch", sagt der Holländer, "auch wegen der Positionen von Manager und Trainer. Die entsprechenden Aussagen wurden getroffen. Ich wünschte mir, sie würden künftig ausbleiben."
Ein frommer Wunsch, dem die Vereinsspitzen nirgendwo auf der Welt folgen. Schon gar nicht auf Schalke, wo die Geschicke des Klubs gern öffentlich verhandelt werden. Müller hatte sich aus dieser Tradition im Winter vorerst verabschiedet. Er vertraute der Kraft des Schweigens und unterschätzte die Stimmgewalt seiner Kollegen in der Schalker Führung. Weil der Manager nichts sagte, wurde ihm das im allseitigen Gewitter der Stellungnahmen als weitere Schwäche ausgelegt.
Dann platzte ihm mit Verspätung der Kragen. Er durfte auf der Internet-Seite ein bisschen auf die Mannschaft einkeulen und erklärte anschließend der Menschheit, dass sein Vorgänger Rudi Assauer keineswegs der Wohltäter Schalkes gewesen sei, für den ihn namentlich die Stehplatz-Besucher lange gehalten hatten. Müllers Gefühlsausbruch, der im Vorwurf gipfelte, Assauer habe sich proletenhaft verhalten, unterstreicht die Nervosität des Sportdirektors.
Sie hat auf die Spieler abgefärbt. "Die Nerven liegen blank", beteuert Gerald Asamoah. Und er hat die markigen Marschrouten des fußballerischen Altertums bereit. "Wir müssen kratzen und beißen", fordert der frühere Nationalspieler, der sein 18. Duell mit dem BVB erlebt. Schon deshalb ist er der Lieblingsfeind des Dortmunder Anhangs. Der wiederum füht überhaupt keinen Grund, irgend jemand aus der Führung zum Teufel zu wünschen. Er erinnert sich lieber ans Hinspiel, als seine spielerisch unterlegene Elf im Schlussspurt aus einem 0:3 ein 3:3 machte – mit Unterstützung des Schiedsrichters und der Schalker Überheblichkeit. Und sie werden erfreut zur Kenntnis nehmen, was Jermaine Jones sagt: "Wir wollen uns nicht auf eine Stufe mit Dortmund stellen. Wir haben andere Ziele." Früher hat der Gegner solche Sprüche an seine Kabinentür geklebt.
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