Kollektive Ratlosigkeit in der Krise: Wie ist Schalke noch zu retten?
VON TIM RÖHN - zuletzt aktualisiert: 01.12.2008 - 08:55Stuttgart/Düsseldorf (RPO). Die mitgereisten Schalke-Anhänger machten schon vor dem Anpfiff klar, worum es an diesem Abend ging. "Wir wollen euch kämpfen sehen", hallte es aus tausenden Kehlen während des Aufwärmens durch das Stuttgarter Stadion.
Zwei Stunden später war auch diese Hoffnung gestorben, die Königsblauen hatten mit 0:2 beim Meister von 2007 verloren, die Stimmung schlug um. Wie schon nach dem 0:2 gegen Manchester City unter der Woche im Uefa-Cup skandierten die Fans "Müller raus!", dazu wurde ein Transparent ausgerollt. Aufschrift: "A. Müller gib auf, du hast verloren."
Der Manager steht seit Wochen in der Kritik, vor allem er wird für die Krise auf Schalke verantwortlich gemacht. Die sieht im Detail so: Tabellenplatz neun in der Bundesliga, elf Punkte Rückstand auf Tabellenführer Hoffenheim, im Uefa-Cup droht das vorzeitige Aus und damit Millionen-Verluste. Dabei hatte Nationalspieler Jermaine Jones im Sommer getönt: "Alles andere als Platz eins wäre langweilig."
Fanproteste, Grusel-Spieler und ein Torheld - das waren die Highlights des 15. Bundesliga-Spieltags.
Was Müller dafür kann? Der 45-Jährige lag in der Vergangenheit mit mehreren Transfers daneben. Im Winter kamen Ze Roberto, Albert Streit und Vicente Sanchez, das Trio fristet seitdem ein Reservistendasein. Orlando Engelaar ist seit August da und bringt Schalke nicht nach vorne. Carlos Großmüller war schon im Sommer 2007 in den Ruhrpott gewechselt, mittlerweile spielt der Uruguayer für die zweite Mannschaft in der vierten Liga.
Und dann ist da noch Zehn-Millionen-Euro-Neuzugang Jefferson Farfan, der zwar immer wieder sein Potenzial zeigt, die Erwartungen aber bislang nicht erfüllen kann. Negativer Höhepunkt: In Stuttgart traf er erst das leere Tore nicht, dann verschoss er einen Elfmeter.
Allerdings: Mit Ivan Rakitic, Jermaine Jones und Heiko Westermann hat Müller drei Spieler nach Gelsenkirchen gelockt, die die Qualität der Königsblauen durchaus angehoben haben.
Slomka schlägt nach
Trotzdem wird die Luft für den Manager dünner, und es passt ins Bild, dass Ex-Trainer Mirko Slomka gerade jetzt nachschlägt. Müllers Fehleinkäufe seien "mir zum Verhängnis geworden", erklärte er vor Wochenfrist und hatte offenbar vergessen, mit welcher Art von Fußball er die Schalker Fans vor seinem Rauswurf im April gequält hatte.
Neben Müller steht auch Trainer Fred Rutten in der Kritik. Der Niederländer lässt Woche für Woche den schwachen Landsmann Engelaar ran, die Fans vermuten Vetternwirtschaft dahinter. Außerdem schafft es der 45-Jährige offenbar nicht, seine Mannschaft ausreichend zu motivieren. Anders sind die zuletzt ziemlich leidenschaftslosen Auftritte nicht zu erklären.
Womöglich liegt das aber nicht an Rutten - Schalke hat ein Mentalitätsproblem. Wo sind die Spieler, die sich voll und ganz mit dem Klub identifizieren und nicht nur auf ein gut gefülltes Konto schielen? Gerald Asamoah ist sicher so einer, aber der Ex-Nationalspieler sitzt fast immer auf der Bank. Wohlgemerkt: Aus sportlicher Sicht ist das nachvollziehbar, aber er könnte eine Mannschaft mitreißen.
Genau das würde Schalke jetzt brauchen. Stattdessen gurkt Nationalmannschafts-Flüchtling Kevin Kuranyi über den Platz und spielt die beleidigte Leberwurst, wenn die Anhänger pfeifen. Dann seien das eben keine echten Fans. Zum Klub bekennt er sich nicht, über einen neuen Vertrag wolle er nicht sprechen. Albert Streit liebäugelt derweil offen über eine Rückkehr nach Köln anstatt sich für längere Einsätze zu empfehlen. Es passt ins Bild.
Nach dem Stuttgart-Spiel sagte Trainer Rutten: "Die Zeiten auf Schalke sind schon schwer, so wird es noch schwerer." Wie er die Situation bewältigen will, sagte er nicht. Auch keiner der Spieler hatte einen Rettungsplan parat.
Auf Schalke herrscht kollektive Ratlosigkeit. Lange können sich die Klubbosse das nicht mehr anschauen, sie sind zum Handeln gezwungen. Also müssen Köpfe rollen. So ist das eben im Fußball.
Mitleid als Höchststrafe - der Kommentar zur Schalke-Krise.
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