Niederländer bleibt vorerst Trainer in Berlin: Hertha gewährt Stevens Gnadenfrist
zuletzt aktualisiert: 20.10.2003 - 19:15Berlin (rpo). Bundesliga-Schlusslicht Hertha BSC hält an Trainer Huub Stevens fest. Dies gab Hertha-Manager Dieter Hoeneß am Montagabend auf einer Pressekonferenz in Berlin bekannt. Der Niederländer erhält eine weitere Gnadenfrist.
Der Tabellenletzte gibt dem niederländischen Trainer in den kommenden beiden Spielen in Meisterschaft und DFB-Pokal jeweils bei Hansa Rostock noch die Chance, die sportliche Talfahrt zu stoppen. Das erklärte Hertha-Manager Dieter Hoeneß am Montagabend auf einer Pressekonferenz statt, die erstmals in der Vereinsgeschichte live im Fernsehen (N24) übertragen wurde.
"Wir sind einstimmig zu der Entscheidung gekommen, dass wir mit Huub Stevens weiterarbeiten werden. Wir sind zu dieser Entscheidung gekommen, weil wir überzeugt sind von Huub Stevens", erklärte Hoeneß. "Allerdings müssen wir der momentanen Situation Rechnung tragen. Wir liegen deutlich hinter unseren Erwartungen und die Situation wird immer bedrohlicher. Ich habe mich gestern mit Huub Stevens ausführlich unterhalten, und wir haben uns darauf verständigt, dass die Fortsetzung der Arbeit von zwei Erfolgen in den nächsten Spielen abhängt."
"Stevens kämpft weiter"
Stevens war vor allem wichtig, "dass auch die Spieler dahinter stehen", was Hoeneß nach Gesprächen mit der Mannschaft bestätigte. Der Trainer kündigte an: "Huub Stevens kämpft weiter - für Hertha BSC."
Am Nachmittag hatte Stevens das Training geleitet, als sei nichts geschehen. Am Abend erhielt der 49-Jährige, dessen Entlassung nach der 1:4-Heimpleite gegen Bayer Leverkusen noch unabwendbar schien, die möglicherweise letzte Rückendeckung seines Arbeitgebers. Präsidium, Aufsichtsrat und Manager Dieter Hoeneß hatten zuvor über eine mögliche Trennung von Stevens diskutiert. Vor allem Hoeneß hatte sich immer wieder vehement für eine Weiterbeschäftigung des früheren Schalker Erfolgscoaches eingesetzt, der bislang die hohen Erwartungen in der Hauptstadt nicht erfüllte.
"Ich traue der Mannschaft zu, dass sie aus dieser schwierigen Situation herauskommt", sagte der Niederländer zwar. Doch ein Konzept zur Genesung des Patienten hatte Stevens zumindest öffentlich nicht preisgegeben. Und viel mehr als sein unbestrittener Eifer und seine von Hoeneß stets betonte Identifikation mit dem Klub waren nach einem Viertel der Saison beim besten Willen nicht zu erkennen.
Vor allem die Formationen im Mittelfeld und Abwehr wurden Woche für Woche durcheinandergewürfelt und ließen jegliche Souveränität und Sicherheit vermissen. Selbst sein letzter Trumpf, Marcelinho, stach beim 1:4 gegen Leverkusen nicht. Ernsthaft damit rechnen konnte der Trainer nach zehnwöchiger Verletzungspause des Brasilianers und nur einer Übungseinheit mit der Mannschaft ohnehin nicht. "Das dauert auch noch ein paar Wochen", versuchte Stevens, nach der Pleite gegen Bayer Zeit zu gewinnen.
Dass Marcelinho aber überhaupt auflief, war Ausdruck für die Hilflosigkeit des 49-Jährigen, der offenbar mit der "taktischen Brechstange" die Wende herbeiführen wollte. Den Brasilianer zu bringen, war schon ein Verzweifelungsakt, weil ihm keine Alternativen mehr einfielen. Die Ankündigung nach Marcelinhos Verletzung am ersten Spieltag, die Verantwortung auf alle Schultern gleichmäßig zu verteilen, war schnell zur Farce geworden. Ein Fakt, den sich auch Manager Hoeneß ankreiden lassen musste.
Die Mannschaft war niemals auf den Ausfall ihres Herzstücks vorbereitet. Vor allem nicht gleich zu Saisonbeginn, als das Konstrukt der neuen Truppe mit ihren zugekauften Führungsspielern Fredi Bobic und Niko Kovac, die noch immer nicht in der nötigen Form integriert sind, noch auf ganz wackeligen Füßen stand. Marcelinhos Ausfall entpuppte sich als "worst case", den Hoeneß nicht auf der Rechnung hatte.
Nach dem Aus im Uefa-Pokal gegen Polens Vizemeister Groclin Grodzisk hatte der Manager im Alleingang Stevens den Rücken gestärkt, ohne Absprache mit anderen Gremien. Da er aber merkte, dass er sogar seine Stellung im Klub in Gefahr brächte, wenn er weiterhin seinen Willen gegen Aufsichtsrat und Vorstand durchboxen würde, verzichtete Hoeneß diesmal auf einen erneuten Alleingang. Zumal Aufsichtsratschef Rupert Scholz in Eigenregie der Öffentlichkeit erklärte, dass "alles möglich" sei.
Weil Hoeneß stets in tiefer Überzeugung hinter Stevens stand, war die Suche nach einem möglichen Nachfolger zuletzt wesentlich hektischer, weil zu lange nicht geplant. In Loyalität zum Niederländer verzichtete Hoeneß lange Zeit darauf, den Markt frühzeitig nach einem neuem Trainer abzugrasen. Andernfalls wäre Stevens möglicherweise seit Sonntag arbeitslos gewesen.
Zudem spielte die Geldfrage bei Hertha eine größere Rolle, als man eingestand. Stevens dürfte bei seiner Entlassung eine Million Euro Abfindung kassieren. Geld, das Berlin eigentlich nicht hat. Und der als Nachfolger gehandelte Klaus Toppmöller gehört nicht zu den Kleinverdienern im Geschäft.
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