Exklusiv-Interview mit Manager Jan Schindelmeiser: So tickt Hoffenheim
VON DAS INTERVIEW FÜHRTE TIM RÖHN - zuletzt aktualisiert: 14.11.2008 - 13:18Düsseldorf/Sinsheim (RPO). Die TSG Hoffenheim ist die große Sensation in dieser Bundesliga-Saison. Im Interview spricht Manager Jan Schindelmeiser über den Vergleich mit dem 1. FC Kaiserslautern, den Einfluss von Milliardär Dietmar Hopp - und macht klar, dass der Titel kein Thema ist.
Herr Schindelmeiser, Hand aufs Herz: Träumen Sie von der Meisterschaft?
Jan Schindelmeiser: "Nein, absolut nicht. Das wäre doch völlig unrealistisch. Wenn wir so etwas formulieren, würden wir die Mannschaft mit einer Erwartungshaltung überziehen, der sie nicht gerecht werden kann. Wir wollen einfach, dass sich unsere Spieler kontinuierlich weiter entwickeln und verbessern. Alles andere lenkt nur ab."
Aber warum sollte es nicht klappen? Die Mannschaft verbessert sich doch immer weiter.
Schindelmeiser: "Es ist schwierig, konstant auf diesem hohen Niveau zu spielen. Die Mannschaft hat noch nicht die Erfahrung. Unsere Spieler sind generell größeren Schwankungen ausgesetzt als 27- oder 28-Jährige. Das gilt nach oben und nach unten."
Der 1. FC Kaiserslautern ist 1998 als Aufsteiger Meister geworden.
Schindelmeiser: "Natürlich werden da im Moment Parallelen projiziert, aber diesen Vergleich kann man nicht ziehen. Der FCK hat mehrere Jahrzehnte in der Bundesliga gespielt, der Abstieg war damals nur ein Betriebsunfall. Insofern war Lautern dann kein typischer Aufsteiger, sondern eine gestande Erstliga-Mannschaft. Wir dagegen haben eine junge Mannschaft und wollen uns erst einmal stabilisieren - nicht nur sportlich, sondern auch im Umfeld."
Was heißt das konkret?
Schindelmeiser: "Wir arbeiten an mehreren Baustellen. Ab Januar spielen wir in unserem neuen Stadion, im Sommer wird das neue Trainingszentrum fertig sein. Bei uns gibt es noch viel Bewegung. Das Gebilde ist deshalb noch fragil. Wenn die Infrastruktur steht, können wir unser Augenmerk noch stärker auf die Entwicklung unserer Mannschaft richten."
Sie waren vorher Manager beim 1. FC Augsburg. Wieviel Spaß macht Ihnen der Job in Hoffenheim?
Schindelmeiser: "Ralf Rangnick und ich sind hier im Juni 2006 angetreten. Die Bedingungen waren damals schon sehr gut. Wir haben im sportlichen Bereich maximale Freiheiten, um unsere konzeptionellen Vorstellungen umzusetzen. Alle Menschen, die wir für die TSG gewinnen konnten, passen exzelllent in unser Gebilde."
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Ihr Manager-Kollege Uli Hoeneß vom FC Bayern hat Hoffenheim jüngst zu einem ernsten Konkurrenten im Kampf um die deutsche Fußball-Krone erkoren. Freuen Sie sich darüber?
Schindelmeiser: "Ja, vielen Dank. Welche Motive hinter der Aussage stehen, kann ich allerdings nur vermuten. Aber darauf lassen wir uns nicht ein. Wir zählen uns nicht zu den Meisterschaftskandidaten. Absteigen werden wir allerdings auch nicht, davon bin ich überzeugt. Ein guter Mittelfeldplatz wäre klasse. Gegen eine bessere Platzierung würden wir uns aber auch nicht wehren."
Wann wird in Hoffenheim das internationale Geschäft öffentlich als Ziel ausgegeben?
Schindelmeiser: "Lassen Sie uns soch erst einmal in der Bundesliga etablieren. Das wird schwierig genug."
Sorgen um ihre Leistungsträger müssen Sie sich nicht machen, oder? Geld hat Hoffenheim ja genug.
Schindelmeiser: "Nahezu alle Spieler, die zuletzt den harten Kern ausgemacht haben, sind langfristig gebunden. Dass die Entwicklung unserer Spieler Begehrlichkeiten anderer Klubs auslösen könnte, ist uns bewusst. Wir werden darauf vorbereitet sein. Freiwillig werden wir zeitnah keinen Spieler abgeben. Die Gesamtentwicklung unserer Mannschaft und der Reputationsgewinn des Klubs durch die Art und Weise wie die Mannschaft auftritt, ist viel zu wertvoll, als dass wir sie durch einen noch so attraktiven Transfererlös gefährden dürfen. Außerdem glaube ich nicht, dass uns ein Spieler verlassen möchte."
Warum?
Schindelmeiser: "Bei uns haben diese jungen Spieler die besten Voraussetzungen, früh auf hohem Niveau zu spielen und sich weiterzuentwickeln. Beides können sie bei europäischen Top-Klubs sicher nicht so gut. Außerdem haben sie in ein paar Jahren immer noch alle Möglichkeiten."
Wie erklären Sie sich den Erfolg? War das alles so geplant?
Schindelmeiser: "Nein, wir sind selbst überrascht. Dass vor allem der Start in die Saison so gut lief, hat uns sehr geholfen. Das hat der Mannschaft Sicherheit gegeben und erheblichen Druck genommen. Im vergangenen Jahr hat die Mannschaft deutliche Fortschritte gemacht - am deutlichsten zu sehen in der Arbeit gegen den Ball. Unsere Spieler sind jung, schnell und ausgesprochen lernbereit. Und sie wollen nach oben, haben alle die gleiche Orientierung."
Mit älteren Spielern wäre die Arbeit schwieriger?
Schindelmeiser: "Wir haben eine andere Philosophie. 28-Jährige sind sicher nur noch schwer formbar. Für sie wäre unser Weg nicht Besonderes. Für viele unserer jungen Spieler sind die Auswärtsspiele bei den großen Klubs dagegen eine echte Abenteuerreise."
Kommen in der Winterpause neue Spieler? Gibt es Interesse an Timo Hildebrand?
Schindelmeiser: "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich keine Namen kommentieren möchte. Aber es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass wir im Winter aktiv werden. Mit den Spielern, deren Verträge bald enden, erörtern wir vor der Winterpause die Perspektiven. Im Moment gilt unser Augenmerk in Sachen Transfers eher der nächsten Saison."
Wie sehr nimmt Dietmar Hopp Einfluss auf Ihre Arbeit?
Schindelmeiser: "Überhaupt nicht. Er ist bewusst nicht ins Tagesgeschäft involviert. Er sagt: 'Ihr habt alle Möglichkeiten und Freiheiten. Wenn ihr mich braucht, bin ich jederzeit für euch da.' Er ist aber auch so immer auf dem Laufenden. Für uns ist er eine Art Mentor, was ich als großes Privileg empfinde."
Beim Aufstieg wurde das "Projekt Hoffenheim" noch harsch kritisiert. Mittlerweile gibt es viel Zuspruch. Wie sehr freut Sie das?
Schindelmeiser: "Uns war klar, dass wir die Kritiker verbal nur schwer erreichen können, sondern nur über erfolgreichen und attraktiven Fußball. Das haben wir geschafft. Mittlerweile kann der Auftritt unserer Mannschaft auch Menschen begeistern, die zuletzt eine eher skeptische Haltung hatten."
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