2. Bundesliga 15/16 2. Bundesliga
| 07.29 Uhr

Peter Neururer im Interview
"Fortuna ist für mich ein klarer Aufstiegskandidat"

Porträt in Bildern: Das ist Peter Neururer
Porträt in Bildern: Das ist Peter Neururer FOTO: dpa, a nic
Bochum. Peter Neururer ist eines der letzten Originale in der Fußballbranche. Sprücheklopfer, Feuerwehrmann, so nennen ihn die einen. Als "Peter, der Gigant" feiern ihn seine Anhänger. Letztere Gruppe hat derzeit regen Zulauf. Denn der Trainer des Zweitligisten VfL Bochum steht mit seinem Verein auf einem Spitzenplatz. Heute (20.15 Uhr/Live-Ticker) trifft der 59-Jährige mit seinem Klub auf Fortuna Düsseldorf. Von Jasmin Buck und Gianni Costa

Herr Neururer, 1999 waren Sie für wenige Wochen Trainer von Fortuna Düsseldorf. Haben Sie noch gute Erinnerungen an den alten Arbeitgeber?

Neururer Sehr gute sogar. Ich hatte hervorragende Mitarbeiter. Da passte alles, nur ein Ding nicht: Man hat mich unter total falschen Voraussetzungen verpflichtet. Ich sollte die Liga halten, ich habe aber eigentlich schon nach der Partie gemerkt, dass ich chancenlos mit dieser Mannschaft bin. Viele Spieler hatten in ihren Verträgen beim Abstieg Ausstiegsklauseln. Viele waren einfach nicht mehr bei der Sache. Das Ende war ziemlich traurig.

Ist denn ein Abstieg immer verdient?

Neururer Es gibt keinen unverdienten Abstieg. Es kann auch nie ein letztes Spiel entscheidend sein, es kann eine finale Wirkung haben, mehr aber auch nicht. So etwas baut sich über eine gesamte Saison auf.

Wir blicken zurück ins Jahr 1971.

Neururer Da kann ich ganz viel zu erzählen. Welches Thema genau?

Damals sind Fortuna und Bochum beide in die erste Liga aufgestiegen – und 16 Jahre drin geblieben. Wird sich Geschichte am Ende der Saison wiederholen?

Neururer Das ist eine gute Frage. Das ist nämlich eine der wenigen Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich bin schließlich kein Hellseher. Aber Fortuna ist schon für mich ein klarer Aufstiegskandidat. Die Mannschaft hat unheimlich viel Potenzial.

Beim Kurznachrichtendienst Twitter werden Sie unter dem Hashtag #PeterderGigant gefeiert. Hört sich doch gut an, oder?

Neururer (lacht) Kann ja auch ein gigantischer Trottel sein. Natürlich ist es schön, etwas Nettes über sich zu lesen. Es werden sich im Internet aber auch genügend Seiten finden, auf denen ich von irgendwem beschimpft werde. Entscheidend ist für mich, was die Leute über mich sagen, die mit mir zusammenleben und arbeiten.

Bochum hat den 6. Spieltag als Spitzenreiter abgeschlossen und die Mannschaft wird gefeiert. Es ist aber wenig die Rede davon, wie groß Ihr Anteil daran ist. Kränkt Sie das?

Neururer Die Zeiten sind längst vorbei. Ich habe schon alles erlebt. In Bochum bin ich schon gefeiert worden, als ob ich übers Wasser gehen könnte, als wir mal den Klassenerhalt geschafft hatten oder als wir uns für den Uefa-Pokal qualifiziert hatten. Oftmals ist es in unserem Trainergeschäft leider so. Wenn es gut läuft, dann hat der Verein alles richtig gemacht. Wenn es in die andere Richtung geht, ist ausschließlich der Trainer daran schuld. So ist es eben. Dafür bekommen wir jeden Monat auch ein stattliches Schmerzensgeld überwiesen.

Ärgert es Sie, dass Ihre fachlichen Qualitäten weniger Gesprächsthema sind?

Neururer Mich interessieren Urteile, die von außen kommen, wenig. Nehmen Sie die Wahl zum Trainer des Jahres – so etwas braucht doch kein Mensch. Niemand, der da wählt, weiß doch überhaupt, wie die Trainer tatsächlich mit der Mannschaft arbeiten.

Heutzutage gibt es viele Konzepttrainer – und Peter Neururer.

Neururer Wahnsinn, oder? Die Marke Neururer ist einfach einzigartig. Es wird über viele geredet, aber ich bin noch da. Qualität setzt sich durch.

Was werden Sie am Ende dieser Saison denn alles richtig gemacht haben?

Neururer Warten wir mal ab. Momentan können wir sehr tief fallen. Wenn wir am Ende auf den zweiten, dritten Platz rutschen, wäre es immer noch ein großer Erfolg. Der Klassenerhalt ist in diesem Jahr unser Saisonziel. Wenn wir nun soundsolange auf dem ersten Platz bleiben und am Ende aber 14. würden, hieße es: Neururer ist mit Bochum abgestürzt – ganz egal was für Ziele wir eigentlich hatten.

Vor fünf Jahren haben Sie, damals als Trainer beim MSV Duisburg, Simon Terodde empfohlen, den Verein wegen Perspektivlosigkeit zu verlassen. Nun ist er von Union Berlin an die Castroper Straße gewechselt und aktuell der beste Angreifer. Ist das aus der Kategorie "Geschichten die nur der Fußball schreibt"?

Neururer So einfach ist Fußball manchmal. Ich habe Simon immer schon gesagt, dass ich ihn für ein großes Talent halte. Beim MSV sah ich für ihn aber tatsächlich keine Perspektive. Nun hat er sich so entwickelt, wie ich mir das für ihn gewünscht habe.

Ist es aber nicht auch ein Stück weit frustrierend im Millionengeschäft Fußball, dass es so viele Dinge gibt, die unkalkulierbar sind?

Neururer Definitiv. Aber wenn man das Spiel begreift, lebt man viel entspannter mit vielen Entwicklungen. Einige Dinge im Fußball kann man bis zu einem gewissen Punkt planen, aber wenn ein Spieler den Ball aus bester Position am leeren Tor vorbeischießt und man deshalb eine Partie nicht gewinnt, dann kannst du dir deinen Matchplan oder was auch immer sonst wohin stecken. Du kannst noch so schöne Konzepte haben. Wenn du nicht Ergebnisse ablieferst, bist du nach vier Spielen weg. Ich habe mich auf dieses System eingelassen, sonst würde ich noch heute als Lehrer in der Schule stehen.

Ist Peter Neururer als Trainer des FC Bayern München vorstellbar?

Neururer Nullkommanull. Überhaupt nicht. Der FC Bayern ist der großartigste Verein – ich sage sogar weltweit. Was sollten die Münchner mit einem Typen wie mir anfangen? Ich weiß die Dinge schon richtig einzuordnen. Bei den Bayern hat mich aber auch noch nie ein Job gereizt, weil ich keiner von Vielen sein will. Beim VfL Bochum haben es nur zwei Trainer geschafft, den Verein ins internationale Geschäft zu führen. Unter den Bedingungen eine wirklich herausragende Leistung.

Vor Ihrem Engagement beim VfL Bochum haben Sie gesagt, für Sie käme eben nur ein Engagement dort, beim FC Schalke und dem 1. FC Köln infrage. Sofern es noch einmal nötig würde nach einem neuen Arbeitgeber zu suchen: Bleibt es bei dem eingeschränkten Kreis?

Neururer In meinem Alter und meinen Erfahrungen gibt es in Deutschland nur diese drei Anlaufstationen.

Sie sind jetzt 59. Denken Sie manchmal über Ihren eigenen Ruhestand nach?

Neururer Irgendwann mit Sicherheit. Und zwar genau an dem Punkt, wenn ich die Spieler nicht mehr verstehe oder umgekehrt.

Wie bringen Sie sich als Trainer denn auf den neuesten Stand?

Neururer In dem ich mit den Jungs rede, rede, rede. Ich fühle mich wie 30, ich habe aber gelebte 130 Jahre auf dem Buckel. Einige Dinge kann man auch nicht lernen, dafür braucht man Erfahrung.

Mit dem Düsseldorfer Trainer Oliver Reck spielen Sie gelegentlich in einer Schalker-Runde Golf. Verbindet Sie aber noch viel intensiver, dass Sie beide nach einem Herzinfarkt nur knapp dem Tode entkommen sind?

Neururer Oliver und ich kennen uns sehr gut. Aber unser Thema ist nicht unsere Gesundheitsakte, sondern unsere Liebe zum Fußball. Und gelegentlich zum Golf.

Können Sie nachvollziehen, dass Trainer bereits nach wenigen Spieltagen unter Druck stehen?

Neururer Es ist manchmal absurd. Aber so ist das Geschäft. Wir Profis werden zu oft von Amateuren beurteilt. Da muss man mit vielen Dingen leben.

Heute steigt der Westschlager gegen Fortuna. Ist das Zirkuspferd Neururer vor so einer Begegnung besonders unter Dampf?

Neururer Selbstverständlich.

Wann beginnt für Sie das Kribbeln?

Neururer Am Spieltag. Wenn ich zum Stadion fahre, mir einige Dinge durch den Kopf gehen.

Haben Sie schon beim warm machen ein Gefühl, wie das Spiel laufen könnte?

Neururer Ja, tatsächlich habe ich danach eine ganz gute Einschätzung, wie es spielerisch laufen wird. Aber dann kommt oft der grausame Moment für einen Trainer, wenn du siehst, das wird heute nichts. Und du hast keine Möglichkeit mehr Einfluss zu nehmen. Das sind die einzigen Momente, die mir keinen Spaß im Fußball machen.

Reden wir über Ihre Haare.

Neururer Die sehen scheiße aus, ne?

Darüber mögen wir uns kein Urteil bilden. Sie haben sich einst die Haare nach dem Klassenerhalt in blau und weiß färben lassen. Gehen Sie mit uns eine Wette ein, dass Bochum den Aufstieg schafft?

Neururer Lassen Sie mich mit Wetten in Ruhe.

Für einen guten Zweck?

Neururer Wir können gerne darüber reden, dass ich einen Teil unserer Prämien spende, wenn wir das schaffen. Ich möchte da aber nicht so eine populistische Sache draus machen.

Was denken Sie als Fußball-Traditionalist über ein sogenanntes Kunstprodukt wie RB Leipzig?

Neururer Ich kann nicht viel über die Macher sagen. Sie bewegen sich im Rahmen der ihnen gegebenen Möglichkeiten. Der Fehler liegt wahrscheinlich im System. Es ist für mich erschreckend, wie die Deutsche Fußball-Liga Investoren mittlerweile gewähren lässt. Da fasse ich mir an den Kopf.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie nur Bücher lesen würden, in denen es um Fußball geht. Heißt das also, dass Sie dieses Interview nicht lesen?

Neururer So extrem ist es nicht. Ich lese bevorzugt solche Bücher. Aber natürlich lese ich das Interview. (lacht) Ich will ja schließlich wissen, was Sie da verzapft haben. Mich interessiert das schon.

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