1. Bundesliga 16/17
| 09.46 Uhr

Verträge sind nicht mehr viel wert
Draxler steht für die neue Spielergeneration

Julian Draxler und der VfL Wolfsburg – Verträge sind nicht mehr viel wert
Julian Draxler (Mitte) will dem VfL noch vor Saisonbeginn den Rücken kehren. 2015 hatte er einen Fünf-Jahres-Vertrag bei den Niedersachsen unterschrieben. FOTO: dpa, pst nic
Wolfsburg. Julian Draxler will Wolfsburg nach nur einem Jahr verlassen. Der Fall zeigt, dass Verträge immer mehr an Wert verlieren. Von Gianni Costa und Patrick Scherer

Entschlossenheit spricht aus seinem Blick. Sie kommt echt rüber. Julian Draxler preist auf einem Werbebanner das neue Trikot seines Vereins an. Darunter steht geschrieben: "Wolfsburger. Mit jeder Faser." Die Halbwertszeit dieses Marketingschachzugs ist kurz, sehr kurz. In einem Interview mit der "Bild" machte Draxler nämlich nun deutlich, dass er doch lieber das Trikot eines anderen Klubs tragen möchte. Und das so schnell wie möglich. Der FC Arsenal und Juventus Turin sollen interessiert sein. Es ist nicht das erste Mal, dass der 22-Jährige mit Macht einen Wechsel forciert und einen Vertrag nicht als bindendes Dokument sieht.

Knapp ein Jahr ist es her, da drängte Draxler auf die Auflösung seines Kontrakts mit Schalke 04. 35 Millionen Euro waren dem VfL Wolfsburg die Dienste des Nationalspielers wert. Von "Stolz und Leidenschaft bis 2018", wie der Gelsenkirchener Werbeslogan zu Draxlers Verlängerung im Jahr 2013 lautete, war nun schnell nicht mehr die Rede. Nächste Station Wolfsburg bis 2020.

Fotos: Julian Draxler – Jung-Star, Schalker, Weltmeister FOTO: dpa, pst nic

Jetzt hat Draxler also genug von den Wolfsburger Fasern. "Bei mir ist es so, dass ich mich nach der EM gegenüber Trainer Dieter Hecking klar geäußert habe, dass ich den VfL Wolfsburg verlassen möchte", sagte Draxler. Den Spieler überrascht die öffentliche Darstellung des Vereins, ihn nicht ziehen lassen zu wollen. Draxler beschwert sich über fehlende Kommunikation und pocht auf Vereinbarungen: "Mir wurde bei meinem Wechsel zugesichert, dass ich den Verein verlassen kann, wenn sich dazu Möglichkeiten ergeben. Sowohl von Hecking als auch von Allofs (VfL-Sportvorstand, Anm. d. Red.)." Diese Aussage belegt, dass der gebürtige Gladbecker die Autostadt trotz Fünfjahresvertrags ohnehin nur als Durchgangsstation betrachtet hat. Für Draxler scheint der Durchgang nach einer Saison beendet. Er erhöht mit seinen Aussagen den Druck auf die Verantwortlichen.

Die lassen sich aber nicht auf Spielchen ein und reagieren stur. "Der VfL Wolfsburg wird Julian Draxler in der aktuellen Transferperiode nicht transferieren", teilten der Aufsichtsrat und die Geschäftsführung der Niedersachsen gestern in einer offiziellen Mitteilung mit. Die Verantwortlichen verwiesen zudem auf den Fünfjahresvertrag aus dem Vorjahr, in dem "gemeinschaftlich mit Julian Draxler und seinem Management" eine Ausstiegsklausel verankert worden ist, die erstmals im Sommer 2017 greift. Die dann fällige Ablösesumme soll nach übereinstimmenden Medienberichten 75 Millionen Euro betragen.

Der Fall Draxler steht exemplarisch für die aktuelle Ära im Profigeschäft. "Der Fußball muss aufpassen, dass das ganze System nicht komplett aus dem Ruder läuft", sagt Fortuna Düsseldorfs ehemaliger Sportvorstand Wolf Werner. "Die Spieler haben längst die Macht übernommen. Die Vereine sind total erpressbar geworden und haben nichts in der Hand, um sich gegen solche Praktiken zu wehren. Wenn ein Profi keine Lust mehr hat, meldet er sich einfach krank bis er sein Ziel erreicht hat. Alles schon vorgekommen."

In seiner Praxis als Manager habe es auch oft Spieler mit Sonderwünschen gegeben, erzählt der mittlerweile 74-Jährige, der vor seiner Zeit in Düsseldorf unter anderem bei Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen gearbeitet hat. "Die habe ich alle schriftlich fixieren lassen. Ein richtig guter Spieler unterschreibt ja keinen Vertrag mehr ohne Ausstiegsklausel", sagt er. "Wenn Draxler so schlau ist, wie er sich gibt, dann verstehe ich nicht, warum Zusicherungen nicht vertraglich fixiert worden sind." Werner hält die Entwicklung in Deutschland für bedrohlich, da sie der Marke Fußball insgesamt schaden würden. Werner: "Die ganzen Treuebekenntnisse der Spieler sind doch überhaupt nichts mehr wert."

Die Kehrseite der Medaille: Auch Vereine haben Möglichkeiten, unliebsam gewordene Spieler zum Abschied zu bewegen. Bastian Schweinsteiger hat das dieser Tage erfahren müssen, als sein Spind bei den Profis auf Anweisung von Jose Mourinho geräumt wurde. Dem 32-Jährigen wurde mitgeteilt, dass Manchester United nicht mehr mit ihm plane. 2013 hatte die TSG Hoffenheim eine Trainingsgruppe 2 (unter anderem mit den Nationalspielern Tim Wiese, Tobias Weis und Eren Derdiyok) gegründet, die komplett abgesondert von den Profis trainierte. Der Stuttgarter Profi Kevin Großkreutz prangerte anlässlich des Wechsels von Jakub "Kuba" Blaszczykowski von seinem Herzensklub Borussia Dortmund nach Wolfsburg an, dass es im Fußballgeschäft für verdiente Spieler keine Dankbarkeit gebe.

Das gilt wohl auch für verdiente Arbeitgeber.

Quelle: RP
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