1. Bundesliga 17/18
| 15.21 Uhr

Krisenklub Wolfsburg
Kaum besser als der HSV

Krisenklub Wolfsburg: Mehr Abstiegskampf als Königsklasse
Ratlosigkeit bei Mario Gomez. FOTO: dpa, pst nic
Düsseldorf. Das Anspruchsdenken beim VfL Wolfsburg ist generell hoch. Ein Weltkonzern steht hinter dem Verein, der sportliche Erfolge erwartet. Ambitionen, an denen Wolfsburg regelmäßig scheitert. Abstiegskampf statt Königsklasse lautet häufig die Realität. Von Daniel Brickwedde

Es ist noch nicht lange her, da kamen aus Wolfsburg noch selbstbewusste Sätze wie "wir werden die Bayern nicht in Ruhe lassen" (Ricardo Rodriguez) oder "wir wollen den Abstand zu den Bayern verkürzen" (Klaus Allofs). Es war Sommer 2015, der Verein Pokalsieger und Vizemeister, und der VfL untermauerte seine forschen Ansprüche mit dem Sieg im Supercup – ausgerechnet im Elfmeterschießen gegen Bayern München. Man sah sich sportlich auf dem richtigen Weg in der Autostadt.

Keine zwei Jahre später wirkt der 1. FC Heidenheim fast näher als der große Klub aus München. Der Verein ragt mit der Stoßstange schon gefährlich weit in den Abgrund zur 2. Liga hinein. Am letzten Spieltag kommt es zum entscheidenden Abstiegs-Endspiel gegen den Hamburger SV. Zu Gewinnen hat Wolfsburg in dieser Saison allerdings schon lange nichts mehr, es geht schlicht darum, die Total-Katastrophe zu verhindern.

Die Gründe für den tiefen Fall sind vielfältig. Da wäre zum einen der Abgang von Kevin De Bruyne zu Manchester City, der nie kompensiert werden konnte. Zum anderen blieben bestehende Leistungsträger ebenso hinter den Erwartungen wie auch teure Neuverpflichtungen, die nicht das im Verein sahen, was der Verein in ihnen sah. Die Posse um Julian Draxler zu Saisonbeginn verdeutlichte den Stellenwert des Fußballstandortes Wolfsburg für umworbene Spieler. Eine Zwischenstation, aber nichts Dauerhaftes. Die Identifikation hält sich in Grenzen.

Mehr Abstiegskampf als Königsklasse

Es ist eine Geschichte, die sich wiederholt in Wolfsburg. Nach der überraschenden Meisterschaft 2009 wähnten sich die Verantwortlichen, auch im Volkswagenkonzern, schon einmal da angekommen, wo sie sich schon immer sahen: In der Spitzengruppe der Bundesliga. Zwei Jahre später wurde das eigene sportliche Bild allerdings bitter relativiert: Meistertrainer Felix Magath eilte zurück, um die Millionen-Truppe so gerade noch vor dem Abstieg in die Zweitklassigkeit zu bewahren.

15, 15, 5, 1, 8, 15, 8, 11, 5, 2, 8 und aktuell wieder Platz 15 lauten die Tabellenplatzierungen der vergangenen zwölf Jahre. Es sind Zahlen, die auch den VW-Konzern für ihr sportliches Aushängeschild nicht zufrieden stellen dürften. Denn mit einer Weltmarke wie VW als Mutterkonzern liegen die Ansprüche generell hoch: International soll es bitte am Ende jeder Saison sein. Die Erfüllung der kurzfristigen sportlichen Ziele scheint über allem zu stehen. Zwölf Trainerwechsel und etliche Geschäftsführer in zwölf Jahren passen da ins Bild. Es waren vordergründig große Namen wie Armin Veh, Steve McClaren, Dieter Hoeneß, Felix Magath oder Klaus Allofs – gescheitert an den Ambitionen sind sie alle irgendwann.

Folgen beim Abstieg drastisch

Denn Ruhm lässt sich offenbar nicht konservieren in Wolfsburg. Kontinuität hat nur der regelmäßige Absturz in die unteren Tabellenregionen. Trotz hoher finanzieller Aufwendungen – eine Diskrepanz, die auch der kommende Gegner Hamburg kennt. Ebenso wie die ständigen Wechsel in der Führungsriege.

Aktuell stehen Manager Olaf Rebbe und Trainer Andries Jonker in der Verantwortung, um den ersten Abstieg aus der Bundesliga zu verhindern. Man reist mit zwei Zählern Vorsprung zum Entscheidungsspiel nach Hamburg – ein Punkt würde reichen. Die Folgen bei einem Scheitern sind derweil kaum absehbar für den Verein. Die Zuwendungen von Volkswagen sollen ohnehin um 20 Millionen Euro gekürzt werden, im Abstiegsfall wohl noch drastischer. Auch aus den Geldern der TV-Vermarktung würde Wolfsburg rund 40 Millionen Euro weniger kassieren. Nicht zuletzt wäre der Kader nicht zu halten, der größtenteils finanziell nach Europapokal-Ansprüchen aufgestellt wurde.

Eine kritische Aufarbeitung und ein erneuter Umbruch steht Wolfsburg im Sommer in jedem Fall bevor. Eine zentrale Rolle in der neuen Ausrichtung soll dabei Nationalspieler Mario Gomez spielen. Bei ihm habe VfL-Geschäftsführer Wolfgang Hotze, der eine Neuausrichtung"intensiv vorantreiben" will, "wie bei nur wenigen anderen das Gefühl, dass er sich sowohl im Verein selbst als auch in unserer Stadt wirklich rundum wohlfühlt", erklärte er. Auch eine bezeichnende Aussage.

Vorerst sollte das Anspruchsdenken in Wolfsburg daher erst mal lauten: Mit Bayern in einer Liga bleiben.

(dbr)
 
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